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Im Zeitungsarchiv Und dann auch noch diese lästige Fraktur

31.10.2009 ·  Historische Zeitungen digital aufbereiten? Geht im Prinzip. Aber in der Praxis stehen die Bibliotheken vor einem Riesenproblem.

Von Richard Friebe
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Erinnert sich eigentlich noch jemand an Lou Grant? Den von Edward Asner gespielten Zeitungsjournalisten der gleichnamigen amerikanischen Fernsehserie? In deren Vorspann macht das tägliche Blatt - die Los Angeles Tribune - seinen Weg von der unbestechlichen journalistischen Recherche über die Druckmaschinen und den Frühstückstisch des Lesers bis hin zur Unterlage für Sittich-Ausscheidungen in einem Vogelkäfig.

So oder ähnlich sieht der unvermeidliche Weg aller gedruckten Nachrichten aus, vermutlich zum Kummer ihrer Urheber. Doch mittlerweile gibt es neue Hoffnung für alte Nachrichten. Die ist natürlich digital - und es geht auch weniger um die Eitelkeiten einzelner Schreiber als um das Potential dieser alten oder sehr alten Artikel, Fotos und Illustrationen für die Forschung.

"Zeitungen sind bisher eher stiefmütterlich behandelt worden, wenn es um die Digitalisierung von Texten geht", sagt Maria Elisabeth Müller, Direktorin der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen. Alte Bücher dagegen werden etwa im "Projekt Gutenberg" in Nullen und Einsen zerlegt; rechtzeitig zum derzeitigen Darwin-Jahr war auch ein Großteil dessen, was dieser Forscher je geschrieben hat, kommentiert und per Volltextsuche online vorhanden. Doch Zeitungen? Wenn ein Journalist nachschauen will, wie vor fast 20 Jahren in einer Publikation eines kleinen Verlagshauses seine allerersten veröffentlichten Zeilen lauteten, wird er im Internet kaum fündig werden. Und selbst bei großen deutschen Tageszeitungen und traditionsreichen Regionalblättern bleibt eine Online-Recherche häufig ergebnislos. Dabei scheint der Bedarf groß zu sein. Eine Umfrage unter Nutzern der Historiker-Infoplattform H-Soz-U-Kult vor gut zwei Jahren ergab jedenfalls, dass Geschichtswissenschaftler, Philologen und Forscher aus verwandten Gebieten sich nur weniges sehnlicher wünschen, als online im Volltext historischer Zeitungen nach Zeitzeugnissen recherchieren zu können. "Wir haben deshalb vor, wichtige Tageszeitungen so schnell wie möglich zugänglich zu machen", sagt Müller.

Die angelaufenen Projekte

Aus diesem optimistischen Satz der Bremer Bibliothekschefin sind allerdings schon ein paar wichtige, bislang ungeklärte Fragen herauszuhören: Wer ist "wir", wie digitalisiert man möglichst schnell historische Zeitungsarchive, und welches sind überhaupt "wichtige Tageszeitungen"? In Bremen wird sich Ende November auf Betreiben der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erstmals ein Expertenkreis treffen, der zunächst die letzte dieser Fragen erörtern soll. Zehn "repräsentative Titel", sagt Müller, will man letztlich auswählen. Die sollen dann an verschiedenen deutschen Bibliotheken entsprechend aufgearbeitet werden. Wie und nach welchen Standards das geschehen und wie das alles koordiniert werden soll, darüber wird ein Expertenkreis irgendwann im nächsten Jahr beraten.

Auf ein paar Erfahrungen wird man dann zumindest schon zurückgreifen können. Denn alte Zeitungen werden in Deutschland und anderswo schon seit Jahren digitalisiert. Google etwa hat im vergangenen Jahr begonnen, historische nordamerikanische Zeitungen elektronisch zu archivieren. In Wien läuft bei der Österreichischen Nationalbibliothek seit Jahren das Projekt ANNO, was für Austrian Newspapers Online steht. Dort arbeitet man bisher mit Bilddateien, der Nutzer kann also gezielt nach Daten und Titeln suchen, allerdings bisher nicht umfassend im Volltext recherchieren. Anderswo, etwa bei der New York Times oder der Times of London, stehen alte Seiten und alle einzelnen Artikel als PDFs oder Transkripte im Netz, inklusive Volltext- und Detailsuchoptionen. Wer etwa anlässlich des 150. Todestages Alexander von Humboldts vor ein paar Monaten im Netz Nachrufe aus dem Jahr 1859 suchte, wurde eher in New York fündig als in Humboldts Heimatstadt Berlin.

