Die Universität Wien nimmt uns mit auf eine Zeitreise. Es geht zurück in entschwundene Jahrzehnte, als Väter nur zum Abendbrot auftauchten, Mütter keinen Beruf hatten und man glaubte, dass Kinder am Anfang ihres Lebens keinerlei Anregung brauchen, weil sie eigentlich noch kaum etwas von ihrer Umwelt mitbekamen. Am besten, man - nein, um genau zu sein, frau! - stellte sie im Kinderwagen auf den Balkon und räumte derweil die Küche auf. Frische Luft kann ja nie schaden. Ein bisschen frischer Wind hätte auch der Pressemitteilung gutgetan, mit der die Universität Wien auf eine neue Studie mit Graupapageien aufmerksam machen wollte, die in den „Proceedings of the Royal Society B“ erschienen ist. Graupapageien seien so schlau wie dreijährige Kinder, hieß es da, und diese Einsicht wurde postwendend zum Titel aller Artikel, die über die Studie erschienen. Tier-Kleinkind-Intelligenzvergleiche stammen aus einer Zeit, in der Verhaltensbiologen Männer waren, den ganzen Tag in ihrer Beobachtungsstation verbrachten und sich am Wochenende hinter die neuen Bücher zurückzogen, die gerade aus Übersee eingetroffen waren. Das mit den Kindern managte die Ehefrau. Deshalb wusste auch nur sie, ob der Dreijährige bis zehn zählen konnte. Vermutlich waren die Kinder verstockt oder bekamen einen Wutanfall, wollte der fremde Mann ihnen doch einmal Zeit widmen. Es wäre also kein Wunder, wenn die Verhaltenskundler damals beeindruckter waren, während sie die gesittet in einer Reihe hinter ihnen her tapsenden, dabei diskret schnatternden Gänsejungen erlebten. In dieser Zeit erschienen Berichte über Delphine, die so schlau waren „wie Zwölfjährige“. Der kanadische Psychologe Stanley Coren, immerhin schon Jahrgang 1942, hat stets darauf beharrt, dass Hunde so intelligent sind „wie zweijährige Kinder“.
„Fast immer zu Hause“
Solche Angaben rühren meist daher, dass die Tiere in Studien Größen schätzen oder Gesten deuten konnten; die Wiener Graupapageien vermochten darauf zu schließen, welche von zwei Futterdosen Nüsse enthielt, wenn man ihnen vorführte, welche nicht klapperte. Gleiche Abstraktionskünste stellen sich bei Kindern erst ab bestimmten Reifungsstufen ein - auch wenn sie vorher schon längst sprechen oder malen können. Man hätte aber annehmen können, mit solchen Vergleichen sei es heute vorbei. Schließlich sind Lebenswissenschaftler inzwischen meist Frauen, die bis vier Uhr nachmittags forschen, um zwanzig nach vier das Kind aus der Kita holen, mit ihm puzzeln und lesen, bis es schlafen geht, und ab 20.30 Uhr dann noch mal mit den Kollegen in Kalifornien wegen des neuen Papers skypen. Gerade aus Wien, der Heimat von Konrad Lorenz, hätte man Moderneres erwartet. Denn anders als die obige Gänse-Polemik nahelegt, war Lorenz „fast immer zu Hause“, wie seine Tochter Agnes sich erinnerte. Sie hatte als Kind ihren eigenen Platz neben ihm im Beobachtungsgraben, und er soll begeistert von ihrem Interesse und ihrem Verstand gewesen sein.
Erziehung war schon immer Männersache
Karl Hammer (cromagnon)
- 27.08.2012, 21:40 Uhr
@Kein Wunder
Claus Ohliger (Herjasto)
- 25.08.2012, 14:24 Uhr
Kein Wundeer
Konrad Kugler (kritkakons)
- 22.08.2012, 14:53 Uhr