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Veröffentlicht: 02.12.2016, 20:23 Uhr

Soziale Systeme Will Habermas das wirklich wissen?

Der Soziologe Jürgen Habermas hat einmal skizziert, wie ein Gespräch aussehen müsste, das buchstäblich nur in der Gesellschaft stattfindet. Doch was käme bei einem solchen Diskurs heraus?

von André Kieserling
© Picture-Alliance Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas bei einer Vorlesung an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität am 22.10.1982 in Frankfurt.

Die meisten Gespräche finden, soziologisch gesehen, nicht einfach „in der Gesellschaft“ oder „zwischen Menschen“ statt. Sie werden vielmehr von Politikern, zu wirtschaftlichen Zwecken oder aber als wissenschaftliche Diskussion geführt. Es sind also Gespräche unter Interessenten und Spezialisten, über deren Perspektiven man nichts Unhöfliches sagt, wenn man sie eingeschränkt nennt. Keines dieser Gespräche ist daher in der Lage, die Gesellschaft oder den Menschen in einer auch für andere verbindlichen Weise zu repräsentieren.

Einen ersten Versuch, darüber hinauszugelangen, hatte man im achtzehnten Jahrhundert unter den Vorzeichen der öffentlichen Meinung unternommen. Aber auch diese meinungsbildenden Diskussionen fanden nicht einfach in der Gesellschaft statt. Die Privatleute, die sich zum Publikum zusammenfanden, teilten miteinander nicht nur das Privileg, lesen zu können. Sie teilten auch einen spezifisch bürgerlichen Interessenhintergrund, und spätestens in den Klassenkämpfen des neunzehnten Jahrhunderts wurde er als solcher erkennbar.

Im Rückblick auf diesen Versuch, dem er im Jahre 1962 seine berühmte Habilitationsschrift widmete, hat Jürgen Habermas einmal skizziert, wie ein Gespräch aussehen müsste, das buchstäblich nur in der Gesellschaft stattfindet: Mitglieder aller Schichten müssten teilnehmen dürfen, und die dann unvermeidlichen Statusdifferenzen dürften kommunikativ keine Rolle spielen. Außerdem wäre es hilfreich, auch wenn Habermas dies nicht eigens erwähnt, wenn die Beteiligten füreinander Fremde wären, damit nicht etwa die Rücksicht auf die guten Beziehungen die offene Diskussion hindert.

Und natürlich müssten auch ihre Berufsrollen zu einem bloßen Gesprächsthema neutralisiert werden: Sie dürfen also über wirtschaftliche Interessen sprechen, nicht aber als deren Lobbyist auftreten, oder über das politische Tagesgeschehen, nicht aber im Namen dieser oder jener Partei. Nur in einem solchen Gespräch, so Habermas, könne man zu vernünftigen Ansichten kommen.

Gespräche in den anonymen Großstadtbars Amerikas

Kritiker dieser Idee haben Habermas vorgehalten, dass sich solche „herrschaftsfreien Diskurse“ in der modernen Gesellschaft nicht herstellen lassen: weder im Parlament noch in der Talkshow, denn auch dort hätte man es ja inzwischen mit Spezialisten, mit Interessenten, mit Parteigängern zu tun. Man könne daher gar nicht wissen, wie unter den von Habermas skizzierten Extrembedingungen kommuniziert werden würde. Eine bessere Urteilsgrundlage würde sich ergeben, wenn man nachweisen könnte, dass solche Situationen sich sehr wohl herstellen lassen, denn dann könnte man fragen, ob das Gesprächsverhalten zu den hohen Erwartungen von Habermas passt.

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Diesen Nachweis aber hat, von der soziologischen Diskussion über öffentliche Meinung nahezu unbemerkt, die amerikanische Soziologin Sherry Cavan (1938 bis 2016) schon vor genau fünfzig Jahren vorgelegt. Das Thema ihrer Untersuchung sind die Gespräche in den anonymen Großstadtbars ihres Landes, und ihr Befund lautet, dass solche Begegnungen in der Tat nur „in der Gesellschaft“ lokalisiert werden können.

Das gilt zum einen für Schichtung: Die Gäste am Tresen entstammen sehr verschiedenen Statusgruppen und begegnen einander dennoch auf gleicher Augenhöhe. So darf jeder jeden ansprechen, und auch die üblichen Symbole für Unansprechbarkeit können davor nicht schützen: Wer sich hinter einem Buch versteckt, den darf man jederzeit fragen, was er da liest. Das ist natürlich nur erträglich, wenn man solche Anträge auch taktvoll ablehnen kann, sei es sofort, sei es nach kurzer Probezeit. Viele Gespräche enden daher schon bald, aber dafür verrät jede längere Gesprächsdauer auch wirkliches Interesse.

Smalltalk als Gesprächsthema

Aber es gilt auch in dem Sinne, dass man hier nicht einfach als Wissenschaftler oder als Parteipolitiker auftreten kann, denn dazu müsste man über seinen Gesprächspartner sehr viel mehr wissen, als bekannt ist und erfragt werden kann. Natürlich trifft man hin und wieder auf Gleichgesinnte, aber diese Übereinstimmung ergibt schon deshalb keine Gesprächsgrundlage, weil auch Dritte sich jederzeit in das laufende Gespräch einschalten dürfen. Und wenn man einmal auf persönlich bekannte Partner aus anderen Rollenbeziehungen trifft, zum Beispiel auf den eigenen Chef, dann wird davon in der Bar ebenso abgesehen, wie man beim späteren Wiedersehen im wirklichen Leben von der nächtlichen Begegnung absehen kann. Die Furcht vor ernsthaften Konsequenzen zügelt hier also nicht das Wort, denn Gespräche dieser Art haben keine.

Der eigentlich interessante Befund betrifft nun die Themenwahl dieser kommunikativen Idylle: Statt vernünftige Meinungen über Themen von allgemeiner Bedeutung zu bilden, hört man Cavan zufolge nur Smalltalk. Gegen Habermas müsste man daher festhalten: Wenn die Mitglieder der modernen Gesellschaft wirklich einmal als Menschen kommunizieren statt nur als Rollenträger, dann haben sie einander nur wenig Gehaltvolles zu sagen.

Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied 1962, Sherry Cavan, Liquor License: An Ethnography of Bar Behavior, Chicago 1966.

Vorwärts, marsch!

Von Joachim Müller-Jung

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