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IS-Vandalismus im Nordirak : Das Zerstörungswerk hat viele Väter

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Und mich sollte nicht jammern Niniveh? (Jona 4,11): Der Assyrerkönig Sanherib machte sie zu seiner Hauptstadt. Das Bild aus dem Jahr 2002 zeigt restaurierte Teile der Stadtbefestigung. Bild: akg-images / Gerard Degeorge

Mossul, Niniveh, Nimrud - das Ausmaß der Schäden ist nicht absehbar. Wie machtlos sind wir? Ein Gespräch mit dem Altorientalisten Markus Hilgert.

          Zerstörungen in den assyrischen Städten Hatra und Nimrud, im Antikenmuseum von Mossul und in der Bibliothek der Stadt: die Nachrichten, alle von Anfang März des Jahres, über Vandalismus im Einflussbereich des IS erreichen uns über unterschiedliche Kanäle. Welchen kann man trauen und wieweit?

          Aktuell ist die Nachrichtenlage für die im Nordirak betroffenen Orte sehr problematisch und teilweise widersprüchlich. An eine unabhängige Evaluierung der möglichen Schäden ist aufgrund der politischen Situation in diesen Gebieten gegenwärtig nicht zu denken. Aufschlussreich wird sicher die Auswertung der jüngsten Satellitenbilder sein, weil sich damit zumindest ein Eindruck von den Zerstörungen an archäologischen Ausgrabungsstätten gewinnen lässt. Was uns diese Bilder natürlich nicht verraten können, ist, wie viele archäologische Objekte aus Museen oder im Rahmen von Plünderungen an Ausgrabungsstätten zerstört oder entwendet worden sind. Da illegal ausgegrabene Objekte nirgendwo registriert sind, wird sich gerade der Verlust an Kulturzeugnissen nie genau quantifizieren lassen. Aus diesem Grund sind Raubgrabungen in mehrfacher Hinsicht äußerst schwerwiegende Straftaten, denn sie vernichten nicht nur die Objekte und ihren Fundzusammenhang, sondern machen es auch nahezu unmöglich, diesen Schaden wissenschaftlich zu bewerten. Mit jeder antiken Skulptur, mit jedem Keilschrifttext, mit jeder illuminierten Handschrift wird immer eine ganze Welt zerstört, das sollten wir nicht vergessen.

          Was kann man also über die Zerstörungen wenigstens vermuten: Welche Orte sind betroffen und in welchem Ausmaß?

          Ich denke, wir müssen die Nachrichten aus Mossul, Niniveh, Nimrud, Dur-Scharrukin und Hatra ernst nehmen, und wir sind gut beraten, wenn wir das Schlimmste befürchten. Ich will mich aber angesichts der noch lückenhaften Informationen nicht an Spekulationen darüber beteiligen, was genau zerstört worden sein oder noch zerstört werden könnte. Um unsererseits geeignete Strategien und Instrumente zum Schutz von Kulturgütern etwa im Irak oder in Syrien zu entwickeln, ist es aus meiner Sicht ohnehin zweckmäßiger, davon auszugehen, dass in Situationen politischer Instabilität und militärischer Konflikte sämtliche materiellen und immateriellen Kulturgüter in den fraglichen Gebieten akut bedroht sind.

          Also Museen und archäologische Stätten?

          Nicht nur. Das gilt auch für Archive und Bibliotheken sowie für alle Einrichtungen, die mit der Erforschung, Bewahrung und Vermittlung von Kulturgütern befasst sind. Und gerade aus Mossul wissen wir, dass dort vor wenigen Wochen auch Tausende von seltenen Manuskripten, Büchern und anderen Druckerzeugnissen vernichtet worden sind.

          Geht es bei diesen Zerstörungen nur um das derzeitige Einflussgebiet des IS?

          Nein, definitiv nicht. Auch hier ist es wichtig, sich den größeren Zusammenhang zu verdeutlichen, selbst wenn die jüngsten Bilder und Berichte aus dem Nordirak unsere Aufmerksamkeit natürlich besonders beanspruchen. Am Beispiel der rezenten Zerstörung von Unesco-Welterbestätten, historischen Baudenkmälern, archäologischen Stätten und Museen in Syrien können wir nachvollziehen, dass nicht nur der IS dafür verantwortlich ist, sondern dass wir es mit einem Zusammenwirken von unterschiedlichen Faktoren und Akteuren zu tun haben.

          Was sind das für Akteure?

