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Interview zum Klimamanifest : „Die Beweislage darf nicht verdreht werden“

Mainauer Deklaration zum Klimawandel Bild: Maximilian Benatar

Ein Australier als Kreuzritter für Forschung und Klimapolitik: Brian Schmidt, Physik-Nobelpreisträger, erzählt, wie es zur „Mainauer Deklaration“ der 36 Laureaten kam und wie mit abtrünnigen Wissenschaftlern umzugehen ist.

          Knapp sechzig Jahre nach der ersten „Mainau-Deklaration“, damals ein Aufruf gegen die militärische Nutzung der Kernkraft, wurde am gestrigen Freitag die Mainauer Deklaration zum Klimawandel präsentiert. 36 Laureaten, die zum 65. Lindauer Nobelpreisträgertreffen an den Bodensee gekommen waren, haben für eine ambitioniertere Weltklimapolitik unterschrieben (hier Bericht und Text der Deklaration). Wir haben mit dem Initiator des Klimamanifests, dem australischen Astronom und Physik-Nobelpreisträger von 2011, Brian Schmidt, gesprochen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Frage: Ihre Heimat Australien hat Sie in den letzten Monaten vor allem in ihrer Rolle als Klimaschützer erlebt. Sie haben viel geschrieben. Müssen die Australier aufgerüttelt werden zum Kampf gegen den Klimawandel?  

          Bei uns sind vor ein paar Jahren Politiker tatsächlich an die Macht gekommen, die an der Notwendigkeit zweifeln, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Wir haben uns wegen der riesigen eigenen Kohlevorräte politisch auf der internationalen Bühne isoliert. Gleichzeitig haben wir im Land ein riesiges natürliches Potential, Windkraft und Solarenergie zu nutzen. Ich hoffe, dass die australische Regierung in den nächsten ein bis zwei Wochen ambitionierte nationale Klimaschutzpläne fertig ausarbeitet und dem Klimasekretariat vorlegt.

          Physik-Nobelpreisträger Brian Schmidt

          Was lässt Sie hoffen?

          Dass andere Staaten wie Kanada mit ähnlichen fossilen Reserven und einem ähnlich betulichen Vorgehen in der Klimapolitik, schon eigene ehrgeizige Klimaschutzpläne vorgelegt haben.  Ich hoffe, wir werden dem Beispiel Kanadas folgen.

          Die australischen Ziele waren früher nicht sehr ambitioniert.

          Bisher hatten wir als Zielsetzung, die Kohlendioxidemissionen bis 2020 um fünf Prozent zu verringern, verglichen mit dem Ausstoß im Jahr 2000. Wir werden sehen, was jetzt kommt. Bis spätestens Ende Oktober müssen wir aber neue Ziele im UN-Prozess vorlegen.

          Waren Sie selbst irgendwie  in die Klimapolitik involviert?

          Nein, nicht direkt. Ich bin im Commonwealth Science Council, einem Wissenschaftsgremium. Dort wurde das Thema häufig diskutiert. Unser Interesse ist es, dass die Bevölkerung und die Politik verstehen, was gute Wissenschaft ist. Ich wollte erreichen, dass die Menschen und die Welt den wissenschaftlichen Prozess durchschauen, und was die Experten, die den Klimawandel am besten verstehen, dazu sagen. Ich habe mit meiner eigenen astronomischen Forschung nichts zu verlieren, wenn ich mich für den Klimaschutz einsetze. Es geht auch gar nicht um das Klima, sondern um die Wissenschaft, die vor dem Klimawandel warnt. Die Klimaforschung weiß zwar noch nicht alles über die Ursachen und Folgen des stark beschleunigten Klimawandels, sie ist nicht perfekt. Aber es ist genug, um die Welt zu alarmieren und politisch zu handeln, damit die Risiken verringert werden.

          Ex-Energieminister Obamas, Steven Chu, Physik-Nobelpreisträger von 1997.

          Sie stützen sich explizit auf die Publikationen des Weltklimarates IPCC, der in der Vergangenheit auch schon einige Male wegen Fehler und Fehleinschätzungen in die Kritik geraten war.   

