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Soziale Systeme : Ein Märchen aus dem hohen Norden

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Ist das finnische Gesamtschulsystem vielleicht doch nicht der Weisheit letzter Schluss? So schön wie diese Hafen-Idylle in Helsinki ist der Bildungserfolg jedenfalls nicht mehr. Bild: dpa

Der finnische Pisa-Erfolg ließ in den letzten Jahren merklich nach. An der Bildungspolitik aber hat sich nichts geändert. Könnte das bedeuten, dass die anfänglichen Spitzenwerte gar nichts mit dem vielgepriesenen Gesamtschulsystem Finnlands zu tun haben?

          Die wechselvolle Pisa-Karriere der Finnen ist offenbar rätselhafter als bisher gedacht. Bis zum Jahre 2001, ehe die Ergebnisse des ersten großen Leistungsvergleichs der verschiedenen Bildungsnationen im Rahmen des „Programme for International Student Assessment“ (kurz Pisa) bekannt wurden, spielte das kleine Land in der pädagogisch-politischen Diskussion keine große Rolle. Dann stellten die Vergleichszahlen klar, dass Finnland mit Spitzenwerten, wie sie sonst nur in den Pauk- und Drillschulen des asiatischen Raums erreicht werden, all seine europäischen Nachbarn weit übertrifft, und danach konnten sich die finnischen Bildungsexperten vor Gesprächsangeboten kaum retten. In den neueren Pisa-Studien aus den Jahren seit 2006 fällt das Land jedoch stetig zurück.

          Eine erste Welle von Erklärungen jenes frühen Erfolges kam durch vorbehaltloses Eigenlob der finnischen Bildungspolitiker und der sie beratenden Pädagogen zustande. Nur solche Eingriffe in die Welt der Schulen, an denen sie selbst beteiligt waren, sollten das gute Abschneiden der Schüler erklären können. Wir Finnen, so hieß es daher, haben uns gegen Ende der sechziger Jahre auf Gesamtschulen umgestellt, und seit Anfang der neunziger Jahre genießen diese Schulen hohe Entscheidungsfreiheiten in eigener Sache; wir ersparen ihnen nicht nur die zentrale Schulaufsicht, wir verzichten auch darauf, sie untereinander um die Schulpräferenzen einer mobilen Elternschaft konkurrieren zu lassen. Dieser Erklärung wurde auch außerhalb Finnlands gerne geglaubt, weil sie den weltweit einflussreichen Bildungsvorstellungen der Ökonomen zu widersprechen scheint: Gerade der vertrauensvolle Verzicht auf Dauerkonkurrenz habe die Finnen zur Höchstleistung befähigt.

          Den Aufwärtstrend gab es schon vor der Umstellung auf Gesamtschulen

          Nun können angenommene Ursachen, wenn sie lebenden oder gar aktiven Politikern als Erfolgsausweis dienen sollen, zeitlich nicht sehr weit zurückliegen, und genau darin liegt die eigentliche Schwäche dieser Erklärungstechnik. In einer lesenswerten Untersuchung hat der schwedische Wirtschaftsforscher Gabriel Heller-Sahlgren gezeigt, dass keiner dieser Faktoren die günstige Entwicklung im Lernniveau der finnischen Schüler erklären kann, und zwar deshalb nicht, weil sie ihrerseits früher beginnt. Vergleicht man die Ergebnisse älterer internationaler Bildungsvergleiche miteinander, dann setzt der Aufwärtstrend in den gemessenen Leistungen schon Mitte der sechziger Jahre ein, und seinen Höhepunkt erreicht er an den letzten Schülern, die noch unter zentraler Schulaufsicht erzogen wurden. Außerdem hat sich an all den Festlegungen der finnischen Bildungspolitik, auf die Politiker stolz sind, in der jüngeren Vergangenheit nichts geändert, so dass sie auch nicht erklären können, warum die Messwerte neuerdings rückläufig sind.

          Man bräuchte also, wenn überhaupt, einen Erklärungsfaktor im Singular, dann einen solchen, der einerseits älter ist als diese Art von Reformpolitik und von dem sich anderseits zeigen lässt, dass seine Wirksamkeit in der Gegenwart nachlässt. Niemand, der sich die Methodenprobleme vorstellen kann, die eine Frage dieses Typs aufwirft, wird erwarten, dass sie sich auf Anhieb beantworten lässt – schon gar nicht durch einen Einzelautor, der mit dem bescheidenen Mittel der Sekundäranalyse arbeitet und an eigenen Daten nur die Ergebnisse einiger Experteninterviews hinzufügt. Man muss vielmehr zufrieden sein, wenn es gelingt, eine plausible Ursache zu präsentieren.

          Gruppenarbeit und selbstbestimmtes Lernen heben nicht das Leistungsniveau

          Der Autor vermutet sie darin, dass die finnischen Lehrer lange Zeit realistisch genug waren, sich von „schülerzentriertem Unterricht“ nichts zu versprechen. Er erinnert daran, wie maßgeblich der Sprachunterricht dieser Lehrer daran beteiligt war, den Finnen ihre Nationalsprache beizubringen, und wie hoch das soziale Ansehen ist, das ihr Beruf seither genießt. Der finnische Lehrer ist schon als solcher eine Autorität, und dem entsprach bis vor kurzem auch sein bevorzugter Unterrichtsstil: klassenöffentliche Gespräche nach kürzerem oder gerne auch längerem Vortrag, wenig Lernen in Kleingruppen, keine Mitbestimmung der Schüler. Die Schüler mochten ihre Lehrer nicht sonderlich, aber dafür lernten sie viel. Auch andere Analysen haben ja gezeigt, dass Gruppenarbeit und selbstbestimmtes Lernen vielleicht das Wohlbefinden der Schüler, aber gewiss nicht ihre Leistungsbilanz heben.

          Unterdessen aber, so Heller-Sahlgren, hätten auch die Finnen der Kritik am Frontalunterricht nachgegeben, und zwar mit dem absehbaren Ergebnis, dass die Schüler, weniger gefordert, auch weniger lernten. Die finnischen Pädagogen, mit denen er über diese Veränderung gesprochen hat, sehen sie so kritisch wie er, geben aber zu bedenken, dass sie einem antiautoritären Trend der Gesamtgesellschaft entspreche und darum kaum aufzuhalten sei. Heller-Sahlgren erinnert dagegen an ein Diktum von Hannah Arendt, wonach die Schule auf Autorität nicht verzichten könne, ohne auf sich selbst zu verzichten.

          Gabriel Heller-Sahlgren: Real Finnish Lessons. The True Story of an Education Superpower. Centre for Policy Studies, London 2015.

          Quelle: F.A.S.

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