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Haie im Bundestag : Findet Jamaika

Großer Fisch jagt kleinen Fisch. Nach dieser Devise handeln viele. Bild: picture-alliance / dpa

Noch stinkt der Fisch nicht, aber die Köpfe gären schon. Welche Philosophie führt nach Jamaika? Eine erste Lektion aus dem Haifischbecken: Von leckeren Gräten und veganen Haien.

          Wenn wir uns den Bundestag einmal als Aquarium vorstellen, was zugegebenermaßen bei dem alten Bonner Bau noch leichter war, dann fällt nach der Wahl vor allem eins auf: Die Fische darin werden immer mehr und immer kleiner. Andererseits, so richtig kleine Fische schwimmen da jetzt gar nicht mehr. Dafür sind ein paar aufgeblasene Zackenbarsche mit braunen Streifen dazugekommen, die sich aufspielen wie Barrakudas und den alten Fischen Beine machen wollen. So philosophisch anregend und politisch korrekt, wie wir das aus „Findet Nemo“ gewohnt sind, dürfte es da kaum zugehen. Von Bruce, dem Weißen Hai aus Nemo, und seinen Hai-Freunden Hammer und Hart waren noch so denkwürdige Sätze zu hören wie der: „Denk vegetarisch, Alter!“ So viel Charakter muss man als Raubfisch erst mal besitzen. Wir sollten die Fische diesbezüglich allerdings auch niemals unterschätzen. In der Zeitschrift „Functional Ecology“, die sich in ihrer jüngsten Ausgabe mit den Persönlichkeitsstrukturen von Aquarienfischen beschäftigt, werden deren Wesenseigenschaften psychologisch sorgfältig ausgedeutet. Unter den Fischen, da sind sich die Forscher der Universität Exeter sicher, gibt es genauso schleimige Gesellen und aggressive Aufschneider wie unter Politikern, und die Feigen wie die Mutigen schwimmen im gleichen Schwarm. Praktisch jeder, so haben die monatelangen Studien vor dem Aquarium ergeben, entwickelt im Laufe seines Lebens seine eigene, mitunter sehr „ausgeprägte Persönlichkeit“. Das verändert natürlich alles, nicht nur für Aquarianer und Angler, auch unser kulinarischer Umgang mit dem Fisch wird nun auf eine harte Probe gestellt. Fischesser, aufgepasst: Nach der wenig beachteten Karnismus-Theorie von Melanie Joy, für deren Triftigkeit Mainzer Psychologen soeben stichhaltige Belege gesammelt haben, ist es eben gerade nicht der Geschmack, der uns das Fleisch der anderen Kreatur so verlockend erscheinen lässt, sondern es sind „karnistische Überzeugungen“ – gesellschaftspolitische Einstellungen, wonach der Mensch das Recht besitzt, Tiere zu töten und zu verspeisen.

          Was Fischesser umtreibt

          So wie also Veganer an Überzeugungen hängen, so sind Weltanschauungen auch ein fester Bestandteil des Fleischkonsums. Diese Überzeugungen sind den Psychologen zufolge vor allem mit konservativen Einstellungen gekoppelt und der Bereitschaft, „Hierarchien zwischen menschlichen Gruppen zu befürworten“. Womit wir zurück wären im Haifischbecken des Bundestags, wo sich ja angeblich auch lauter Überzeugungstäter mit festen Weltbildern tummeln. Die Frage wird jetzt sein, ob unter den vielen Charakterköpfen, die nun eine Koalition zu schmieden haben, auch genügend solche von der Statur der Haigesellen Bruce, Hammer und Hart zu finden sind, die den für Haie sehr bemerkenswerten Satz geprägt haben: „Fische sind Freunde, kein Futter.“

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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          Quelle: F.A.Z.

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