          Es ist versucht worden, und zwar vor allem in den Vereinigten Staaten und bei uns in Australien, die Arbeitsweise des IPCC ungerechtfertigt in Misskredit zu bringen. Mag sein, dass nicht alles hundertprozentig stimmt, Unsicherheiten in ihren Analysen wird es immer geben. Dennoch muss jedem klar sein, dass es sich um einen extrem rigorosen, wissenschaftlichen Prozess handelt, der auch glaubwürdig ist.

          Woher nehmen Sie nun die Sicherheit, dass die Sorgen des IPCC über die Erwärmung, Meeresspiegelanstieg und Ozeanversauerung ernst zu nehmen sind?

          Nun, es sind Modelle, auf die sich die Aussagen der Wissenschaftler stützen, extrem komplexe Modelle. Sie bilden die Komplexität der Natur inzwischen in vielen Details ab. Aber natürlich gibt es immer noch Lücken, wenn man wie in diesen Modellen Projektionen in die Zukunft berechnet. Sobald man den Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre ändert, erkennen wir jedenfalls viele Veränderungen in den Simulationen. Wir wissen nicht, ob tatsächlich genau das passieren wird, was der IPCC sagt, aber was wir sagen können ist, dass die meisten Berechnungen zu einem gravierenden Wandel der Atmosphäre führen werden, der inakzeptabel ist. Dieser Wandel stellt alles in Frage - er führt in die vielleicht größte Krise der Menschheit. Wir können die Unsicherheiten akzeptieren und trotzdem sicher sein. Zu 99 Prozent würde ich sagen, können wir sicher sein, dass der bedrohliche und vom Menschen verursachte Klimawandel stattfindet.

          Haben Sie das Papier mit Blick auf den Klimagipfel von Paris entworfen, ähnlich wie der Papst die Enzyklika?

          Ja, denn dieses Jahr ist nun einmal das Jahr, in dem gehandelt werden muss.

          Nicht mehr alle 36 Nobelpreisträger, die das Manifest unterschrieben, machten die Schiffahrt zur Insel Mainau mit.

          Für sie ist die Deklaration offenbar nicht nur ein politisches Dokument, sie sehen es auch als Teil einer Informationskampagne, wenn man Ihre Erklärungen dazu hört. Glauben Sie nicht, dass viele Menschen es schon regelrecht satt haben, davon zu hören?

          Ich glaube, die Leute sind bereits informiert, aber sie werden schlecht und oft falsch über das Thema unterrichtet. Die meisten informieren sich heute über das Internet, und sie tun das meistens, um eigene Meinungen und Vorurteile bestätigt zu sehen. Es gibt leider sehr viele fragwürdige, widersprüchliche Informationen in diesem Netz. Die Akademien müssen da klar Stellung beziehen und für Klarheit sorgen. Viele Politiker, jedenfalls in meinem Land, verstecken sich immer noch hinter falschen Informationen. Als Nobelpreisträger habe ich die moralische Pflicht, mich hinter die beste Wissenschaft zu stellen, die wir haben. Das ist meine Aufgabe. Zu meinen Aufgaben gehört es dagegen nicht, den Politikern vorschreiben zu wollen, was sie zu tun haben.

          Glauben Sie wirklich, die radikalen Skeptiker, durch ein Bekenntnis zur etablierten Wissenschaft überzeugen zu können? Wissenschaftlich denken, heißt Infrage stellen. Die Skeptiker sehen sich doch längst als die eigentliche Autorität an, als die Verkörperung dieses kritischen Geistes, der das Fundament des Fortschritts bildet.

          Am Ende des Tages geht es natürlich in erster Linie darum, die Politiker zu überzeugen. Das ist unsere Aufgabe. Vor allem geht es um solche Politiker, die sich dafür entscheiden, für kurzfristige Interessen die unwillkommenen Befunde  der Wissenschaften beiseite zu schieben.  Dazu gehört, dass Politiker den Argumenten der Forscher ein Vertrauen schenken.

          Sie sehen Nobelpreisträger da besonders in der Pflicht?

          Die Mehrheit von uns ist überzeugt, ich würde sogar sagen, über neunzig Prozent ist überzeugt,  dass das IPCC  am besten das klimatologische Wissen über die Welt repräsentiert. Und die meisten glauben auch, dass die Regierungen etwas gegen den Klimawandel tun müssen, und zwar jetzt. Das sind wir den kommenden Generationen einfach schuldig.

          Medizin-Nobelpreisträger Hamilton Smith bei der Unterschrift vor Hunderten Gästen und Nachwuchsforschern auf der Insel Mainau.

