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Analphabetismus : Lesen lernen kann jeder

  • -Aktualisiert am

Sind Defizite im Zwischenhirn die Ursache für Lesestörungen? Bild: dpa

Wer Lese-Rechtschreib-Störungen hat, könnte Fehlfunktionen im Zwischenhirn haben, die angeboren sind – oder auch nicht: Ist vielleicht alles nur eine Frage des visuellen Trainings? Eine Studie aus der Psycholinguistik kommt zu überraschenden Ergebnissen.

          Die frühesten Schriftzeichen sind etwa siebentausend Jahre alt. Menschheitsgeschichtlich ist das Lesen also eine sehr junge Fähigkeit, so dass die Evolution keine Zeit hatte, dafür eine eigene „Abteilung“ im Gehirn einzurichten. Beim Lesen werden deshalb Hirnregionen genutzt, die sich ursprünglich für andere visuelle Zwecke herausgebildet hatten, zum Beispiel für die Gesichtserkennung. Diese Schaltkreise bilden Schnittstellen zwischen dem visuellen und dem sprachlichen System und ermöglichen es, Buchstabenfolgen in Wörter zu übersetzen. Bislang nahmen Neurowissenschaftler an, dass vor allem die besonders flexible Großhirnrinde die Spezialaufgabe des Lesens übernimmt. Doch eine deutsch-indische Forschergruppe unter der Leitung von Falk Huettig vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik hat nun entdeckt, dass das Lesenlernen auch Strukturen verändert, die bis in die tieferen Regionen des Zwischenhirns und des Hirnstamms hinabreichen. Die Schriftkultur beruht also trotz ihrer Modernität auch auf Hirnbereichen, die aus entwicklungsgeschichtlich alten Zeiten stammen und sich schon bei Mäusen und anderen Säugetieren finden. Diese Erkenntnisse werfen auch ein neues Licht auf die Ursachen des Analphabetismus und die Möglichkeiten seiner Bekämpfung.

          Für ihre Studie arbeiteten die Forscher mit erwachsenen Analphabetinnen aus zwei Dörfern im Norden Indiens, einem Land mit einer Analphabetenrate von fast 40 Prozent. Viele gehören, wie die Probandinnen, zur Kaste der „Unberührbaren“. Für die Studie lernten die Teilnehmerinnen das Lesen in ihrer Muttersprache Hindi. Verwendet wurde die Devanagari – eine komplizierte Alphabetschrift mit Elementen einer Silbenschrift, in der auch andere indische Sprachen geschrieben werden. Schon nach einem halben Jahr hatten die Frauen das Niveau von Erstklässlern erreicht: Obwohl Erwachsenen das Erlernen einer neuen Sprache viel Mühe bereitet, fällt ihnen das Lesenlernen offenbar vergleichsweise leicht.

          Der kontinuierliche Umgang mit Schrift verändert die Hirnstrukturen

          Während der Studie wurden die Gehirne der Teilnehmerinnen im Kernspin untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass der kontinuierliche Umgang mit Schrift die Hirnstrukturen in kurzer Zeit unerwartet stark veränderte. Die Wissenschaftler identifizierten zwei Gruppen von Nervenzellen, die hierfür eine zentrale Rolle spielen: die Colliculi superiores – auch Sehhügel genannt – im Hirnstamm und das Pulvinar, ein Kerngebiet des Thalamus. Die Hirnscans zeigten, dass sich die Vernetzung zwischen diesen beiden tief liegenden Regionen und den Schaltkreisen der Sehrinde durch das Lesetraining dauerhaft verstärkt hatte. Je besser die Lesefähigkeit wurde, desto enger kooperierten diese Bereiche.

          Dass die beiden Strukturen unterhalb der Großhirnrinde an der Verarbeitung visueller Signale beteiligt sind, war zwar bekannt. Neu ist aber, dass sie auch für die hochspezialisierte Schrifterkennung eine wichtige Rolle spielen: Die Kerne des Hirnstamms und des Thalamus filtern wichtige Informationen aus der Flut der visuellen Reize und leiten sie weiter an die höheren Verarbeitungsstufen der Sehrinde. Darüber hinaus optimieren sie die Augenbewegungen für die Schriftverarbeitung, indem sie für eine Feinabstimmung zwischen den Sprüngen und den Stopps des lesenden Blicks sorgen. Auch an der Fähigkeit des Auges, Buchstaben, die in der Leserichtung voraus liegen, schon im Vorfeld mit einzubeziehen, dürften diese Areale beteiligt sein.

          Die beachtlichen Lernfortschritte der Studienteilnehmerinnen machen nicht nur erwachsenen Analphabeten Hoffnung. Sie werfen auch ein neues Licht auf mögliche Gründe für Lese-Rechtschreib-Störungen. Bisher galten Fehlfunktionen des Thalamus als eine Ursache, die möglicherweise angeboren ist. Es könnte aber sein, dass die Auffälligkeiten im Thalamus bei manchen Betroffenen nur auf fehlendem visuellem Training beruhen. In jedem Fall, so Falk Huettig, zeige die beachtliche Plastizität der am Lesen beteiligten Hirnregionen, wie groß die Chance ist, Defizite zu korrigieren: „Auch für Erwachsene ist es nie zu spät, lesen zu lernen.“

          Quelle: F.A.Z.

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