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Gewalt gegen Alzheimer-Kranke Das große Verschweigen

10.10.2005 ·  Wenn Demenzkranke Opfer von Gewalt werden, bleibt das meist geheim.

Von Christian Schwägerl
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Hilfe, hilfe, hier ich.“ Aus dem zweiten oder dritten Stock des Hauses an der Teichstraße 44 dringt die Stimme einer alten Frau. Nach einer Minute wieder: „Hilfe, Hilfe!“ Bis eben war es still gewesen am Gartenzaun des „Wohnpflegezentrum Reinickendorf“, wo stehen muß, wer sich für die Zustände im Inneren interessiert. Der Betreiber des Heims im Berliner Stadtteil Reinickendorf, die landeseigene Vivantes-Unternehmensgruppe, hatte telephonisch mitgeteilt, an einem Besuch des Heims, gar einem Gespräch mit der Leitung über die Vorwürfe externer Prüfer, bestehe derzeit kein Interesse. Man möge „laufende Optimierungsprozesse“ abwarten. Doch sich am Jägerzaun umsehen, von einem öffentlichen Fußweg aus, das darf man doch bestimmt.

Alle Balkone des sechsstöckigen Hauses sind mit Netzen gesichert. „Die schmeißen sonst ihre Sachen runter oder noch schlimmer“, erklärt eine Nachbarin. Ein Kaninchen hoppelt hinter dem Jägerzaun im leeren Garten herum, ein Rabe sitzt auf einem umgefallenen Stuhl. Und das Ohr lauscht auf die beruhigende Stimme eines Pflegers, der zu der Hilferufenden eilt. Die alte Frau schreit aber erneut. Jetzt ist es wohl simple Bürgerpflicht, einfach hineinzugehen und Bescheid zu sagen. Zumindest dem Hören nach ist die Frau mit ihrer Verzweiflung entschieden zu lange allein geblieben. Aber was kann man von außen wissen?

Die Ergebnisse der Prüfer bleiben unter Verschluß

Das Foyer ist leer, gleich daneben liegt das Zimmer der Pflegedienstleitung. Eine junge Frau kommt heraus, hört der Schilderung zu, bedankt sich freundlich für den Hinweis des Passanten, führt ihn auf die Gartenterrasse und läßt sich zeigen, woher der Ruf kam. Sie verspricht, der Sache nachzugehen. In dem Haus, sagt sie, leben viele demenzkranke Menschen. Manche von ihnen riefen um Hilfe, ohne daß etwas vorgefallen sei. Wohl wahr: Demenzkranke sind oft in ihrer extremen Verwirrtheit verzweifelt. Dann brauchen sie besonders viel Zuwendung, um zur Ruhe zu kommen.

Beim „Wohnpflegezentrum Reinickendorf“ aber kann man sich leider nicht sicher sein, daß die Menschen in den hundertvier Einzelzimmern und den dreißig Doppelzimmern bekommen, was sie brauchen. Das Heim ist zum jüngsten Verdachtsfall eines „Pflegenotstands“ geworden, der zyklisch beklagt und allenfalls durch Skandale beleuchtet wird, wenn Altenpfleger die Beherrschung verlieren, gewalttätig werden oder wenn sie abschalten und ihre Schutzbefohlenen vernachlässigen. Das Heim in der Teichstraße 44 hatten Prüfer des MDK bereits im Juli 2003 inspiziert.

Der „Medizinische Dienst der Krankenversicherungen“ legt bei hilfsbedürftigen Älteren die Pflegestufe fest und prüft zudem die Qualität von Heimen - zusätzlich zur staatlichen „Heimaufsicht“, von der nicht viel zu hören ist. In Reinickendorf stellten die Besucher erhebliche Mißstände sogar bei der Ernährung und der „Flüssigkeitsversorgung“ fest und forderten sofortige Abhilfe. Davon erfuhr die Öffentlichkeit aber erst viel später. Die Prüfer dürfen ihre Berichte nämlich laut Gesetz nicht veröffentlichen. Sie bleiben Geheimsache zwischen den Pflegekassenverbänden und dem Heimbetreiber. Das haben im Gesetzgebungsprozeß die Kommunen durchgesetzt, weil sie um die Zustände in vielen ihrer Heime wußten.

Dann verliefe die Diskussion in Deutschland anders

Eine Pflegekraft, die es in der Teichstraße nicht mehr aushielt, wandte sich deshalb an die Öffentlichkeit. Die Frau berichtete von Menschen, die mangels Personal bis mittags in ihrem Kot und Urin lagen und ohne richterlichen Beschluß angebunden wurden. So stehe das auch im MDK-Bericht, und so sei das noch nach der Prüfung gewesen. Ihr wurde gekündigt, zu Recht, wie das Landesarbeitsgericht im März fand, weil die Frau mit einer Strafanzeige die Loyalitätspflicht gegenüber ihrem Arbeitgeber verletzt habe.