          Warum unterschreiben dann nicht alle 65  Nobelpreisträger, sondern gerade etwas mehr als die Hälfte der Laureaten, die nach Lindau gekommen sind?

          Es gibt nur eine Person in unserem Kreis, die offen gegen den Inhalt unserer Deklaration ist. Die meisten anderen mussten einfach früher abreisen oder haben Bedenken zu unterschreiben, weil es ihre fachliche Kompetenz überschreitet. Wir Nobelpreisträger werden häufig zu unseren Meinungen über irgendwelche Dinge befragt, von denen wir nicht wirklich viel verstehen, das lässt viele vorsichtig werden. Wir alle sprechen ja nicht als Experten auf dem Gebiet, aber wir haben alle ein Interesse daran, die Integrität der Wissenschaft zu schützen. Es ist ein sehr gemischter Kreis verdienter Experten, und  das macht den Aufruf am Ende auch so machtvoll.

          Haben Sie ihren Gegner, Kollegen Ivar Giaever, zu überzeugen versucht?

          Ich habe schon mehrfach mit ihm gesprochen. Widerspruch gehört aber auch zum Wesen der Wissenschaften.  Das respektiere ich, wir alle respektieren ihn. Es ist auch wichtig für die Wissenschaft, diese kritischen Stimmen zu akzeptieren, es ist sogar gesund.  Unser Papier ist offen für alle, wer jetzt noch nicht unterschrieben hat, kann das noch im Laufe der nächsten Monate tun.

          Es wäre nicht das erste Mal in der Wissenschaft, dass am Ende ein krasser Außenseiter recht behält.

          Gut, wenn tatsächlich plötzlich eine Entdeckung gemacht wird, die beweist, dass die Klimaforschung falsch lag und der Klimawandel ausbleibt, dann passiert das halt. Dann bin ich der erste, der zugibt, dass wir falsch gelegen haben. Ich bin aber zu 99 Prozent sicher, dass das nicht passieren wird. Ich vergleiche das gerne mit Russisch Roulette. Ich nehme eine Waffe mit einer Sechsertrommel, ich nehme eine Kugel heraus, drehe die Trommel mit fünf Kugeln, drücke ab. Ich drehe nochmal, drücke wieder ab. Und dann nochmal. Dreimal. Würden Sie das Risiko eingehen, dreimal hintereinander? Das ist aber das Spiel, auf das wir  uns einlassen, wenn wir nicht handeln.

          Schlangestehen für das Klimamanifest: Im Vordergrund Physik-Nobelpreisträger David Gross.

          Was hat Sie dazu gebracht, sich so vehement politisch zu engagieren und sich für den Klimaschutz einzusetzen?

          Die meisten Wissenschaftler, speziell die Physiker, beschäftigen sich mit dem  Problem Klimawandel. Vor fünf Jahren erlebte ich allerdings in Australien, wie durch politische Kampagnen die Bevölkerung komplett die Meinung änderte. Von komplett überzeugt zu komplett skeptisch. Damals sagte ich mir, das ist nicht so eine der üblichen akademischen Fragen, ob es den Urknall gab oder nicht, das ist eine Sache, die Generationen von Menschen unmittelbar betrifft.  Ich fühlte da als Wissenschaftler die Verantwortung, die Menschen in dieser offensichtlich völlig verunsicherten Situation über das beste verfügbare Wissen zu informieren.  Wir können nicht zulassen, dass die Beweislage durch Politiker verdreht wird. Ich habe angefangen die Politiker zu zwingen, öffentlich Argumente zu liefern, warum sie die Beweise der Wissenschaft zu missachten. Nach dem Gewinn des Nobelpreises hatte ich das Glück, dass meine Stimme plötzlich ein Vielfaches an Gewicht hatte, und das will ich jetzt nutzen.

          Wer hat Sie am meisten unterstützt in der Vorbereitung des Manifests?

          Mein Kollege Steven Chu, der als amerikanischer Energieminister viel über die Materie gearbeitet hat, hat an der Vorbereitung des Entwurfs mitgewirkt, er hat vor der Fertigstellung des Textes alles gesehen. Er und Paul Nurse, der Präsident der Royal Society, verdienen für ihr Mitwirken einen Großteil des Respekts.

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