Das Berliner „Zeitungsinformationssystem“

Genau dort, bei der Staatsbibliothek zu Berlin (StaBi), läuft allerdings seit diesem Jahr eines der in Deutschland ambitioniertesten Zeitungs-Digitalisierungsprojekte. Es heißt Zefys, was für "Zeitungsinformationssystem" steht - und unter anderem das ehrgeizige Ziel verfolgt, einen Standard für Zeitungsdigitalisierung zu setzen. Die Amtspresse Preußens (Provinzial-Correspondenz 1863-1884, Neueste Mittheilungen 1882-1894 und Teltower Kreisblatt 1856-1882) etwa ist dort bereits eingescannt und zum Teil transkribiert worden, ebenso die Vossische Zeitung bis zu ihrer Einstellung 1934. In einer Novemberausgabe des Teltower Kreisblattes von 1859 etwa liest man auf dem PDF von "der großen Sorge, welche den Verwicklungen in Italien zugewendet werden muß", und dem Konflikt zwischen dem "Kaiserthum Marokko" und Spanien, alles in Fraktur-Schrift.

Diese, fast flächendeckend in deutschen Zeitungen bis in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein verwendet, war bisher eines der größten Probleme deutscher Digitalisierer. Anders als bei der moderneren Antiqua-Schrift, die für Schrifterkennungsprogramme relativ problemlos ist, gibt es für die eher schnörkelige Fraktur erst seit kurzem Programme, "die aber bisher noch viele Fehler machen", sagt Andreas Fiebig, stellvertretender Leiter der Zeitungsabteilung an der Staatsbibliothek Berlin. Daher ging man hier einen anderen Weg: Die Transkripte, die auf den Berliner Servern einsehbar sind, sind Abschriften, die im sogenannten Double-Key-System in China entstanden sind. Dafür wird jeder Originaltext von zwei des Deutschen gar nicht mächtigen Mitarbeitern abgetippt. Dann werden die beiden elektronischen Dokumente zusammengebracht und dort, wo sie nicht übereinstimmen, kontrolliert und korrigiert.

Explodierende Datenmengen

Aufwand und Kosten, Tausende Seiten auf diese Art und Weise zugänglich zu machen, sind immens. Edwin Klijn, Projektmanager für Digitalisierung an der Königlichen Bibliothek der Niederlande in Den Haag, etwa rechnet mit 1,50 Euro pro Seite. Die entstehen weniger durch das in diesem Falle an eine deutsche Firma in Kampen ausgelagerte Scannen von Originalen oder Mikrofilmen, sondern eher beim Erstellen der Metadaten, die es überhaupt erst ermöglichen, Texte, ganze Zeitungen oder mehrere Zeitungen sinnvoll zu durchsuchen. Und auch die Aufbewahrung ist nicht billig. Im e-Depot in Den Haag werden letztendlich etwa 120 Terabyte an Daten zusammenkommen, bei Kosten von 8500 Euro pro Terabyte und Jahr. Das häufig beim Scannen auftretende Problem, dass die automatische Einstellung des Kontrastes bei Schwarzweiß-PDF-Dateien nicht funktioniert, ließe sich eigentlich dadurch beheben, auf Graustufen-PDFs umzustellen. Doch bei denen verdreifachen sich die Datenmenge und damit die Kosten.

Zwar wird aus Kostengründen überall versucht, möglichst viel des Prozesses zu automatisieren, aber "alte, brüchige Zeitungsseiten scannen, das kann kein Roboter machen", sagt Martina Stammler von der Zeitungsabteilung der Berliner StaBi. Dort steht deshalb bis auf weiteres ein Mensch am Zeutschel Omniscan 14 000. 2000 Seiten am Tag sind so zu schaffen. Das ist nicht einmal wenig, aber wahrscheinlich wird man, wenn es bald eine von der DFG geförderte koordinierte Zeitungs-Digitalisierung in Deutschland geben wird, ein paar mehr der Geräte leasen müssen, um nur jene "wichtigsten" Zeitungen in einem überschaubaren Zeitrahmen auf die Server zu bekommen. Und vielleicht irgendwann auch die anderen. Man weiß ja nie, was eines Tages vielleicht mal wichtig wird.

Im Internet: Die besten Links zu digitalisierten Zeitungen unter www.faz.net/Zeitungsportale

Quelle: F.A.S.
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