          Neben mutwilligem, politisch oder religiös motiviertem Vandalismus treten dort vielfach auch Schäden durch Kampfhandlungen auf – denken Sie an das Unesco-Weltkulturerbe, die Burg Krak des Chevaliers, die im syrischen Bürgerkrieg zerstört worden ist. Es geht aber vor allen Dingen auch um gezielte Raubgrabungen und Plünderungen mit dem Ziel, die gestohlenen Objekte im illegalen Handel zu verkaufen. Hier profitieren die Täter von der Tatsache, dass Kulturgüter in politisch instabilen Situationen oft nicht konsequent geschützt werden können. Aus Syrien wissen wir, dass die dafür Verantwortlichen nicht nur in den Reihen militanter Islamisten, sondern auch unter den Angehörigen kämpfender Einheiten oder im Bereich der organisierten Kriminalität zu suchen sind. Und die seit zwei Jahrzehnten zu beobachtende Vernichtung archäologischer Stätten im Zentral- und Südirak ist allein das Werk von Personen, die dem illegalen Handel mit Kulturgütern zuarbeiten. Dieser Handel ist die größte Bedrohung für das Kulturerbe in der gesamten Region.

          Können wir etwas dagegen tun, oder sind wir komplett machtlos?

          Wir sind keineswegs machtlos, im Gegenteil. Zunächst müssen wir dazu beitragen, dass der irakischen Regierung schnellstmöglich alle Informationen zugänglich gemacht werden, die eine zuverlässige Bewertung der jüngsten Kulturgutverluste im Nordirak ermöglichen. Gleichzeitig müssen wir alles daransetzen, den weltweiten illegalen Handel mit Kulturgütern zu bekämpfen. Genau dies erwarten Staaten wie der Irak und Syrien von uns in erster Linie.

          Wo stehen wir dabei gegenwärtig?

          Deutschland ist hier mit der anstehenden Novellierung des Kulturgutschutzgesetzes und der von Staatsministerin Monika Grütters angekündigten Zertifizierungspflicht für alle gehandelten archäologischen Kulturgüter auf einem guten Weg. Klar ist aber auch, dass die Einfuhr von Kulturgut auch innerhalb der Europäischen Union flächendeckend gesetzlich geregelt werden muss. Für Lebensmittel, die in die EU eingeführt werden, ist dies eine Selbstverständlichkeit – warum also nicht auch für Kulturgüter?

          Die Fragen stellte Tilman Spreckelsen

          Von Cromwell bis Hitler und Mao Tse-tung. Bilderstürmerei hat es schon immer gegeben. Warum?

          Sie zerschlagen Statuen, zertrümmern Vasen und beschädigen Tempel: solche Handlungen sind historisch gesehen jedoch nichts Neues. Die Geschichte menschlicher Gesellschaften ist durchdrungen von Übergriffen gegen Kunstwerke.

          Es gibt verschiedene Formen von Kulturvandalismus. Die Zerstörung aus ideologischen Gründen richtet aber den größten Schaden an, denn meist zielen solche Aggressionen auf eine vollständige Auslöschung der kulturellen Vergangenheit des Gegners. So unterscheidet der Althistoriker Alexander Demandt in seinem Standardwerk „Vandalismus“ zwischen dem reaktiven Vandalismus, der bei Kriegen Vergeltung übe und dem aktiven Bekehrungsvandalismus, der die Beseitigung jeglicher religiöser oder politischer Zeugnisse der Opposition verfolge.

          In der Antike galt der Übergriff auf Kulturgüter als barbarischer Frevel und war gewöhnlich durch Geltungsdrang oder Rache motiviert. So etwa die Verwüstung der Athener Akropolis im Jahr 480 v. Chr. durch die Perser. Andere Beispiele zeigen aber auch einen respektvollen Umgang mit der Kunst in Kriegszeiten. So hat der spartanische Feldherr Lysander die Belagerung von Athen unterbrochen, um die Bestattung des Dichters Sophokles zu ermöglichen. Geplündert wurden Kulturgüter meist, um den Erfolg siegreicher Feldherren zu symbolisieren.

