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Veröffentlicht: 18.05.2013, 14:02 Uhr

Halluzinogene in der Forschung Der Rausch im Versuchslabor

Unter kontrollierten Bedingungen versetzen Halluzinogenforscher ihre Probanden in einen Rausch, um die Chemie des Gehirns zu studieren. Provozieren kann man damit längst nicht mehr.

von Helena Wittlich

Hilflos fühlt man sich. Aufstehen oder sich bewegen, das geht gar nicht. Man selber bekommt so viel mehr Eindrücke mit, weil die Wahrnehmung extrem geschärft ist.“ Ganz rational beschreibt Sebastian Pfeiffer sein Erlebnis mit dem Stoff Ketamin. Was ursprünglich einmal als Narkotikum in der Medizin entwickelt wurde, ist heute als Modedroge mit halluzinogener Wirkung bekannt. Doch Pfeiffer hatte keinen verrückten Drogentrip während einer Party, sondern er konsumierte Ketamin in einem wissenschaftlichen Versuchslabor. Er war Proband einer Studie der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich, auch bekannt als Burghölzli, wo Wissenschaftler versuchen, mit Hilfe halluzinogener Stoffe die chemischen Abläufe im Gehirn besser zu verstehen. Sie setzen dazu nicht nur Ketamin, sondern auch Psilocybin, den psychoaktiven Wirkstoff einer bestimmten Pilzart, ein. In Studien mit gesunden Teilnehmern wollen sie mehr über die Zustände erfahren, in die Drogen das Gehirn versetzen - etwa, um die Krankheit Schizophrenie besser zu verstehen, neue Arzneimittel zu entwickeln oder neue Ansätze in der Psychotherapie zu finden.

Halluzinogene simulieren Psychosen

Stoffe wie LSD, Psilocybin oder Ketamin verändern unser Bewusstsein, indem sie auf bestimmte Andockstellen, die Neurorezeptoren, im Gehirn wirken. Sie verändern auf eine mannigfaltige Weise die Sinneswahrnehmung. Reize aus der Umwelt können verstärkt und verzerrt wahrgenommen werden, was in Halluzinationen gipfeln kann. Ähnliches erleben auch Menschen, die an einer Psychose, etwa einer Schizophrenie, leiden. Deswegen nutzen Wissenschaftler Halluzinogene, um gewisse Symptome dieser psychischen Erkrankungen zu simulieren. Indem sie Gesunden Psilocybin verabreichen, kreieren sie eine vorübergehende sogenannte Modellpsychose, um herauszufinden, welche Rezeptoren und neuronalen Netzwerke etwa bei Schizophrenie im Gehirn anders funktionieren als bei gesunden Menschen.

24186266 © Nicolas Langlitz Vergrößern Unter Drogeneinfluss liegt der Patient still im Tomographen

Einer der Forscher, der mit Modellpsychosen arbeitet, ist der Hirnforscher und Psychiater Franz Vollenweider. Am Burghölzli versucht er mit seinen Studien, die neurochemischen Grundlagen psychotischer Symptome weiter aufzudecken. So konnte er mit seinen Kollegen zeigen, welche Andockstellen im Gehirn bei dem Konsum von Psilocybin relevant sind, so dass sie auf dieser Basis weitere Tests machen konnten. „Man weiß heute, dass Halluzinogene je nach Dosis das Glutamatsystem im Stirnhirn, einem Teilbereich des menschlichen Gehirns, anregen“, sagt er. „Diese neue Erkenntnis setzen wir dazu ein, neue Medikamente zu testen, die das Glutamatsystem spezifisch hemmen und möglicherweise antipsychotisch wirken.“ In einer zukünftigen Studie wollen sie prüfen, ob solche neuen Psychopharmaka auch tatsächlich Symptome der Schizophrenie lindern.

Entscheidend für die Entdeckung dieser neuen Möglichkeiten waren die Weiterentwicklungen der bildgebenden Verfahren. Als Vollenweider 1992 anfing, mit Halluzinogenen zu forschen, nutze er die Möglichkeit, mit einem Positronen-Emissions-Tomographie-Scanners (PET) einen Blick auf die genauen Abläufe an den Rezeptoren im Gehirn zu werfen. Bei diesem Verfahren bekommen Patienten eine schwach radioaktive Substanz gespritzt, die sich im Körper und Gehirn verteilt und so auf Bildern Auskunft über bestimmte biologische Abläufe im Körper geben kann. „Mit dem PET-Scanner kann man etwa die Andockstellen von Medikamenten oder Halluzinogenen im Gehirn sichtbar machen und quantifizieren, ohne dass man den Kopf aufschneiden muss“, sagt Vollenweider.

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