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Wahlforschung : Die untergewichtete Unterschicht

Früher hatte er die Demokraten gewählt: Bewohner eines überwiegend weißen Arbeiterviertels in Louisville, Kentucky Bild: AP

Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl lagen die Demoskopen teilweise krass daneben. Eine gerade erschienene Analyse erklärt, was da schiefgelaufen ist.

          Emmanuel Macrons Sieg war erwartet worden. Schon vor dem Fernsehduell am vergangenen Mittwoch hatten 60 Prozent der befragten Franzosen angegeben, bei der gestrigen Stichwahl um das Amt des Präsidenten der Republik für den früheren Wirtschaftsminister zu stimmen. Am Ende siegte er mit über 66 Prozent über die Nationalistin Marine Le Pen. Doch noch am Wahlabend mag der eine oder andere Macron-Anhänger sich mit gewissem Grusel daran erinnert haben, wie es am 8. November vergangenen Jahres Hillary Clinton ergangen war. Prognosen hatten ihr aufgrund von Umfragen prophezeit, mit Wahrscheinlichkeiten zwischen 71 und 99 Prozent ins Weiße Haus einzuziehen. Als dann Donald Trump gewann, war das auch für die amerikanischen Meinungsforschungsinstitute eine veritable Katastrophe.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Umfragen und Prognosemodelle sind nicht dasselbe“, steht es gallig in einem Bericht, den die American Association for Public Opinion Research (AAPOR) am vergangenen Donnerstagabend veröffentlicht hat. In der hundertseitigen Analyse hat ein dreizehnköpfiges Komitee aus akademischen und privatwirtschaftlichen Experten das Trump-Trauma der Branche aufgearbeitet. Der geht es dabei nicht nur um die Berufsehre, denn die in der AAPOR organisierten Institute verdienen mit Auftragsforschung für Industrie und Medienhäuser ihr Geld. Und auch wenn die Demoskopen nicht direkt verantwortlich sind für die möglicherweise von wishful thinking beflügelten Wahrscheinlichkeitswerte für einen Sieg Clintons: Die Basis dafür waren die Umfragewerte – und die lagen heftig daneben.

          Mit den landesweiten Umfragen gab es kein Problem

          Zum Teil. „Die landesweiten Umfragen waren eigentlich recht genau“, sagt Courtney Kennedy, Direktorin am Pew Research Center in Washington D.C., bei der Vorstellung des unter ihrem Vorsitz entstandenen AAPOR-Berichts. Auf Landesebene erzielten die Befragungen sogar die höchste Präzision seit 1936: Drei Prozent Vorsprung vor Trump hatten sie Clinton attestiert, bekommen hat die Demokratin schließlich 2,1 Prozent mehr Stimmen als ihr Konkurrent. Bekanntlich half ihr das nichts, denn ausschlaggebend im amerikanischen System die Zahl der Wahlmänner, welche die Bundesstaaten entsenden und die mit Ausnahme von Maine und Nebraska nach dem Winner-takes-it-all-Prinzip bestimmt werden. So sammelte Clinton insgesamt 232 Wahlmänner ein, Trump aber 306.

          „Auf der Ebene der Bundesstaaten waren die Fehler der Umfragen ziemlich groß“, muss Kennedy einräumen. Da wurde Clinton in drei wichtigen Staaten – Pennsylvania, Michigan und Wisconsin – zur sicheren Gewinnerin erklärt, verlor diese dann aber und mit ihnen die Wahl. Im Mittel aller 423 Umfragen auf Bundesstaatenebene wurden Clinton 5,1 Prozentpunkte mehr vorausgesagt, als sie tatsächlich bekam.

          Zwei Ursachen in der Besonderheit der Trump-Clinton-Wahl

          „Warum das so war, dafür konnten wir verschiedene Gründe identifizieren“, sagt Kennedy. Es sind vor allem deren drei. Da ist zunächst die Unentschlossenheit der Wähler angesichts zweier Kandidaten mit historisch niedrigen Beliebtheitswerten. Und wer glaubt, nur zwischen zwei Übeln entscheiden zu können, der braucht dafür eben länger. So kam es, dass sich etwa in Wisconsin, Pennsylvania und Florida 13 Prozent der Wähler erst in der Woche vor der Wahl entschieden haben. Alle drei Staaten gingen schließlich an Trump, und das wäre nur für die allerletzten Erhebungen greifbar gewesen.

          Der zweite Grund für die Abweichungen von Umfragen und Wahlausgang hat wohl mit dem ersten zu tun. Etliche Trump-Wähler, die an den Umfragen vor der Wahl teilnahmen, haben sich dabei nicht als solche offenbart, während das bei den Wählern Clintons in geringerem Umfang der Fall war. Ob sie die Interview er absichtlich über ihre Präferenz täuschten – die Wahlforscher nennen das die „Shy Trump“-Theorie – oder in allerletzter Minute ihre Meinung änderten und für den New Yorker Tycoon stimmten, ist damit noch nicht gesagt. Eigentlich könnten die Wahlforscher durch Vergleich verschiedener Umfragemethoden dem „Shy Trump“-Effekt auf die Spur kommen, sie fanden aber keinen Hinweis darauf.

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