          Der mittelalterliche Bildersturm war dann eine Folge theologischer Konflikte. So etwa der byzantinische Bilderstreit im 8. und 9. Jahrhundert, als griechisch-orthodoxe Ikonoklasten die Verehrung christlicher Ikonen bekämpften. Begonnen hatte er im Jahr 726 mit der Verkündung des Bilderverbots durch Kaiser Leon III., der sich auf das erste Gebot im Alten Testament berufen haben soll. Während der Reformation in Westeuropa löste dieses Gebot im 16. Jahrhundert einen neuen Bildersturm aus. Auf Geheiß reformierter Theologen wie Ulrich Zwingli oder Johannes Calvin wurden aus Kirchen jegliche Gottesdarstellungen entfernt. Auch Glasfenster, Grabmäler, Orgeln, Manuskripte, Urkunden und Archivalien wurden zerstört oder verkauft. Die englische Reformation begann mit Thomas Cromwell, der unter Heinrich VIII. die Klöster auflösen und nicht selten zerstören ließ, um die Macht der katholischen Kirche zu brechen. Sein Urgroßneffe Oliver Cromwell schließlich wollte nach dem Sturz der Monarchie England zu einem puritanischen Land machen und betrieb energisch die „Reinigung“ der anglikanischen Staatskirche von katholischen Elementen.
          In der Neuzeit wiederum leiden Kunstwerke, wenn der Konflikt zwischen Tradition und Neuerung eskaliert. Prominentestes Beispiel hierfür sind die Zerstörungen während der Französischen Revolution, die den Begriff „vandalisme“ geprägt haben. Kein Monument der empfundenen Unterdrückung unter dem Ancien Régime sollte weiter existieren. Der antimonarchistische Bildersturm der Revolutionäre wurde im April 1791 gesetzlich legalisiert und ein Jahr später zum Programm erhoben. Zum kostbarsten Verlust zählen die Skulpturen von Notre-Dame, aber auch Teile der königlichen Gemäldesammlung.

          In Asien sollte von 1966 an die chinesische Kulturrevolution unter Mao Tse-tung Spuren des alten Kaiserreichs beseitigen. Die Rote Garde, eine Gruppe aus Schülern und Studenten, wurde zur Zerstörung „alter Gedanken, alter Kultur, alter Gebräuche und alter Gewohnheiten“ mobilisiert. Sie zerschlugen Statuen und Fresken und verbrannten zahlreiche Bücher. Ein anderes Beispiel ist die Zerstörung von Tempeln, Moscheen und katholischen Kirchen während der Diktatur der Roten Khmer in Kambodscha in den späten 1970ern.

          Der Wille zur Auslöschung einer ganzen Kultur gipfelte jedoch im Dritten Reich. Die Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933 wurden im Rahmen der „braunen Revolution“ zur „Erneuerung Deutschlands“ durchgeführt. Auch die Verbrennungen von etwa 5000 Bilder „entarteter Kunst“ im März 1939 zeugten von der entfesselten ideologischen Verblendung der Nationalsozialisten.

          Ein Problem bei Kulturvandalismus ist heute seine Ahndung. Die internationale Staatengemeinschaft reagierte auf die Kulturverbrechen der jüngsten Geschichte mit der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten. Seit 1954 bildet diese Übereinkunft, die von 126 Staaten ratifiziert wurde, die völkerrechtliche Grundlage für eine Bestrafung der Täter. Beispielhaft hierfür ist die Verurteilung von Mario Čerkez, Kommandant einer bosnisch-kroatischen Einheit im zentralbosnischen Vitez, wegen Übergriffen auf historische bosnische Moscheen im Jugoslawien-Konflikt. Zu sanktionieren wäre in diesem Rahmen auch die Zerstörung der Buddha-Statuen durch die Taliban im afghanischen Bamiyan im Jahr 2001 und die des zum Unesco-Welterbe gehörenden Mausoleums in Timbuktu im Jahr 2012 durch islamistische Gruppen.

          Kulturgegenstände sind deshalb so bedroht, weil sie sowohl eine symbolische, als auch eine historische Bedeutung haben, aber auch als Stellvertreter der Macht funktionieren können. Wird diese Macht besiegt, geht es oft auch deren Symbolen an den Kragen. So gingen 2003 die Bilder einer Statue Saddam Husseins um die Welt, die von amerikanischen Soldaten mit der Hilfe irakischer Zivilisten gestürzt wurde, weil sie den politischen Mythos der Diktatur verkörperte.

          Nun muss man verhasste Symbole nicht unbedingt zerstören. Eine Entfernung aus dem öffentlichen Raum täte es auch. Die Entscheidung darüber hängt aber eben auch von dem außersymbolischen Wert ab, der den Werken zugeschrieben wird. Dieser ist gesellschaftlich bedingt und verändert sich, vor allem mit der zeitlichen Distanz zwischen der Erschaffung und der Vernichtung eines Stücks. Je mehr es uns als Zeuge einer zunehmend fernen Vergangenheit wert wird, umso mehr verblasst auch die Erinnerung an Untaten des Regimes, das es einst aufstellen ließ. So lässt sich über die Hussein-Statue als Kulturwerk streiten, Büsten gewalttätiger antiker Herrscher werden jedoch in Museen ausgestellt. Spätere Generationen interpretieren solche Gegenstände als Teil der Kulturgeschichte, Teil ihrer Identität. Dieses Verständnis von Kultur als Prozess macht daher auch Demandts Position klar: „Gewalt gegen Kultur ist eine gesteigerte Form von Gewalt gegen Menschen.“ Joana Inês Marta

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