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Interview mit Forscher Edenhofer : Verschärft der Weltklimarat den Ton?

Gruppenbild in Berlin zur Präsentation des dritten Teilberichts (v.l.): IPCC-Kovorsitzender Ottmar Edenhofer, Staatssekretär im Bundesumweltministerium Jochen Flasbarth, „Mr. IPCC“ Rajendra Pachauri, Staatssekretär Georg Schütte. Bild: AP

Der Endbericht des neuen Weltklimarates wird in wenigen Wochen veröffentlicht. Gerüchte über eine neue Gangart des zwischenstaatlichen Gremiums machen die Runde. Was dran ist, sagt einer der Autoren, der Potsdamer Klimaökonom Ottmar Edenhofer.

          Wird der Weltklimarat langsam ungehalten? Noch bevor im Oktober der vierte Bericht und damit der Endreport des fünften IPCC-Sachstandsberichts  erscheint, wollen einige Beobachter aus dem Entwurf, der den Regierungen derzeit zur Kommentierung vorliegt, aggressive Töne herausgelesen haben. Wir haben bei dem Klimaforscher Ottmar Edenhofer, einem der Hauptautoren des Endberichts („Synthesis Report“), nachgefragt.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wenn man den Gerüchten glauben darf, die derzeit über den Entwurf des IPCC-Endberichts (Synthesis Report) in Umlauf gebracht wurden, dann wird der Weltklimarat die Dringlichkeit für klimapolitisches Handeln mit bisher nicht  dagewesenem Nachdruck vertreten. Stimmt das?

          Gegenüber den Berichten der drei Arbeitsgruppen muss die Sprache gar nicht verschärft werden. Klar wird betont, dass der ungebremste Klimawandel  irreversible Risiken hat, und wie schon in der Arbeitsgruppe 3, dass auch Umfang und Geschwindigkeit der Transformation mit Risiken verbunden ist. Das Einhalten der Zwei-Grad-Erwärmungsgrenze ist eine große Herausforderung. Da muss schon technisch und ökonomisch alles zusammenpassen. Der Synthesis Report bringt das noch einmal auf den Punkt.

          Das heißt, es wird nichts Neues drin stehen im Endbericht?

          Der Synthesis Report bietet eine Zusammenschau und soll den Entscheidungsträgern einfach nochmal vor Augen führen, was die Risiken des Klimawandels sind. Da muss nichts Neues enthalten sein. Wir brauchen nach wie vor Emissionsminderung, wir brauchen Technologien, der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen und es einzulagern, wie die Kombination von Bioenergie und CCS. Es braucht die großskalige Nutzung von Bioenergie und den Ausbau der erneuerbaren Energien. Auch die Nutzung von Kernenergie in einigen Weltregionen könnte erfordlich sein. Alles so, dass sich die Kosten bis zur Mitte des Jahrhunderts in einer Größenordnung von drei bis vier Prozent des weltweiten Sozialproduktes bewegen. Dies entspricht einer Reduktion des jährlichen globalen Wirtschaftswachstums um ungefähr einen zehntel Prozentpunkt. Die größten Herausforderungen werden nicht die technologischen sein, sondern die politischen. Denn wir müssen dahin kommen, dass Kohlendioxid weltweit einen Preis bekommt.

          Braunkohlekraftwerk Niederaußem
          Braunkohlekraftwerk Niederaußem : Bild: dpa

          Wozu muss dann, wenn das alles schon kommuniziert ist, nochmal so ein Bericht ausgehandelt werden? Man könnte das doch viel einfacher haben und die Exzerpte der drei Arbeitsgruppenberichte unbürokratisch zusammenfassen.
           
          Der Wert dieses Berichts besteht darin, dass er eine Klammer über alle drei Teilberichte bildet, es ist eine Lesehilfe für die Entscheidungsträger. Nur durch eine Synthese der schon bekannten Informationen der drei Arbeitsgruppen in einem Dokument wird der Blick aufs Ganze möglich – und der ist für die Entscheidungsträger wichtig. Aber der Endbericht kann nichts sagen, was die drei Arbeitsgruppen auf der Basis von sieben Jahre Arbeit nicht ohnehin schon mitgeteilt haben. Da muss nichts Neues auf den Tisch gelegt oder zugespitzt werden.

          Dann kommt es wohl eher darauf an, was nicht drin steht im Endbericht. Gibt es da etwas Entscheidendes, was Sie uns nennen können?

          Der Synthesebericht ist kurz, und wer sich genau informieren will, ist ohnehin auf die Berichte der Arbeitsgruppen angewiesen. Es ist richtig, dass die Politik nicht immer glücklich darüber ist, was die Wissenschaft zu sagen hat. So wollten manche Regierungen im Bericht der Arbeitsgruppe 3 nicht zur Kenntnis nehmen, wer die Emissionen in der Vergangenheit verursacht hat. Dennoch sind diese Informationen weiterhin in dem Bericht vorhanden. Jeder kann sie nachlesen, auch weiß nun jeder, dass manche Regierungen darüber nicht glücklich waren.

          Ottmar Edenhofer
          Ottmar Edenhofer : Bild: REUTERS

          Ist der Endbericht noch mehr ein politisches Instrument als die drei Teilberichte?

          Ich würde das nicht als politisches Instrument bezeichnen. Auch im Synthesis Report wollen wir zwar politikrelevant sein, aber wir wollen der Politik nicht vorschreiben, was klimapolitisch zu entscheiden ist. Wir haben in den Arbeitsgruppen die möglichen gangbaren Wege aufgezeigt, wie ein Navigator auf einer Landkarte, mit allen Kosten und Risiken. Nun werden alle notwendigen Informationen – zum Klimawandel, seinen Auswirkungen und Lösungsmöglichkeiten - in einer Karte zusammengefasst, so dass eine Diskussion darüber geführt werden kann.  Wir legen alle Optionen auf den Tisch. Wir wollen der Politk klar machen, dass es mehr als einen Weg in der Klimapolitik gibt: Es geht für die Politik also nicht darum, scheinbare wissenschaftliche Notwendigkeiten zu exekutieren, sondern schrittweise einen gesellschaftlich gangbaren Weg zu identifizieren und zu verfolgen.

          Ottmar Edenhofer

          Ottmar Edenhofer ist Professor für  „Ökonomie des Klimawandels“ an der TU Berlin und einer der Vorsitzenden der Arbeitsgruppe 3 des IPCC. Er ist zudem Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

          Quelle: FAZ.net

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