Über Einrichtungen wie das Haus in der Berliner Teichstraße darf Martina Wilcke-Kros kein Sterbenswörtchen verlieren. Nur in allgemeiner Form kann sie sich äußern. „Wir würden unsere Prüfberichte sehr gerne veröffentlichen, dann verliefe die Diskussion in Deutschland anders“, sagt die „Teamleiterin Externe Qualitätssicherung Pflege“ beim MDK Berlin-Brandenburg. Anders? „Dann würden viele aufwachen“, sagt die Frau, die dafür sorgen soll, daß ein Mensch für 3000 Euro Heimgebühr im Monat, die zum Teil aus Beiträgen zur Pflegeversicherung und zum Teil durch die Betroffenen, Pflege zuteil wird und nicht Vernachlässigung, Mißbrauch oder Gewalt. Eine Art Stiftung Warentest für Pflegeheime hält Wilcke-Kros für erforderlich.

Sie können nichts einfordern und nicht Alarm schlagen

Nach derzeitiger Gesetzeslage erfährt aber nicht einmal der Heimbeirat, die Interessenvertretung der Bewohner, wie die Einrichtung bei den Experten des MDK abgeschnitten hat. Die junge Prüferin hat ihr Büro unweit des Berliner Wittenbergplatzes, aber ihr eigentlicher Arbeitsplatz sind die Heime, die sie inspiziert, mit Ankündigung oder überraschend. Dabei stößt sie auf hervorragende Einrichtungen, mit engagiertem Personal, mit Laufparcours für die mobilen Demenzkranken, mit Gartenanlagen. Für den Großteil der Heime treffen zumindest die Horror-Stereotypen nicht zu, die in der Öffentlichkeit kursieren. Doch in Berlin gibt es bei „zehn bis vierzehn Prozent der Einrichtungen eine Pflegesituation mit körperlichen Schäden“, sagt Martina Wilcke-Kros.

Die Menschen haben riesige, eitrige Wunden vom Liegen, die nicht versorgt werden; die Öffnungen ihrer Magensonden sind infiziert; bei Hitzewellen wie in diesem Sommer trocknen sie förmlich aus; der Toilettengang wird ihnen abgewöhnt, weil Windeln schneller geht, dann liegen sie im eigenen Kot oder Urin; sie haben blaue Flecken durch Stürze oder Schläge. Demenzkranke, die etwa sechzig Prozent der Heimbevölkerung ausmachen, sind der gefährlichen Pflege besonders hilflos ausgeliefert. Sie können nichts einfordern und nicht Alarm schlagen. Eine bundesweite Studie des MDK ergab 2004, daß bei 41 Prozent der Stichproben Qualitätsprobleme in der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung vorlagen und bei 43 Prozent Mängel in der Wundversorgung.

Trotz - oder gerade wegen - ihrer Eindrücke hat Wilcke-Kros ein Idealbild von Pflege. Familien hält sie allein für überfordert, Heime für zu verschlossen. „Ich träume von einem Mittelding, von offenen Häusern mit beschützten Wohngemeinschaften, integriert in eine normale Nachbarschaft, am besten mit Angehörigen.“ - „Offene Altenarbeit“ ist ihr Leitbegriff. Bei der Aussicht, daß immer mehr Menschen in abgeschirmten Pflegeenklaven leben könnten, weil Familien und Nachbarschaften gar nicht mehr funktionieren, wird es ihr mulmig. „Das können die Jüngeren von heute nur für sich selbst verhindern, wenn sie sich schon jetzt für das Leben der Alten interessieren“, sagt sie.

Es braucht ein großes Herz. Und viel Fachwissen

Einen Demenzkranken zu waschen und zu pflegen gilt in Deutschland als Aufgabe, die Unqualifizierte erledigen können. Selbst gelernte Altenpfleger erfahren noch wenig Anerkennung. Die Hälfte des Personals in Pflegeheimen, wo die gebrechlichsten, hilflosesten und zugleich anstrengendsten Alten versammelt sind, darf laut Regelwerk ungelernt sein, also direkt von der Straße von der Arbeitsagentur vermittelt werden. Schon das provoziert Überforderung, denn um Demenzkranken Lebensqualität zu erhalten, ist neben einem großen Herz viel Fachwissen erforderlich. Hinzu kommt, daß viele Betreiber von Pflegeheimen am Personal sparen, wo es geht, und ihre Mitarbeiter streng anhalten, „Funktionspflege“ zu betreiben, also den alten Menschen wie ein Auto am Fließband zu behandeln und ihm nur die von der Pflegekasse vorgesehenen Minutenfristen für festgelegte Tätigkeiten zukommen zu lassen. Der Druck, am Pflegefließband zu bestehen, führt direkt zu Vernachlässigung und Schlimmerem.

