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Weltgipfel der Gentechnik : Vortasten zum Designer-Baby?

Mensch perfektioniert. Genom-Editieren - ein neuer Schritt in Richtung Mensch von der Stange? Bild: dpa

Wer Hoffnung hatte, Forscher wollten gezielte Eingriffe ins menschliche Genom lassen, weiß es nach dem Weltgipfel der Branche besser: Es gibt kein Zurück. Nur eine Grenze will man - vorerst - nicht übertreten.

          Eigentlich war es schon am ersten Tag zu erkennen: Austauschen ja, dazu lernen sowieso, neue Ideen entwickeln - unbedingt; aber am Ende müsste da etwas stehen, das den Fortschritt nicht lähmt. Aus einem  Hochgeschwindigkeitszug springt keiner der Mitfahrer gerne raus, und die Notbremse wollte eben auch keiner ziehen. So ging der „Weltgipfel der Genchirurigen“, der mit großer Erwartung aufgeladene „International Summit on Human Gene Editing“ in Washington, nach drei Tagen mit einem zweiseitigen Statement des zwölfköpfigen Organisationskomitees zu Ende, das vor allem durch zweierlei auffällt:

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Erstens wurde im Abschlußpapier der Begriff Moratorium komplett vermieden - so wie fast durchweg während der drei Konferenztage. Und zweitens hat man die Tür eben doch offen gelassen für gentechnische Eingriffe an Embryonen und Keimzellen - wenn auch nur für solche Zellen, die für Forschungszwecke und damit keinesfalls für die Herbeiführung einer Schwangerschaft gedacht sind. Sechs gute Gründe, technische, juristische wie moralische, wurden angegeben, die  (vorerst zumindest) dagegen sprechen, Keimzellen und Embryonen zu designen und so gezielte Genveränderungen an die nächste Generation weiter zu geben. „Allerdings sollte die klinische Nutzung der Keimbahnveränderung regelmäßig hinterfragt werden, da das Wissen und die Einstellungen der Gesellschaft sich dauern weiter entwickelt“, heißt es in der Stellungnahme.

          Genmaterial im Agarosegel.

          Der Gentechnik-Gipfel war von drei der bedeutendsten Nationalakademien einberufen worden: der amerikanischen, britischen und chinesischen Akademien. Damit sind auch schon drei der wichtigsten Länder genannt, in denen inzwischen lebhaftes Interesse besteht, die neuen präzisen Gentechnikverfahren an menschlichen Zellen, auch vereinzelt an Keimzellen, zu testen. Innerhalb weniger Jahre sind die neuen genchirurgischen Werkzeuge praktisch Routine im Labor geworden. Insbesondere Cripr-Cas9, das im Wesentlichen von Jennifer Doudna und der Direktorin am Helmholtzzentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, Emmanuelle Charpentier entwickelt worden war,  aber ebenso die schon etwas älteren Genscheren vom Typ „Zinkfinger-Nukleasen“ oder TALEN,  haben ein neues Nachdenken über die Eingriffstiefe gentschnischer Arbeiten am menschlichen Erbgut  nötig gemacht.

          So leicht, präzise und punktgenau das Genom zu manipulieren wie heute, war jedenfalls für viele vor ein paar Jahren noch undenkbar. Allerdings: Noch sind die Techniken zu frisch, dass man unerwünschte Einwirkungen auf andere Teile des Genoms oder etwa Immunreaktionen ausschließen könnte. Da wird viel spekuliert.

          Vor ein paar Monaten, nachdem chinesische Wissenschaftler über ihre Experimente berichteten, ganz gezielt Gene von In-vitro-Embryonen verändert zu haben, waren es die Akademien, die die Welt alarmierten. Ein Moratiorum - eine Experimentierpause für Arbeiten an Embryonen und Keimbahnzellen - wurde verlangt und unter den entscheidenden Forschungslaboren vereinbart. Doch schon da war klar, dass man keineswegs auf irgendein Forschungsverbot abzielt - ein Konsens für eine längere Forschungspause war illusorisch, eine Selbstverpflichtung zum Manipulationsverzicht undenkbar. Zumal die meisten Forscher mit schlichten Körperzellen, etwa Blutzellen und Stammzellen, arbeiten.

          Nobelpreisträger David Baltimore von der Caltech in Pasadena, neben Genpionier Paul Berg, Eric Lander und dem deutschen Genforscher der ersten Stunde, Ernst-Ludwig Winnacker, ehemals Leiter des Münchener Genzentrums und DFG-Präsident,  im Organisationskomitee, wollten schon um gesellschaftlichen Ängsten zu begegnen, mit der Einberufung der Genom-Editoren-Elite zum  Washingtoner Gipfel für mehr Klarheit sorgen. „Die Temperatur der gesellschaftlichen Einstellung erfühlen“, meinte Baltimore. Deswegen hatte man auch keineswegs nur  Genforscher, sondern auch Ethiker, Juristen und Soziologen eingeladen.

          Genmaterial, das in einem Münchner Labor gelagert wird.

          Nach dem Ergebnis freilich waren viele, die die Debatte direkt in Washngton oder live im Internet verfolgt haben, ernüchtert. Was die Gesellschaft will, ließ sich kaum auf den Punkt bringen, den einen, einenden Wunsch der Forscher, die fast alle mit medizinischen Motiven nach Washington gekommen waren, fndet man hingegen leicht im Abschlußdokument wieder: Um Himmels willen nur keinen gesellschaftlichen Aktionismus, vor allem keine gesetzlichen Schnellschüße, die die Forschung einschränken könnten.

          So war es nur logisch, dass das Papier mit geradezu appellativen Formulierungen abschließt, die jede Überreaktion zu Lasten der medizinischen Grundlagenforschung ausschließt. Man möge, so steht da sinngemäß, die Bereitschaft der Genforscher doch sehen, „das Genom als gemeinsames Erbe der Menschheit“ anzuerkennen, und auf längere Sicht sollten bitte schön die Gelehrtenakademien auf internationale harmonisierte Regeln für den akzeptablen Umgang mit Keimbahnzellen hinarbeiten. Nimmt man die Erfahrung mit dem avisierten Klonverbot unter dem Dach der Vereinten Nationen vor einigen Jahren, ist fast damit zu rechnen, dass auch dieser Vorstoß ins Leere läuft - so schön er auch formuliert sein mag.

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