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Jolies Brustamputation Kleine Narben

 ·  Hollywoodstar Angelina Jolie nimmt ihr genetisches Schicksal selbst in die Hand. Sie will leben, ohne Krebs. Sicher sein kann sie auch jetzt nicht. Aber die OP war es wert. Ein Kommentar.

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© REUTERS Vergrößern Angelina Jolie und ihr Partner Brad Pitt

Angelina Jolie hatte Angst vor Krebs. Berechtigte Angst. Und sie wollte mit einem schlechten Blatt in der Hand nicht pokern. Nicht, wenn es um ihr Leben geht. Die attraktive 37 Jahre alte Hollywood-Ikone hat sich nach einem Gentest im Frühjahr vorsorglich ihre Brüste entfernen und plastisch rekonstruieren lassen. Sie wollte auch, dass die Welt darüber spricht – nicht unbedingt, dass sich die Leute das Maul darüber zerreißen, aber natürlich ist genau das auch passiert, auf Facebook und Twitter, am laufenden Band. In der „New York Times“ hat sie unter dem Titel „Meine medizinische Wahl“ ihre Geschichte in einem so verblüffend unaufgeregten, unverblümten und persönlichen Stil aufgeschrieben, dass sich Zuspruch und Aufschrei wenigstens in etwa die Waage hielten. Wäre es von investigativen Journalisten in die Öffentlichkeit gezerrt worden, die Wirkung und die Behandlung des Themas wäre mutmaßlich eine ganz andere.

Es wäre nicht die Geschichte geworden, wie sich eine selbstbewusste, kluge Prominente hat beraten lassen und sich dann selbstbestimmt, ohne jeden moralischen Druck für eine radikale prophylaktische Behandlung entschieden hat - eine Behandlung, die genau so den Leitlinien und damit dem Stand der medizinischen Wissenschaft entspricht. Nein, so einfach hätten es ihr die Medien und Moralwächter nicht gemacht: Hat sie sich, so hätte es dann aus dem Blätterwald gerauscht,  unter dem Deckmäntelchen des biomedizinischen Fortschritts von Panik schürenden Ärzten zu einer unüberlegten Verstümmelung treiben lassen?

Die Wahrheit ist: Jolie hatte die Wahl, wenn auch offensichtlich keine leichte. Mehrfach verwendet sie die Vokabel Option in ihrem Text. Ihre Mutter war schon mit  46 Jahren an Brustkrebs erkrankt, zehn Jahre lang hat sie den Überlebenskampf miterlebt und mitgelitten. Jolie hat nichts verdrängt. Sie hat nur beschlossen, nichts unversucht zu lassen, damit ihr dasselbe Schicksal erspart bleibt. Niemand kann ihr garantieren, dass sie trotz des herausgeschnittenen Brustdrüsengewebes und den Eierstöcken, die sie sich auch noch entfernen lassen will, nicht doch noch an Krebs erkrankt. Die fatale Mutation auf dem Gen BRCA-1, die man bei ihr festgestellt hat, ist keineswegs der einzige Gendefekt, der das Erkrankungsrisiko erhöht. Einige sind vermutlich noch gar nicht bekannt.

Aber die paar Dutzend Beobachtungsstudien, die seit Einführung des BRCA-Gentests veröffentlicht wurden, zeigen ganz klar: Wer wie Jolie den Gendefekt trägt und sich noch frühzeitig als Gesunde das Brustgewebe entfernen lässt, senkt die Wahrscheinlichkeit auf einen Tumor drastisch – in ihrem Fall von 87 auf 5 Prozent. Die tägliche Angst vor Krebs, auch das lässt sich zeigen, sinkt nach Brustamputation bei den allermeisten; zufrieden mit dem Ergebnis - ohne Brüste oder mit Brustprothese - sind dennoch keineswegs alle Frauen.

Keine letzte Sicherheit durch Brustamputation

Am Ende ist es für die, die sich damit beschäftigen müssen, weil sie betroffen sind oder sich beraten lassen wollen, ein Ringen mit der Statistik und der Ungewissheit. Der Umgang mit den Wahrscheinlichkeitszahlen, probabilistisches Denken überhaupt,  ist in den Wissenschaften üblich geworden, doch es bringt oft mehr neue Fragen als zufriedenstellende Antworten. Jolie ist ein gutes Beispiel dafür. Die eigene scheinbare Selbstsicherheit, die sie in der „New York Times“ an den Tag legt und die sie mit Wendungen wie der von den „kleine Narben, die bleiben“ dokumentiert, lässt den inneren Kampf nicht einmal erahnen, in dem sich die betroffenen Frauen und Familien finden, die nach einer Entscheidung suchen. Das ist Risikomanagement auf Leben und Tod. Ohne professionelle Beratung geht das gar nicht, auch dies gehört zu den wertvollen Erfahrungen, die Jolies Zeitungsbeitrag verbreitet. In Deutschland gibt es dafür fünfzehn Zentren und ein BRCA-Netzwerk.

Wenn aber der Krebs auch durch die Brustamputation nicht völlig ausgeschlossen werden kann, und wenn noch dazu das Ergebnis der Operation viele Frauen unglücklich macht, wäre es dann nicht viel mutiger, sich erst gar nicht in die Mühlen dieses biomedizinischen Apparates hinein zu begeben und - gottgläugbig oder nicht - dem Schicksal seinen Lauf zu lassen?  Angelina Jolie hat für sich eine kluge Formel gefunden: „Das Leben hält viele Herausforderungen bereit. Vor denen, die wir annehmen und die wir kontrollieren können, sollten wir uns nicht fürchten.“

Der Mut, aber auch die Provokation der Hollywood-Schönheit besteht darin, dass sie mit ihrem Genvertrauen den ethischen Perspektivwechsel erzwingt und den kritischen Diskurs um den Nutzen von Gentests in der Lotterie des Lebens neu belebt. Denn so wie es für augenblicklich Gesunde ein  moralisches Recht auf Nichtwissen gibt, gibt es offensichtlich auch ein legitimes Interesse am genetischen Wissen – und den Wunsch danach zu handeln.

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14.05.2013, 16:16 Uhr

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