„Guten Tag, Pflege in Not.“ Wenn Gabriele Tammen-Parr den Telefonhörer abnimmt, tut sich vor ihr meist ein Abgrund auf. Ein Abgrund an Verzweiflung, Überforderung, auch Gewalt. Es sind Hilferufe, aus Familien und aus Pflegeheimen. Trotzdem tritt die Frau agil auf, fröhlich, ja beschwingt. Vielleicht kann sie die Stunden am Telefon überhaupt nur so ertragen. Etwa 150 Anrufer wenden sich pro Monat an die Einrichtung des Berliner Diakonischen Werks. Nur dreizehn solcher Stellen mit insgesamt vierzehn Beschäftigten gibt es bundesweit, bei vierhunderttausend Demenzkranken in Heimen und sechshunderttausend in Familienpflege.

Die größten Dramen finden wohl zu Hause statt

Weil sie erfährt, welche Extremzustände die Pflege in Familien heraufbeschwört, gehört Tammen-Parr nicht zu den grundsätzlichen Kritikern von Heimen. „Ich habe den Eindruck, daß die größeren Dramen nicht in Heimen, sondern zu Hause stattfinden, in den Familien, wo niemand hineinsieht“, sagt sie. Sie erlebt Menschen, die schockiert zugeben, ihren demenzkranken Vater geschlagen zu haben. Partner können es nicht ertragen, trotz aufopfernder Pflege von einem Demenzkranken nicht erkannt zu werden. Kinder kommen mit der umgekehrten Rollenverteilung nicht zurecht. Oft sind es unter Geschwistern die Kinder mit den schlechtesten Elternbeziehungen, die pflegen in der Hoffnung, daß sich noch etwas bessere. Dann kommt der gehätschelte Bruder einmal im Jahr zu Besuch und ist der Liebling.

Kinder halten körperliche Nähe zu Eltern nicht aus. Und sie bekommen das Gefühl, ihr eigenes Leben zu versäumen, wenn sie vierundzwanzig Stunden am Tag aufpassen, daß ein Demenzkranker nicht stürzt, sich nichts antut, nicht wegläuft. „Demenzkranke schreien auch mal sechs Stunden. Das ist eigentlich für niemanden auszuhalten“, sagt Tammen-Parr. Am Telefon versucht sie, sofern nicht schon das Zuhören hilft, mit Angehörigen den Alltag umzuorganisieren, damit Überforderung nicht zum Dauerzustand wird.

Unter diesem Blickwinkel sollten Heime mit Schichtbetrieb, die dem Personal Abstand erlauben, eigentlich besser gegen Gewalt und Vernachlässigung gefeit sein. Die Zahlen des MDK lassen diesen Schluß aber ebensowenig zu wie die regelmäßigen Schlaglichter auf das Heimleben. Im Juni machte das Berliner Pflegeheim mit dem idyllischen Namen „Am Märchenbrunnen“ Schlagzeilen. Ein Demenzkranker wurde viel zu heiß gebadet, er konnte es dem Pfleger aber nicht mitteilen. Der Mann starb wenig später an Verbrühungen, nun ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Zwei Pfleger für hundert Bedürftige

Das Spektrum von Mißständen, von denen Tammen-Parr über ihre Hotline erfährt, ist groß: Kranke bleiben in ihren Fäkalien sitzen, weil die Pflegekasse nur drei Windeln am Tag bezahlt. Ungelernte wissen nicht, daß Demenzkranke zum Trinken angehalten werden müssen. Menschen mit großem Bewegungsdrang werden nach neunzehn Uhr auf ihre Zimmer verbannt und angeschrieen, wenn sie auf dem Gang auftauchen. Zwei Pfleger sind nachts für hundert Bedürftige zuständig.

Bei Gewaltverdacht ist es häufig die Heimleitung selbst, die bei „Pflege in Not“ anruft und um Hilfe bittet. Dann rückt Tammen-Parr zum Seminar aus und fragt die Pfleger zuerst, was sie unter Gewalt verstehen. Die Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein. „Unsere ganze Hausordnung ist Gewalt“, bekommt sie von Sensiblen zu hören, oder, daß schon Hast oder der Zwang zum gleichzeitigen Aufstehen als Gewalt wahrgenommen wird. „Die wirklich Gewalttätigen schweigen in diesen Runden“, sagt Tammen-Parr. Erscheinen ihr die Probleme zu gravierend, schaltet sie den MDK ein.

Die Pflegerin im „Wohnpflegezentrum Reinickendorf“, die nach der Quelle des Hilferufs suchen wollte, ist verschwunden. Am Ausgang des Heimes an der Teichstraße sitzt eine ältere Dame im Rollstuhl, schaut ins Leere und sagt einige unverständliche Sätze. „Guten Tag, wie geht es Ihnen?“ - „Gut“, sagt die Frau. „Bekommen Sie genug zu trinken bei dieser Hitze?“ - „Ja, sehr gut.“ Ist das aussagekräftiger als ein Hilferuf?

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