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Glosse: Der Weihnachtsforscher Im Rotnasenmilieu

Die Geschichte, wie Arnoldous Blix aus Tromsø vom Ententauchen zum Rentierlaufen kam, ist eine Warnung: Auch Naseweise sollten die Finger von Waffen lassen.

© F.A.Z- Vergrößern Rudolph, das Rentier

Wirklich rührende Forscherschicksale gibt es leider viel zu selten. Das von Arnoldus Blix aus Tromsø in Nordnorwegen hätte gut eines werden können. Als junger ambitionierter Physiologe war Blix ein leidenschaftlicher Beobachter tauchender Enten und schwitzender Schneehühner, bis er Ende der neunziger Jahre anfing, die Köpfe von Schweinen mit Granatharpunen zu traktieren. Angeblich interessierte ihn, wie schnell die neuen Harpunen die Wale ins Jenseits zu befördern vermochten. Die Antwort liegt auf der Hand: Kommt darauf an, wie gut der Schütze trifft. Weshalb man dafür Schweinen in die Köpfe schießen muss, bleibt allerdings schleierhaft. Blix jedenfalls war auf dem vorläufigen Tiefpunkt seiner wissenschaftlichen Karriere angelangt. Offenbar bereute er seine Taten. Denn schon bald darauf kümmerte er sich in geradezu fiebriger Forschersisyphusarbeit um den Herzschlag tauchender Seelöwen, dann um die Sauerstoffversorgung von Sattelrobben, um die norwegischen Zuchterfolge mit Moschusochsen und schließlich um die beeindruckenden Tauchleistungen von Klappmützen. Vermutlich waren es die rot geschwollenen Nasenwucherungen dieser oft als „Rüsselrobben“ bezeichneten Tiere, die ihn sein blutiges Handwerk für einen Moment vergessen ließen. Wie aus zwei im Jahresabstand folgenden Veröffentlichungen hervorgeht, hat es Blix nach den erfolgreichen Klappmützenstudien offenbar zum weltweit führenden Rotnasenexperten gebracht. Sein Favorit ist inzwischen das Rentier. „Warum Rudolphs Nase rot ist: eine Beobachtungsstudie“ hat es jetzt in die Weihnachtsausgabe eines der führenden Medizinerjournale gebracht, ins „British Medical Journal“. In der Schlussfolgerung des Aufsatzes ist zu lesen: Damit die Rentiere beim Schlittenfahren mit Santa Klaus unter ihrem dicken Fell einen kühlen Kopf bewahrten, seien die Nasenwände mit Kapillargefäßen besonders reichhaltig versorgt, die kühles frisches Blut zum Gehirn führen. Der Blutfluss sei um ein Viertel größer als beim Menschen (Video).

Woher Blix das so genau weiß? Weil er nicht nur Rentiere, sondern am Ende sogar ein halbes Dutzend Studenten mit einem Handmikroskop auf dem Laufband untersuchte. Das Gerät wurde in die Nasenöffnungen von Mensch und Tier eingeführt und zeichnete jeweils ein Video auf. Und hätten wir uns nicht gefragt, was diese physiologische Pionierarbeit eigentlich in einem Medizinjournal zu suchen hat und nicht wie seine erste Rentierarbeit im „Journal of Experimental Biology“ erschienen ist, wir sähen heute noch in Arnoldus Blix einen Helden der Naturforschung. So aber wissen wir nach der Lektüre des Papers: Blix hat nicht nur gesunde Studenten, sondern auch einen Patienten mit Polypen dritten Grades, also mit hochgradigen Wucherungen der Nasenwände und der entsprechenden Atemnot aufs Laufband gezerrt. Bleibt nur zu hoffen, dass er sich nächstes Jahr nicht an seine Granatharpunen erinnert und fliegende Schlitten vom Himmel schießt. Falls doch, wird sich bestimmt ein renommiertes Fachmagazin finden, das uns auch darüber informiert.

Quelle: F.A.Z.

 
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