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Veröffentlicht: 01.02.2016, 12:29 Uhr

Forschung Großbritannien erlaubt Gen-Experimente mit menschlichen Embryonen

Um kinderlosen Paaren zu helfen, dürfen in London nun Reproduktionsmediziner Designer-Embryonen erzeugen. Allerdings mit einer entscheidenden Auflage.

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© dpa Untersuchung von Flüssigkeit auf vorhandene Eizellen für eine künstliche Befruchtung
 
Großbritannien erlaubt Gen-Experimente mit menschlichen Embryonen

Zum ersten Mal weltweit hat eine staatliche Behörde gentechnische Experimente an künstlich befruchteten menschlichen Embryonen zugelassen. Der vom Francis Crick Institute in London im September eingereichte Forschungsantrag wurde am Montag offiziell von der für die Biomedizin zuständige britische Zulassungsbehörde HFEA, befürwortet.

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Damit sind trotz eines vor Monaten von Wissenschaftlern geforderten internationalen Moratoriums erstmals Laborversuche mit den neuen Präzisions-Genscheren Crispr-Cas09 an Keimzellen des Menschen erlaubt worden. Mit den gentechnisch veränderten Embryonen will die Forschergruppe um Kathy Niakan herausfinden, wie defekte Gene in den ersten Embryonalstadien zur Unfruchtbarkeit bei vielen kinderlosen Paaren beitragen. Die Versuche sollen in wenigen Monaten beginnen, nachdem auch das für das Institut zuständige Ethik-Komitee noch grünes Licht gegeben hat.

Infografik / Wie CRISPR arbeitet © F.A.Z. Vergrößern

In Großbritannien sind Experimente mit menschlichen Embryonen grundsätzlich bis zu vierzehn Tagen nach der künstlichen Befruchtung (IVF) im Reagenzglas erlaubt – aber genehmigungspflichtig. Die Erlaubnis für die genchirurgischen Versuche Niakans wurde, wie bei solchen Einzelfall-Lizenzen der HFEA (Human Fertilisation and Embryology Authority) üblich, an eine strenge Auflage gebunden: Die von kinderlosen Paaren für Forschungszwecke gespendeten Embryonen dürfen sich nicht über den siebten Entwicklungstag hinaus entwickeln und erst recht nicht in eine empfängnisbereite Frau übertragen werden. Nach der ersten Woche hat sich der Embryo in der Regel schon vielfach geteilt. Er ist zu einem zwischen 64 und 256 Zellen ist der in diesem Stadium als Blastozyste bezeichneten Embryo herangewachsen.

Karlsruhe bestätigt Privileg für Ehe bei künstlicher Befruchtung © dpa Vergrößern Trotz moderner IVF-Verfahren bleiben viele Paare wegen Unfruchtbarkeit kinderlos.

Bei vielen kinderlosen Paaren bleibt der Grund der Unfruchtbarkeit im Dunkeln. Die Forscher vermuten, dass Schlüsselgene wie das „Masterentwicklungsgen“ Oct4 in den ersten Tagen fehlreguliert sein könnten. Um das zu testen, wollen Niakan und ihre Kollegen vom Francis Crick Institute nun in der befruchteten Eizellen so in das Oct4-Gen eingreifen, dass es nicht mehr funktioniert. Auf die Weise hofft man mehr über die genaue Funktion dieser Erbanlage herausfinden.

Wenige Monate nachdem im Frühjahr 2015 chinesische Forscher über die Erzeugung von gentechnisch veränderten Embryonen berichteten, hatte die britische Gruppe sich entschlossen, den Forschungsantrag zu stellen. Gleichzeitig war eine weltweite Diskussion darüber entbrannt, ob gentechnische Experimente dieser Art nicht völlig ausgesetzt werden sollten, weil die heute verwendeten Techniken wie Crispr-Cas09 noch jung sind und kaum experimentelle Erfahrungen über Effizienz und Sicherheit vorliegen. Viele Wissenschaftler schlossen sich einem Aufruf zu einem weltweiten Moratorium an. Allerdings bekannten sich im Spätjahr, noch vor einem in Washington abgehaltenen „Gentechnik-Gipfel“, ebenso viele zu einer von britischen Forschern angeführten Initiative, die zum Ziel hat, zwar Keimbahnexperimente an entwicklungsfähigen Embryonen zu unterlassen, aber zumindest die Grundlagenforschung mit nicht entwicklungsfähigen Embryonen und Keimzellen in den Genlabors zu erlauben. 

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