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Veröffentlicht: 06.04.2017, 11:59 Uhr

Soziale Systeme So viele Gutausgebildete brauchen wir gar nicht

Zwei von fünf Akademikern studieren vergeblich. Und dennoch steigt die Zahl der Studienabsolventen. Eine Lösung des Problems ist denkbar, aber instabil.

von André Kieserling
© dpa Seit den sechziger Jahren wird behauptet unsere Gesellschaft sei eine Wissensgesellschaft. Diese These ist jedoch nicht unbestritten.

Misst man sie an der Zahl ihrer Studenten und Absolventen, dann gehört die Universität zu den wachstumsintensivsten Organisationen der modernen Gesellschaft. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren es immer nur ein paar Prozent der Heranwachsenden, die sie besuchten, und zwar nahezu ausschließlich Männer. Unterdessen studiert etwa die Hälfte eines Jahrganges, bei mehr oder minder gleicher Geschlechterbeteiligung. Das Hochschulstudium ist auf dem besten Weg, eine Institution zu werden, und das bedeutet soziologisch vor allem, dass man demnächst auch deutlich unterhalb der klassischen Bildungsschichten und ihrer Akademikerdynastien keine besonderen Gründe mehr brauchen wird, um es aufzunehmen, sondern allenfalls angeben muss, warum man dies nicht tut.

In einer dazu passenden Beschreibung der Gesamtgesellschaft wird seit den sechziger Jahren behauptet, dass die Vermehrung des Akademikeranteils einem objektiven Bedarf entspreche. Unsere Gesellschaft sei eine Wissensgesellschaft, die in der Wirtschaft ebenso wie in anderen Bereichen kognitiv anspruchslose durch kognitiv anspruchsvolle Berufstätigkeiten ersetzen müsse, um den einmal erreichten Wohlstand auch nur halten zu können. Am forcierten Ausbau der Universitäten führe daher kein Weg vorbei.

Bedarf an Gutausgebildeten bleibt gleich

Die Wissenssoziologie dieser Thesen liegt auf der Hand. Offensichtlich eignen sie sich sehr gut, dem Interesse an unabsehbarer Stellenvermehrung im Bereich von Forschung und Lehre den Anschein eines berechtigten, ja vordringlichen Anliegens zu geben. Viele Soziologen sehen hier denn auch nur eine Art von Professorenideologie, andere führen denselben Sachverhalt darauf zurück, dass alle Teilsysteme der modernen Gesellschaft, und so eben auch Erziehung und Wissenschaft, das gesellschaftliche Gewicht ihrer eigenen Funktion übertreiben, um auf diese Weise die eigenen Ansprüche auf Zuteilung knapper Ressourcen zu legitimieren. Die These von der Wissensgesellschaft ist also alles andere als unbestritten.

An das Hauptargument ihrer Kritiker hat der amerikanische Soziologe Andrew Abbott unlängst noch einmal erinnert, und zwar anhand der Arbeitsmarktdaten seines eigenen Landes: Gegen die optimistischen Prognosen mancher Bildungsökonomen sei der Bedarf an anspruchsvoll ausgebildeten Arbeitskräften innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte konstant geblieben, und zwar auf einem Niveau von wenig mehr als zwanzig Prozent. Auch der Anteil derjenigen Jobs, die man schon nach kurzer Anlernzeit adäquat ausführen kann, liege unverändert bei vierzig Prozent, und das Aufkommen neuer Kategorien ausbildungsintensiver Berufstätigkeit werde durch die Abwanderung älterer Kategorien ins Ausland neutralisiert.

Akademikerstellen mit anspruchslosen Aufgaben mischen

Innerhalb desselben Zeitraums sei der Akademikeranteil jedoch derart angestiegen, dass das Angebot fähiger Personen die Nachfrage im Verhältnis von fünf zu drei übersteige. Zwei von fünf Hochschulabsolventen hoffen demnach vergeblich, dass die Mühe des Studiums sich irgendwann einmal auszahlen wird. Abbott sieht darin vor allem ein Problem der sozialen Gerechtigkeit. Wie kann man es lösen?

Eine gerechte Behandlung aller Gutausgebildeten, die jedem von ihnen eine angemessene Beschäftigungsmöglichkeit zuteilt, wäre Abbott zufolge nur durch Verzicht auf Spezialisierung möglich: Würde man die Berufsrollen für Akademiker so umdefinieren, dass sie immer auch einen Anteil an anspruchslosen Arbeiten zu erledigen haben, dann ließen sich die „Akademikerstellen“ auch bei konstantem Akademikerbedarf vermehren. Jeder Einzelne komme dann zwar vielleicht nur noch an drei von fünf Arbeitstagen zu dem, was er an seinem Beruf schätze, aber dafür reiche das Stellenaufkommen dann auch für alle.

Ungleichheiten auch in dieser Idee

Das klingt wie ein schlechter Scherz – und ist doch Abbott zufolge auch heute schon die Realität mancher Berufe. So habe man den amerikanischen Professoren die Sekretärin mit dem Argument entzogen, durch den Personalcomputer erübrige sich die persönliche Schreibkraft. Für die Sekretärin von ehedem, die ja nicht nur Diktate aufnahm, sei der Rechner aber kein voller Ersatz, und als Folge davon hätten die heutigen Professorinnen und Professoren in der Tat sehr viel mehr Bürotätigkeit zu erledigen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die vielbeklagte Einheit von Verwaltung und Lehre, als welche sich der Arbeitsalltag während der Vorlesungszeiten nunmehr gestalte, sei aber eben nicht nur eine Zumutung, sondern auch eine List der Vernunft.

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Soziologen, die geschult sind, soziale Ungleichheiten zu sehen, werden nicht lange brauchen, um sie auch an dieser von Abbott begrüßten Entwicklung zu bemerken. Denn für diejenigen Stunden seiner Arbeitszeit, in denen der werte Herr Professor als Hilfskraft fungiert, wird er deutlich überbezahlt. Das ist nicht nur ungerecht gegenüber den professionellen Sekretärinnen. Es ist auch eine Geldverschwendung und damit ein Einsparpotential, auf das wiederum die Ökonomen rasch kommen könnten. Man darf also gespannt sein, wann die Rückkehr zur alten Ordnung empfohlen wird.

Andrew Abbott, „Inequality as Process“, in: ders., „Processual Sociology“, Chicago 2016, S. 233-253.

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