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Ist Mitgefühl erlernbar? : Komm Fremder, mach mir den Kopf frei

In der Erstaufnahmestelle Meßstetten. Bild: dpa

Überfremdung entsteht im Kopf, warum also nicht im Gehirn ansetzen, um mehr Toleranz herauszukitzeln? Schweizer Hirnforscher haben das mal im Labor probiert. Ihr Fazit: Mitgefühl ist erlernbar - oder käuflich, wie man es nimmt. Eine Glosse.

          Die Bereitschaft zum Mitgefühl, das ist in der Hitze dieser Tage besonders zu spüren, kann gar nicht ausgeprägt genug sein. Wahrscheinlich war sie auch noch nie so nötig wie heute. In seiner unnachahmlichen Weise hat das Kollege Henning Ritter schon in seinem Buch über „Nahes und fernes Unglück“ beschrieben: Mithin gebe es in unseren Gesellschaften bereits eine - wenn auch noch nicht kodifizierte, so doch „erstaunlich lebenskräftige“ - „Ethik der grenzenlosen Einfühlung“, die sich mit den modernen Medien noch zusätzlich erweitern lässt. Kulturübergreifend gewissermaßen.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das muss nicht bedeuten, dass Opfer und Täter das gleiche Mitgefühl erfahren und emotionale Gleichbehandlung beanspruchen dürfen. Aber es weist darauf hin, dass das Fremde an sich von unserer Fähigkeit zur Empathie keineswegs ausgenommen ist. Eine Erfahrung, die fast jeder kennt und jede macht - der allerdings nicht jeder in gleicher Weise genügen kann, sondern die zu messen ist an ebenjenen sehr persönlichen Erfahrungen und Begegnungen. Im Kern ist das Küchenpsychologie. Und niemand, auch der naivste Soziobiologe nicht, käme auf die Idee, zu behaupten, dass eine bedingungslose Empathiefähigkeit oder das Gegenteil - eine völlige Empathielosigkeit - quasi in den kognitiven Bauplan eines gesunden Menschen eingebaut ist.

          Elektroschocks für den Fremden

          Genau das aber scheint eine Arbeitshypothese jener Züricher Hirnforscher gewesen zu sein, die uns nun nach einer Veröffentlichung in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Wissenschaftsakademien mitteilen: „Mitgefühl für Fremde ist erlernbar.“ Grundlage sind verhaltensphysiologische Laborexperimente mit Schweizern und Zuwanderern aus dem Balkan, eine Minderheit, wie es in der Studie heißt, „deren Präsenz oft als problematisch beschrieben wird“. Die Schweizer Probanden sollten anderen Eidgenossen respektive Zuwanderern schmerzhafte Elektroschocks auf dem Handrücken zufügen - was sie selbst emotional berührte. Sie machten dann aber die Erfahrung, dass ein Mitglied der eigenen oder der fremden Gruppe Geld bezahlte, um so den Schmerz des Gegenübers zu verhindern. Zu Beginn des Experiments löste der Schmerz eines Fremden bei den Versuchspersonen offenbar schwächere Hirnaktivitäten aus, als wenn ein Mitglied einer eigenen Gruppe betroffen war. Bezahlte allerdings einer aus der Zuwanderergruppe Geld, um die Schmerzen eines anderen zu verhindern, änderte sich die Hirnaktivität: Schon wenige „positive Erfahrungen“ dieser Art, so heißt es, führten zu einer sichtbaren Verstärkung des Empathiesignals in den Spiegelneuronen des Schmerzareals.

          Was aber sagt uns diese Schweizer Selbsterkenntnis über die antirassistische Trainierbarkeit des menschlichen Geistes? Bis auf weiteres, jedenfalls bis geklärt ist, wie eng bei Schweizern das Belohnungszentrum im Hirn mit der Wahrnehmung von Geldscheinen einerseits und den Schmerz-Spiegelneuronen andererseits verdrahtet ist, sagen wir zur Generalisierbarkeit dieser Resultate besser nichts. Bis dahin gilt für uns das Wort des österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter, der beim Umgang mit Geld und Politik vor den gefährlichen, weil manipulativen „Geschäften mit Gefühlen“ warnte. Eine alte Erfahrung: Die Vermessung der Moral stößt an natürliche Grenzen, sobald Geld im Spiel ist. Dass das auch zutreffen könnte, wenn die Leute mit ein paar Scheinen in der Tasche in den Hirnscanner geschoben werden, ist keine allzu gewagte These.

          Quelle: F.A.Z.

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