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Aktualisiert: 27.07.2017, 12:06 Uhr

Ungewöhnliches Stressverhalten Männer mit Moral

Stress ist die Geißel unserer Zeit – besonders für Männer. Unter Druck gesetzt zeigt das starke Geschlecht dagegen bisweilen ein ungewöhnliches soziales Verhalten. Die Nächstenliebe keimt auf. Eine Glosse.

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© Picture-Alliance Zu viel zu tun, zu wenig Zeit? Unter Sozialstress scheint die männliche Moral allerdings aufzublühen.

Manche Dinge regeln sich durch Aussitzen. Auch Stress erträgt sich im Sitzen leichter. Deshalb war es nur folgerichtig, dass das Anti-Stress-Gesetz, das die Sozialdemokraten vor bald vier Jahren den Gewerkschaften abgekauft und voller Inbrunst auf die Berliner Bühne gebracht hatten, am Ende auf die lange Bank geschoben wurde.

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Inzwischen sitzen Die Linken auf dem Ding und brüten, wie man die Arbeitnehmer per Verordnung vor Stress schützen kann. Viele denken wahrscheinlich wie sie. Stress ist des Teufels, und deshalb muss er weg. Stress macht krank, vergesslich und legt den Keim für die spätere Demenz. Versuchen Sie mal, unter Stress Ihre Gefühle im Zaum zu halten. Es ist leider so: Wenn der Druck steigt, geht die Selbstkontrolle flöten.

Deshalb haben wir uns natürlich gefreut, als Regensburger Psychologinnen, die sich ausdrücklich für das Stressverhalten von Männern interessieren, bei fünfzig jungen und gesunden, aber gestressten Herren auf etwas ganz und gar Unerwartetes gestoßen waren: „prosoziales Verhalten“. Ja wirklich, die Männer wurden, sobald sie im Verhaltenslabor unter den „Trierer Sozialstress“ – so etwas wie der Goldstandard der Psychotests – gesetzt wurden, von einer seltsamen Menschenliebe erfasst.

Weniger Egoismus durch Stress?

Sie sollten sich Szenen vorstellen wie: Sie hetzen zur Haltestelle, den Bus, der da steht, dürfen Sie nicht verpassen, unterwegs fällt einem alten Mann die Einkaufstasche aus der Hand – helfen Sie also dem Mann, dessen Mittagessen auf die Straße kullert, oder rennen Sie ungerührt zum Bus? Um es kurz zu machen: Waren sie gestresst, die Männer, verhielten sie sich, wie die Forscherinnen vornehm wissenschaftlich formulieren, „im Mittel weniger egoistisch“. Und das, obwohl der Gehalt an Stresshormonen im Blut exorbitant war. Ihre Entschlossenheit, selbstlos zu handeln, war frappierend.

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Anscheinend fühlten sich die Kerle in ihrer Moralwütigkeit auch noch richtig gut. Damit allerdings kommt nun endgültig Oscar Wilde ins Spiel, der in seinem Essay „Die Seele des Mannes im Sozialismus“ nach zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Arbeit und zweieinhalb Jahre nach der Uraufführung seines Stückes „Ein idealer Gatte“ folgende Bilanz seiner Knastjahre zog: „Ich habe nie einen moralwütigen Menschen getroffen, der nicht herzlos, grausam, rachsüchtig, strohdumm und ohne geringste Menschenliebe gewesen wäre. Sogenannte moralische Menschen sind wilde Tiere.“

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Was uns zurück zu den Regensburger Psychologinnen bringt. Sie haben nämlich, wie sie in der Fachzeitschrift „Hormones and Behaviour“ stolz bemerken, neben der famosen Empathiefähigkeit bei den gestressten Männern ausgerechnet auch noch jene Persönlichkeitseigenschaft entdeckt, die Frauenherzen zweifellos höher schlagen lässt: „Verträglichkeit“. Männer und Stress – die perfekte Paarung? Bevor sich dieses weibliche Wunschergebnis herumspricht, wünschen wir lieber den Linken Glück: Nie wurde eine Anti-Stress-Verordnung dringender gebraucht als heute, wo sich scheinbar alles gegen die Männer verschworen hat. Sät Stress und ihr erntet Moral. Da hört die Menschenliebe wirklich auf.

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