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Glosse Kamera läuft

 ·  Wissenschaft goes Video: Die Öffentlichkeitsarbeit der Forscher spielt heute auf allen Kanälen, und immer beliebter sind Bewegtbilder. Aber was bewegt sich da?

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So stockkonservativ, wie die Wissenschaften meistens gelten, sind sie ja gar nicht mehr. Nehmen wir nur ihr publizistisches Wirken in die Öffentlichkeit. Zugegeben, da überschlagen sich zwar auch nicht unbedingt die Ereignisse, und das Bloggen von Forschungsbefunden oder die Auftritte vor einem größeren Publikum werden fatalerweise immer noch nicht als akademischer Mehrwert anerkannt. Aber der Wettstreit um Aufmerksamkeit - und damit auch um einen Logenplatz an den öffentlichen und privaten Honigtöpfen - hat das Aufklärungsbedürfnis nach außen mächtig angestachelt. Das liegt natürlich in erster Linie am Internet. Und dort sind gerade Videoclips der große Renner. Bewegte Bilder haben etwas Magisches, wer weiß das nicht, und vor der laufenden Kamera wird aus manchem scheuen Reh ein Zirkustier.

So kann man jetzt also beobachten, wie Forscher und die Redakteure hochkarätiger Journale selbst sprödeste Forschungsgegenstände mit laufenden Bildern aus dem Labor oder mit einem Interview vor der Bücherwand des Institutschefs aufwerten. Jede Woche geschieht das zigfach. Youtube vernetzt sie alle, und unsere Filmarchive platzen allmählich aus den Nähten. Was als massenwirksam gilt, wird multimedial inszeniert. Und gerne auch mit ordentlich Tiefgang. Dagegen ist schwer etwas einzuwenden, zumal nicht von denen, die das Prinzip der Transparenz und Offenheit als Aushängeschild, ja als Urprinzip wissenschaftlichen Publizieren, vor sich hertragen. Interessant wird es, wenn das Aufklärungsbedürfnis der akademischen Nerds auf die Binnenkommunikation zurückschlägt. Die Astronomen der Ohio State University zum Beispiel haben sich offenbar vorgenommen, jedes Paper aus dem eigenen Haus in einer Art Astro-Tagesschau darzubieten. Da sitzen junge Forscher, frisch frisiert und den Ansagetext sorgfältig eingeübt, vor laufender Kamera und erläutern in drei Minuten die Kernpunkte ihres taufrischen Papers. Nach lustvollem Filmemachen sieht das dann zwar nicht aus. Aber offenkundig soll damit ja auch die Überzeugungskraft der Forschungsergebnisse unterstrichen werden und nicht etwa die eigenen medienpädagogischen Ambitionen.

Das kann man überflüssig finden oder als ungelenke Antwort auf die multimedialen Herausforderungen der Gegenwart. In solchen Augenblicken jedenfalls begreifen wir, warum man im Zirkus so selten dressierte Rehe sieht.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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