Von allem und jedem nur einen Klick entfernt zu sein, wie das heute eben so geht mit Internet, davon hat man früher nur geträumt. Früher, das muss man sich klar machen, ist gerade mal ein paar Jährchen her. Das war, als wir uns noch nicht ins Glück gechattet oder Lehrbücher online gelesen haben. Da haben wir uns vielmehr noch mit schweren Beinen durch die Kaufläden gequält, Tüten geschleppt und unsere Freunde an einer Hand abgezählt. Heute hat das Freundenetzwerk Facebook mehr als 875 Millionen registrierte User und schon vor dem Börsengang der öffentlichen Forschung eine sagenhafte Hausse beschert. In Eurekalert, dem englischsprachigen Pool für Wissenschaftsnews, ist die Liste der Forschungsnachrichten, die über Facebook verbreitet werden, in den acht Jahren seit Gründung des Freundenetzwerks auf mehr als 1600 gewachsen.
Lernen im Netz heißt: Kennenlernen
So schnell können wir gar nicht mitschreiben, wie da geforscht und nachgedacht wird. Vor ein paar Jahren hatte man auch noch gehofft, dass auf dem Datenhighway nicht nur soziologische Trittbrettfahrer mitfahren, sondern der kleine Mann und die Frau intellektuell profitieren. Irgendwann würde schon jeder Zugang zu den sprudelnden Quellen des Wissens erhalten. Eine neue Kultur des Lernens wurde herbeigesehnt, eine Explosion der Wissensgesellschaft, ja die ultimative Blüte einer Wissensökonomie. Eine Wohlstandsphantasie sondergleichen. Wir alle wissen, was die Gier in der Finanzkrise aus diesen Illusionen gemacht hat. Das ist zwar schade um die Ökonomie und um das schöne Geld, aber immerhin, so glaubten wir bislang, haben wir noch das Wissen. Das wächst und wächst und breitet sich im Internet aus wie das edelste Virus. Einige wollen uns allerdings auch diese Beobachtung in Abrede stellen. Im neuen „British Educational Research Journal“ etwa wird nach der Befragung von 47 000 erwachsenen Studienteilnehmern behauptet, dass wir auch nach einer Dekade im Internet „nicht einen Schritt näher an der Lerngesellschaft“ sind. Noch immer werde, obwohl verfügbar, im Internet nicht viel mehr als früher nach Bildungsmaterial gesucht. Das lebenslange Lernen als Massenphänomen bleibt für die britischen Soziologen „vorerst ein Traum“. Das ist zwar wieder schade, aber auch ein schöner Traum kann ein Erfolg sein. Jedenfalls sollte man ihn sich warm halten. Erstmal jedoch werden sich die Soziologen vermutlich dem Kennenlernen im Internet widmen. Da ist wissenschaftlich auch einiges zu lernen. Die Seitensprung- und Partnerbörsen blühen. Und irgendwann, in zwei oder drei Dekaden, wird man sich bestimmt wieder an den Traum von der Volkshochschule Internet erinnern und auf das aktuelle Forschungsprojekt aufbauen. Dann sollte man soziologisch unbedingt dabei sein. Und wir, was lernen wir flatterhaften Hedonisten des Internets daraus? Vielleicht das: Lebenslanges Lernen im Internet kann Spaß machen, vor allem dann, wenn dafür lebenslang Forschungsgelder winken.
Die Voraussetzung muss da sein:
Florian Sittel (flosit)
- 04.04.2012, 15:44 Uhr
Erst kam das Internet, dann Facebook; und Medienkompetenz?
Andreas Girlich (ekstasefrosch)
- 04.04.2012, 15:26 Uhr