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Zwillingsstudie : Viertausend doppelte Lottchen

  • -Aktualisiert am

Zwillingsstudie: Bei der Untersuchung von TwinLife geben viele Familien an, dass ihre Kinder ähnliche Hobbys und Interessen haben. Bild: SWR/Uschi Reich Filmproduktion G

Gesellschaft macht manches gleich, anderes nicht. Doch inwieweit ist das von unserer genetischen Ausstattung abhängig? Eine große Zwillingsstudie legt erste Resultate vor.

          Jeder Mensch ist zunächst einmal ein Individuum. Seine Besonderheit und Einzigartigkeit jedoch scheint im Widerspruch zu stehen zu den Befunden der Soziologie, die überall das Häufige, Typische und Identische in der Gesellschaft findet. Was wir gemein haben, ist das allen Gemeinsame, das Durchschnittliche also, ja Gewöhnliche.

          Diese Erfahrung der Gleichheit kann etwas Lähmendes haben – alles ist schon da, alles wurde schon von anderen getan, gesagt, erreicht. Oder etwas Tröstendes, ja sogar Beglückendes: Man erkennt im anderen Gleiches, Vertrautes, Geteiltes, Verbindendes: Man ist nicht allein. Man kann sich also auch an anderen orientieren, sich anpassen und einfügen. Zu viel Individualität kann schließlich auch vereinsamen – siehe Hochbegabte, Wunderkinder, Ausnahmetalente.

          Gesellschaft erzeugt Gleichheit – dafür sorgen schon geteilte Erziehungsstile, die gemeinsam besuchten Kindergärten, das gleiche Fernsehprogramm, die Schulen mit ihren gleichen altersgerechten Lehrplänen und so weiter. Jeder kann sich im Vergleich mit anderen selbst wiederfinden und sich damit auch mit dem Eigenen in Selbstsicherheit abfinden.

          Man ist dann halt Mittelklasse, Durchschnittsverdiener oder Angehöriger einer Generation. Doch weil die Gesellschaft eben nicht nur Gleichheit herstellt, sondern auch Ungleichheit, kann der Vergleich auch im nagenden Selbstzweifel enden: Warum hat der mehr als ich? Warum ist dieser erfolgreicher? Wie kann es sein, dass es jenem besser geht als mir?

          Wer so nach Gründen fragt, kann nach Ansporn suchen, nach Entschuldigungen oder Rechtfertigungen. Aber er wird früher oder später mit einer Erklärung seines sozialen Erfolgs durch soziale Gründe am Ende sein. Chancen, Leistungswille, Glück oder das Geld der Eltern – irgendwann stößt man auf die Natur in einem selbst und wird zur Frage genötigt, ob nicht doch alles durch die eigene genetische Ausstattung bestimmt ist.

          „TwinLife“ untersucht 4000 Familien, in denen Zwillinge leben

          Man könnte einwenden, dass das eine sinnlose und außerdem unsoziologische Frage ist: sinnlos, weil man es ja nicht probehalber mal mit einer anderen genetischen Ausstattung versuchen könne. Der Mix aus Genen und Umwelt, dessen Ergebnisse wir unser Leben nennen, ist für uns analytisch völlig untrennbar – außer in den ganz offensichtlichen Fällen, etwa wenn es um schwere körperliche oder geistige Benachteiligungen geht. Und unsoziologisch ist diese Frage, weil sich die Soziologie als eine Wissenschaft vom freien menschlichen Willen und Handeln versteht, sich hier also für unzuständig erklären müsste.

          Beide Einwände leuchten ein – gäbe es da nicht das Phänomen der natürlichen Kopie eines Menschen: den Zwilling. Sein Irritationspotential liegt auf der Hand, schließlich stellt das Leben von Zwillingen ein scheinbar einfaches Experiment dar. Wenn sich darin Unterschiede zeigen, können sie jedenfalls nicht in den Genen liegen, da diese, zumindest bei eineiigen Zwillingen, identisch sind. Die Zwillingsforschung ist daher schon immer eine Disziplin des Streits zwischen Sozial- und Naturwissenschaftlern gewesen, die an ihren Beobachtungen entweder die Dominanz der Umwelt oder die der Innenwelt, also der eigenen genetischen Ausstattung, beweisen wollten.

          Jetzt versucht ein neues Projekt, diesen Streit vielleicht endgültig zu entscheiden. „TwinLife“ startete 2014 als ein gemeinsames Unternehmen von Psychologen und Soziologen. Die auf zwölf Jahre angelegte Langzeitbeobachtung erforscht derzeit in Deutschland über 4000 Familien, in denen Zwillinge leben. Diese waren zum Beginn der Studie 5, 11, 17 oder 23 Jahre alt. Die Untersuchung bezieht allerdings zum ersten Mal auch alle Familienangehörigen der Zwillinge ein – insgesamt fast 19 000 Menschen. Ihr Ziel sei die „Erforschung von sozialen Mechanismen und genetischen Unterschieden, die sozialer Ungleichheit zugrunde liegen“.

          Institutionen machen Unterschiede deutlicher sichtbar

          Auch wenn die ersten Ergebnisse dieses Mammutprojekts natürlich äußerst vorläufig sind, so geben sie doch schon einen bemerkenswerten Hinweis: Die harten Institutionen machen Unterschiede sichtbar, die weicheren und freieren Lebensbereiche wie Kultur und Freizeit eher nicht. 66 Prozent der Eltern gaben an, dass ihre Zwillinge aktuell (also unabhängig von ihrem Alter) die gleichen Hobbys und Interessen hätten. Aber für Hobbys gibt es auch keine Noten und Abschlusszeugnisse, also eigentlich keine messbare Ungleichheit.

          Ganz anders die Schule: 64 Prozent der Zwillinge starteten in der gleichen Klasse oder wenigstens in der gleichen Schule (33 Prozent). In der Oberstufe hingegen war von diesem gemeinsamen Anfang wenig übrig geblieben – nur noch 37 Prozent besuchten die gleiche Klasse, 31 immerhin noch die gleiche Schule, während 32 Prozent inzwischen sogar verschiedene Schulen besuchten.

          Aber hätte ihre Gleichheit sie nicht zusammenhalten müssen? War die Schule also doch stärker als das identische genetische Material? Die Fragen dieses Projektes berühren tiefe kulturelle Überzeugungen über die Natur des Menschen, seine Antworten hingegen stehen noch aus. In zwölf Jahren wissen wir hoffentlich mehr.

          Quelle: F.A.S.

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