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Glosse : Sinn für Unsinn

John Mainstone wartet auf den fallenden Pechtropfen Bild: University of Queensland,

Seit Jahrzehnten stehen in zwei Laboratorien Trichter angefüllt mit Teer. Nun hat sich in Dublin ein Pechtropfen gelöst - nach einer Wartezeit von neun Jahren. Die Forscher sind begeistert, denn nun gibt es erstmals auch ein Video von dem doch recht langweiligen Ereignis.

          Am 11. Juli kurz nach 17:00 Uhr war es endlich so weit. Im Labor von Shane Bergin und seinen Kollegen am Trinity College in Dublin ereignete sich ein seltenes Schauspiel. Ein Tropfen einer dunklen schwarzen Teermasse löste sich von einem Trichter und fiel in ein Becherglas. Geschlagene neun Jahre hatten die Physiker auf diesen großen Augenblick warten müssen, den sie leider nicht mit eigenen Augen gesehen haben, der aber glücklicherweise von einer Webcam zum ersten Mal festgehalten wurde. So konnte das Ereignis, das nur eine zehntel Sekunde dauerte, jeder im Nachhinein bewundern. Die acht vorangegangenen Tropfen des Dubliner Experiments, das 1944 gestartet wurde, fielen bis dahin alle unbemerkt zu Boden.



          Spaßauszeichnung  für Langzeitversuch

          So wie im Labor von John Mainstone und seinen Kollegen an der University of Queensland in Brisbane. Als sich dort im Jahr 2000 zum letzten Mal ein Tropfen gelöst hatte - der achte seit dem Start des Langzeitexperiments 1927 -, versagte die Kamera, die den Versuch bereits einige Jahre überwachte. Nun wartet man geduldig bis zum neunten Ereignis, das noch dieses Jahr stattfinden soll. Dann will man alles richtig machen. John Mainstone, der das australische Pechtropfenexperiment seit 1961 beaufsichtigt und im Jahr 2005 den Ig-Nobelpreis, die Spaßauszeichnung für seltsame Wissenschaft, erhielt, soll sich den fallenden Tropfen der Dubliner Kollegen viele Male fasziniert angesehen haben. Was vor 86 Jahren Thomas Parnell in Queensland bewogen hat, den längsten Laborversuch der Geschichte zu beginnen, als sich jeder große Physiker mit der aufkommenden Quantenphysik beschäftigte, ist ein Rätsel. Vielleicht wollte Parnell zeigen, dass Pech bei Raumtemperatur doch nicht so hart ist wie Stein und so brüchig wie Glas, wie man bis dahin glaubte.

          Das Pechtropfenexperiment an der University of Queensland wird von Kameras überwacht.
          Das Pechtropfenexperiment an der University of Queensland wird von Kameras überwacht. : Bild: University of Queensland

          Der Teertropfen befeuert die Neugierde

          Berechnungen haben ergeben, dass die teerartige Substanz zweimillionenmal so zähflüssig ist wie Honig. Und die Experimente in Dublin und Brisbane haben das offenkundig bewiesen. Dummerweise sind die Versuche lange nicht unter kontrollierten Bedingungen abgelaufen, so dass ihre Aussagekraft äußerst mager ist. Befragt nach dem Nutzen und Sinn des Unterfangens, gaben die Forscher in Dublin eine klare Antwort: „Neugierde, wie sie im Mittelpunkt jeder guten Forschung steht. Und der Teertropfen befeuert diese Neugier“, sagt Bergins Kollege Denis Weaire.

          Bei solch einem Enthusiasmus darf ein Experiment ohne Frage so lange dauern, wie es will. Auch wenn es den Ruf hat, das langweiligste Experiment der Welt zu sein. Selten ist Forschung so zeitlos, entspannend und so sinnfrei. Und so preiswert, zur Freude aller Forschungsminister.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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          Quelle: F.A.Z.

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