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Embryonen-Experimente : Kinderwunschfabriken immer schöpferischer

Experimente in der Kinderwunschklinik. Bild: dpa

Es ist der Moment, wenn Mutter und Kind quasi zusammenwachsen, die Einnistung des Embryos in den Uterus. Forscher haben diesen Augenblick in die Petrischale verlegt. Das Ziel ist aber keineswegs die Menschenzüchtung.

          Sie wollen die Natur verstehen, sie beherrschen und damit am Ende auch Defizite beseitigen. Wenn es um die Forschung an menschlichen Embryonen geht, stießen diese Grundsätze der wissenschaftlichen Medizin nicht nur an ethische Grenzen und gesetzliche Vorgaben. Es war für die Reproduktionsmediziner auch nach vierzig Jahren Laborarbeit schlicht unmöglich, die in der Petrischale erzeugten Embryonen wenig mehr als eine Woche am Leben zu erhalten. Es ist die entscheidende Entwicklungsphase, wenn der Embryo - sich rasch weiter teilend -  normalerweise aus dem Eileiter in die Gebärmutter einwandert und sich dort in die Schleimhaut des Uterus einnistet - eine hochsensible Phase der frühen Schwangerschaft. Es ist der Moment, wenn Mutter und Kind im Leib engen Kontakt aufnehmen und  - wenn auch vorübergehend - zusammenwachsen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der „Lebensraum“ für den Embryo war in der Petrischale der Kinderwunschpraxen praktisch nicht herzustellen. Amerikanische und britischen Forscher haben diese experimentelle Hürde im Labor jetzt genommen. Sie haben das nährstoffreiche Medium in der Petrischale, angelehnt an vorausgehende Experimente mit Mäusen, so verändert, dass menschliche Embryonen, die zum Zwecke der Forschung gespendet worden waren, bis zu 13 Tagen in der Retorte heranwuchsen. 

          Der zwölf Tage alte Embryo ind er Petrischale, zur Verdeutlichung der Entwicklungsprozesse sind die unterschiedlichen, noch sehr plastischen und teilungsfreudigen Zellen, in verschiedenen Farben dargestellt. Grün sind die Epiblastenzellen, die den späteren Säugling hervorbringen.

          Juristisch ist das in beiden Ländern kein Problem. In Deutschland wären solche Versuche nach dem in den neunziger Jahren verabschiedeten Embryonenschutzgesetz grundsätzlich verboten, der darin zugesicherte Lebensschutz des Embryos vom Moment der Befruchtung an lässt solche Experimente nicht zu. Anders in England und einem guten Dutzend weiterer Länder. Dort ist die Embryonenforschung mit Spenderzellen erst ab dem vierzehnten Tag untersagt - noch, muss man nun sagen. Denn mit den Veröffentlichungen von Magdalena Zernicka-Goetz von der Universität in Cambridge und Ali Brivanlou und der Rockefeller University in New York in den Zeitschriften „Nature“ und „Nature Cell Biology“ sind auch Stimmen insbesondere aus dem britischen Forschungsbetrieb laut geworden, diese No-Go-Grenze für die Reproduktionsforschung wenigstens in Ausnahmefällen zu überschreiten. Ein Tabubruch, der bewußt herbeigeführt wurde, um die internationale Debatte über die Lebensschutzgrenze anzustoßen.   

          Die Simulation der Uterus-Verhältnisse im Reagenzglas ist auch im Tissue-Engineering, für Gewebezüchter, schon lange ein Thema. Allerdings ist man dort wie in der Embryonenforschung vorerst noch weit davon entfernt, menschliche Embryonen künstlich, außerhalb des Mutterleibs, bis zur Geburtsreife ausbrüten zu können. Der Erfolg der neuen Experimente liegt vor allem darin, die Selbstorganisation des Embryos, der in diesen Stadien einige hundert Zellen umfasst, tatsächlich so naturgetreu rekonstruieren zu können. Entscheidend ist dabei die korrekte Anordnung und Gliederung der Epiblasten-Zellen im Innern des kaum mehr als einen Millimeter großen Embryos, aus denen sich der Säugling entwickelt. Auch die zellulären Prozesse in den umgebenden Zellen und Schichten, die die Plazenta und den Dottersack bilden, sind in den Experimenten offenbar korrekt abgelaufen. 

          Was das Ziel dieser Forschung angeht, haben die Studienautoren klare Vorstellungen. Die Simulation der frühen Schwangerschaft soll es möglich machen, unter kontrollierten Bedingungen in der Petrschale Entwicklungsstörungen und Krankheiten nachzuvollziehen, die in vielen Fällen eine korrekte Einnistung des Embryos in der Schwangeren verhindern. Dazu soll es auch gehören, die frühen Embryonen gezielt zu manipulieren. Das Labor von Zernicka-Goetz in Cambridge arbeitet eng mit Kathy Niakan vom Francis Crick Institute in London  zusammen, einer Mitarautorin der Nature-Veröffentlichung, die bereits von offizieller Seite bei der Human Fertilisation and Embryology Authority - der Genehmigungsbehörde in London - die Zusage erhalten hat, mit gezielten genetischen Eingriffe mittels des Genom-Editingverfahrens Cripr-Cas9, krankhafte Störungen der frühen Embryonalentwicklung im Labor zu rekonstruieren.   

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