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Interview mit Sozialforscher „Es herrscht ein traditionelles Rollenverständnis“

04.06.2007 ·  Im Interview über die Partnerwahl im Web mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagt der Bamberger Soziologe Hans-Peter Blossfeld, dass die Partnersuche nicht egalitärer wird, die Frauen bei der Partnerwahl rationaler sind und dass bei Männern dagegen das Aussehen der Frau eine große Rolle spielt.

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Im Interview über die Partnerwahl im Web mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagt der Bamberger Soziologe Hans-Peter Blossfeld, dass die Partnersuche nicht egalitärer wird, die Frauen bei der Partnerwahl rationaler sind und dass bei Männern dagegen das Aussehen der Frau eine große Rolle spielt.

In Ihrem Forschungsprojekt untersuchen Sie den Ablauf der Entstehung einer Partnerschaft im Internet. Stimmt es, dass sich die Menschen über das Internet ganz frei verlieben, unabhängig von der Herkunft?
Das kann ich nicht bestätigen. Unsere bisherigen Ergebnisse weisen eher in die andere Richtung. Durch die Beschreibungen für das eigene Profil treten auf Dating-Plattformen soziale Merkmale wie Beruf, Schulabschluss oder Einkommen in den Vordergrund. Diese Kriterien prägen dann auch die Kontaktaufnahme. Die Partnersuche wird also nicht egalitärer. Die Trennung der sozialen Schichten wird sogar noch verstärkt, weil viele weniger gut Verdienende keinen Internetanschluss haben. Aber auch wenn sich das angleichen sollte, werden unterschiedliche soziale Gruppen unterschiedliche Portale aufsuchen.

Gibt es auch Unterschiede, was das Verhalten von Männern und Frauen betrifft?
Ja, und die entsprechen im Wesentlichen dem traditionellen Rollenbild: Der Mann ist der Ernährer der Familie, und die Frau ist an einem gutverdienenden Mann interessiert. Demnach sind Frauen bei der Partnerwahl rationaler, das heißt, ihnen sind Kriterien wie Einkommen und Bildungsabschluss wichtig. Für Männer dagegen spielt das Aussehen der Frau eine große Rolle. Unsere bisherigen Ergebnisse in einem noch laufenden Projekt bestätigen diese Schwerpunkte. Auch junge Frauen suchen nach wie vor Männer, die nach Möglichkeit besser gebildet sind und vor allem gut verdienen. Bei Männern ist eher das schöne Gesicht ausschlaggebend. Diese Ergebnisse sind überraschend, weil ja inzwischen ganz andere Rollen diskutiert werden.

Woran liegt es, dass die Emanzipation in dieser Hinsicht nicht weiter ist?
Das könnte daran liegen, dass geschlechtsspezifische Muster viel tiefer eingegraben sind, als man denkt. Zwar sind die Studienanfängerinnen inzwischen in der Überzahl, und in Zukunft wird es mehr Frauen mit einem Studienabschluss geben als Männer. Das heißt, dass sich die traditionellen Vorstellungen hinsichtlich Berufstätigkeit und Einkommen eigentlich auflösen müssten. Danach sieht es aber nicht aus. Wenn aber die Frauen immer noch nach oben heiraten wollen, also an einem gut gebildeten und verdienenden Mann interessiert sind, dann fehlen hochqualifizierte Männer auf dem Heiratsmarkt.

Zufälle oder Liebe auf den ersten Blick spielen bei der Partnerwahl keine Rolle?
Das mit den Zufällen ist eine Illusion. Bestimmte Leute gehen an bestimmte Orte und treffen dort auf bestimmte Menschen. Studenten beispielsweise gehen in spezielle Diskotheken für Studenten. Diese Vorauswahl steuert den vermeintlichen Zufallsprozess der Partnerwahl. Diesen Prozess der Vorauswahl kann man bei der Partnersuche im Internet detailliert anhand der Selbstbeschreibung und der Suchkriterien untersuchen.

Das Phänomen Online-Dating wird also zum Objekt einer Art Internetsoziologie?
Hier liegen reale Daten vor, an die man vorher gar nicht kommen konnte. Ein Forscher kann normalerweise ja nicht dokumentieren, wie genau sich Paare kennenlernen und was da im Einzelnen passiert. Die Daten geben einen sehr guten Einblick in die Prozesse, die eine Beziehung bestimmen. Wir wollen aber auch betrachten, was die Leute bei der Partnersuche hinzulernen: ob sie beispielsweise ihre Selbstbeschreibung verändern, wenn sie keine Antworten erhalten, oder ob sie ihre Suchkriterien verändern, wenn sie nichts Passendes finden. Diese Strategien interessieren uns sehr.

Und Sie erwarten, dass diese Datenquelle in Zukunft noch üppiger sprudelt ...
Die Suche über das Internet ist eine bequeme Möglichkeit, von zu Hause aus tätig zu werden. Das Problem liegt unter anderem ja auch darin, dass sich nach dem Eintritt ins Berufsleben die Möglichkeit, jemanden kennenzulernen, rapide verschlechtert. Viele haben während der Studienzeit einen Partner gefunden, mit dem sie zusammenbleiben. Dann bietet sich das Internet natürlich an, vor allem für Berufstätige mit wenig Zeit.

Die Fragen stellte Anna Lissel.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.06.2007, Nr. 22 / Seite 62
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