25.10.2011 · Fördert die Strahlung von Mobiltelefonen das Entstehen von Hirntumoren? Eine große Studie findet nun keinerlei Beweise für die gesundheitsschädigende Wirkung.
Von Reinhard WandtnerMobiltelefone befinden sich auf einem beeindruckenden Siegeszug. Mehr als fünf Milliarden Menschen in aller Welt waren 2010 als Nutzer angemeldet. Die Freiheit des mobilen Telefonierens wird freilich immer wieder durch die Angst vor gesundheitlichen Gefahren überschattet. Die Zahl der Studien zum Einfluss elektromagnetischer Strahlung auf Biomoleküle, Zellen und Organismen ist explodiert, und die Befunde sind höchst widersprüchlich. Das EMF-Portal der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen listet fast 15 000 Literaturstellen auf. Besonders schwer wiegt der Verdacht, das Risiko könne erhöht sein, dass sich Tumoren im Zentralnervensystem entwickeln. Er wurde wiederholt erhoben, aber noch öfter wieder entkräftet. Dieser Tage haben Forscher aus Dänemark und Frankreich eine besonders groß angelegte Studie präsentiert, die das Handy weiter entlastet. "Es gab keine erhöhten Risiken von Tumoren des Zentralnervensystems", lautet ihr Fazit.
Dünne Hinweise
Ende Mai dieses Jahres hatte die Internationale Krebsagentur (IARC), ein Gremium der Weltgesundheitsorganisation, dafür gesorgt, dass die Debatte über das gesundheitliche Risiko durch Handys nicht verebbte. Sie stufte die Strahlung als "möglicherweise krebserregend" ein. Viele Menschen fühlten sich dadurch in ihren Befürchtungen bestätigt. Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz bemühte sich um eine nüchterne Einschätzung. Sie mündete in die Aussage, die IARC sehe zwar Hinweise, dass diese Felder krebserregend sein könnten, im wissenschaftlichen Sinne könne das aber nicht als nachgewiesen gelten. Auch in eigenen Untersuchungen hätten sich solche Hinweise nicht bestätigt.
Die jetzt von Forschern um Patrizia Frei von der Dänischen Krebsgesellschaft im "British Medical Journal" (doi: 10.1136/bmj.d6387) präsentierte Studie beeindruckt schon durch eine schiere Zahl. Sie stützt sich auf Daten von gut 358 000 Personen mit Handyvertrag. Ermöglicht wurde sie durch das 1968 eingerichtete Zentrale Personenregister, in dem jedem Dänen bei der Geburt eine Identifikationsnummer zugewiesen wird. Das erlaubt eine Fülle von Rückschlüssen allein aufgrund des Registers.
Ernüchternde Studienergebnisse
Die neue Untersuchung ist die Fortsetzung einer sogenannten Kohorten-Studie, die schon 2001 erste Ergebnisse geliefert hat. Berücksichtigt wurden alle Dänen im Alter von mindestens 30 Jahren, die im Zeitraum von 1982 bis 1995 einen Handyvertrag abgeschlossen hatten. Als Vergleichsgruppe diente die übrige Bevölkerung dieser Altersklasse. Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Handynutzer, an einem Hirntumor zu erkranken, fanden sich nicht. Zum gleichen Ergebnis kam eine Folgeuntersuchung, die sich auf die Zeit bis 2002 bezog.
Krebsgefahr ausgeräumt
Noch aussagekräftiger sind die nun vorgestellten Ergebnisse, denn sie decken den Zeitraum bis zum Jahr 2007 ab. Der Anteil der langjährigen Handynutzer hat entsprechend zugenommen. Das Krebsrisiko indessen ist nicht gestiegen. Auch bei den Personen, die zehn und mehr Jahre einen Handyvertrag besaßen, traten Hirntumoren - bösartige Gliome und eher gutartige Meningeome - nicht öfter auf als in der Vergleichsgruppe. Es gab auch keine Häufung in jenen Hirnbereichen, den Schläfenlappen, die der elektromagnetischen Strahlung des am Kopf gehaltenen Handys gewöhnlich besonders stark ausgesetzt sind. Die Forscher sehen demnach keinen Hinweis auf eine möglicherweise mit der Strahlendosis steigende Krebshäufigkeit.
Merkwürdige Resultate
In dieser Hinsicht hat eine andere groß angelegte Untersuchung, die im Jahr 2000 begonnene internationale Interphone-Studie, irritierende Ergebnisse geliefert. Bei langjähriger, intensiver Handynutzung schienen etwas mehr Gliome vorzukommen. Ein kaum weniger häufiger Gebrauch indessen ging scheinbar mit einer Art Schutzwirkung einher, denn die Tumoren traten nun sogar besonders selten auf. Auch die dänische Studie liefert ein merkwürdiges Ergebnis, wenn man Meningeome nach mehr als zehn Jahren Handynutzung isoliert betrachtet. Man könnte dann auf ein um rund zehn Prozent verringertes Risiko schließen.
Guter Rat zuletzt
Wie alle Studien ist auch die dänische trotz der immensen Personenzahl und ihres vorteilhaften Designs nicht frei von Unzulänglichkeiten. Zum Beispiel ist der Abschluss eines Handyvertrages nicht gleichbedeutend mit Handynutzung. Das Gerät könnte stattdessen von Personen verwendet worden sein, die der Vergleichsgruppe zugeordnet wurden. Ebenfalls gilt das für Personen mit einem Firmenhandy, die keinen eigenen Vertrag abgeschlossen haben, aber vermutlich besonders viel telefonierten. Ein möglicherweise leicht erhöhtes Krebsrisiko könnte durch solche Mängel verschleiert werden. Für Handynutzer empfiehlt es sich daher, weiterhin den Rat von Fachleuten zu beherzigen: Mit dem Handy am Ohr möglichst nur bei gutem Empfang telefonieren, weil dann die Sendeleistung gering ist, und überhaupt das Gerät stets mit Sinn und Verstand verwenden.