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Schwerer Schiedsrichter-Job : Warum auch der Videobeweis oft in die Irre führt

  • -Aktualisiert am

Das Tor zählt: Im Spiel der DFB-Elf gegen Südkorea vergewissert sich Schiedsrichter Mark Geiger mit Hilfe der Zeitlupe. Bild: dpa

Die Zeitlupe zeigt, was auf dem Fußballplatz wirklich passiert ist – sollte man meinen. Doch psychologische Erkenntnisse lassen ernsthaft daran zweifeln. Dafür gibt es einen einfach Grund.

          Berliner Olympiastadion, 19. Mai 2018, Nachspielzeit, die 93. Minute läuft. Es geht zwar nicht um die Fußball-Weltmeisterschaft, aber immerhin um den DFB-Pokal, und auch der kann ein Fußballerleben schmücken. Die Ecke scheint von der Frankfurter Eintracht schon geklärt, dann schafft es der FC Bayern doch noch, den Ball irgendwie in den Strafraum zu schnippen. Über die folgende Szene, als der Münchner Javi Martínez im Gewimmel fällt, hat sich halb Fußball-Deutschland schon die Köpfe heißgeredet. War es ein elfmeterwürdiges Foul? Hat der Frankfurter Kevin-Prince Boateng Martínez strafwürdig umgetreten? Schiedsrichter Felix Zwayer bemüht am Spielfeldrand den Videobeweis, schaut sich die Szene in Zeitlupe an – und lässt dann eine Ecke ausführen. Inzwischen ist selbst der Frankfurter geständig: „Ich habe ihn ganz klar getroffen“, räumte Boateng ein.

          Zwayer wiederum bleibt bei seiner Meinung: „Aus meiner Sicht war es kein intensiver Kontakt“, bekräftigte er im Magazin Kicker. Zwar hat auch seiner Meinung nach der Frankfurter statt des Balls den Knöchel des Münchners erwischt. Weil der aber den getroffenen Fuß zunächst ohne Bewegungsänderung stabil auf den Boden setzte, bevor er stürzte, sei sein Pfiff ausgeblieben. Und schon steckt man mittendrin in der endlosen Diskussion um den Fußball-Videobeweis.

          Fehlentscheidungen des Schiedsrichters

          „Wenn man die Szene in Realgeschwindigkeit sieht, scheint die Sache klar zu sein“, sagt Daniel Memmert. „Boateng hat Martínez gefoult.“ Erst die Zeitlupe, so der geschäftsführende Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule Köln, erwecke den Eindruck, dass Fall und Tritt nicht zusammenpassen. Dass also der Gefoulte dem Sturz ein bisschen nachgeholfen hat. Und genau wegen solcher Effekte, sagt Memmert, könne diese Perspektive den Schiedsrichter manchmal zu Fehlentscheidungen verleiten.

          Das wirkt zunächst einmal überraschend: Sollte in der verlangsamten Bewegung, in Slow Motion, eigentlich nicht alles viel besser zu erkennen sein? In der Fachzeitschrift Cognitive Research: Principles and Implications ist gerade eine Studie erschienen, die daran ebenfalls Zweifel weckt. Jochim Spitz von der Abteilung für Bewegungswissenschaften der Universität Leuven hat 88 erfahrenen Referees sechzig Videos von strittigen Zweikampfszenen gezeigt – den einen in Zeitlupe, den anderen in Echtzeit. Richtiger wurde die Beurteilung „Foul, ja oder nein?“ durch die langsamere Perspektive nicht. Dafür fielen die Entscheidungen der Referees härter aus; nach der Slow-Motion-Betrachtung wurde von ihnen schneller zur Roten oder Gelben Karte gegriffen.

          „Wenn wir etwas verlangsamt sehen, gehen wir unbewusst davon aus, dass es auch langsam abläuft“, erklärt Stephan Schwan, stellvertretender Leiter des Leibniz-Instituts für Wissensmedien in Tübingen. Und das hat nicht nur auf dem Fußballplatz Konsequenzen, wie amerikanische Forscher vor zwei Jahren zeigten. Sie führten Versuchspersonen die Aufnahmen von einem Raubüberfall entweder in Realgeschwindigkeit oder in Zeitlupe vor. Wer nur die Slow-Motion-Sicht kannte, plädierte mit einer viermal größeren Wahrscheinlichkeit für das Urteil Mord. Bei einem langsamer ablaufenden Ereignis nehme man automatisch an, dass dem Akteur mehr Zeit zum Nachdenken bleibt, erklärt der Wahrnehmungspsychologe. Die Folge: Bei einem Handspiel, Foul oder Tötungsdelikt wird viel schneller Absicht unterstellt und die härtere Strafe gewählt.

          Andere Perspektive hinter dem Bildschirm

          Gelbe und Rote Karte scheinen hinter dem Bildschirm noch aus einem anderen Grund lockerer zu sitzen. Der Kölner Memmert konnte mit seinem Kollegen Christian Unkelbach in einer Studie demonstrieren: Spielt man Schiedsrichtern die Szenen eines Spiels in ungeordneter Reihenfolge vor, treffen sie strengere Entscheidungen als der Kollege, der das Match live pfeift. Gerade zu Anfang des Spiels ist der zum Beispiel mit Karten nachweislich überdurchschnittlich zurückhaltend.

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