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Soziale Systeme : Eine Schule ist eben keine Fabrik

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Schulalltag: Die Bedingungen für eine Vorbildwirkung des siegreichen Konkurrenten sind also im Bereich der Schulerziehung nicht zu erfüllen Bild: dpa

Ökonomen trauen sich manchmal sogar Stellungnahmen zur Bildungspolitik zu. Über die Vergeblichkeit, das Gelingen von Pädagogik durch technologische Rationalität sicherzustellen.

          Ökonomen halten sich zuweilen für die besseren Pädagogen und trauen sich sogar Stellungnahmen zur Bildungspolitik zu, weil sie die Konkurrenz für den überlegenen Lernmechanismus halten. Der Wettbewerb um mobile Kunden zwinge die schlechten Anbieter bei Strafe ihres Unterganges dazu, von den guten zu lernen, und hebe so das allgemeine Niveau. „Je mehr Auswahl es gibt, desto größer ist der Wettkampf und desto besser das Produkt“, so fasste die Bildungsministerin Donald Trumps diese liberale Grundüberzeugung gelegentlich einmal zusammen.

          Ein starkes und gleichwohl stabiles Leistungsgefälle zwischen mehreren Anbietern kann es demnach überhaupt nur dort geben, wo Konkurrenz eingeschränkt wurde. Dies wiederum ist nach Meinung vieler Ökonomen vor allem in den öffentlichen Stadtteilschulen geschehen. Da sie über einen Schülerbestand in mehr oder minder fester Größenordnung verfügen und außerdem erfolgsunabhängig finanziert werden, hätten sie zu große Freiheiten in der Wahl ihres Leistungsniveaus. Sie könnten es zum Beispiel einer gerade aktuellen Mode, der längst überholten Pädagogik ihres Rektors oder auch der Bequemlichkeit einzelner Lehrer anpassen, ohne Konsequenzen zu spüren.

          Also müsse man, so die praktische Empfehlung, entweder den Eltern mehr Möglichkeiten geben, die Schule auszuwählen und sie bei Nichtgefallen auch ohne Umzug zu wechseln. Oder man müsse die anspornende Funktion der Marktkonkurrenz durch einen Mix aus höherer Autonomie der Einzelschule, politisch oktroyierten „Zielvereinbarungen“ und regelmäßigen Erfolgskontrollen ersetzten. In jedem Falle aber müsse es möglich sein, den temporär erfolglosen Teilnehmer am Bildungswettbewerb in irgendeiner Form zu bestrafen.

          Schulen fehle die Bereitschaft, Schüler zum Abitur zu führen

          Wer so denkt, setzt voraus, dass die Differenz zwischen guten und schlechten Ergebnissen technisch verfügbar ist. Den erfolglosen Schulen fehlt demnach nicht das Wissen über die Instrumente, die sie einsetzen müssten, um möglichst viele Schüler zum Testerfolg oder zum Abitur zu führen, sondern nur die Bereitschaft dazu. Sie haben also kein Erkenntnisdefizit, sondern nur ein Umsetzungsdefizit. Ihr Problem ist nicht die Blindheit, sondern die Trägheit.

          Dieser Einschätzung hat der Bamberger Soziologe Richard Münch unlängst widersprochen. Sein Vortrag als Niklas-Luhmann-Gastprofessor an der Universität Bielefeld erinnerte an eine vielfach bewährte Einsicht der Erziehungssoziologie, wonach es ein für Lehrer geeignetes Rezeptwissen nicht gibt und auch nicht geben kann. Die Schulerziehung, so Münchs Begründung dafür, ist nur durch soziale Kooperation einer größeren Zahl von Anwesenden möglich, die dabei sehr rasch aufeinander und auf die soziale Situation in der Schulstunde selbst reagieren müssen – oder besser: auf ihre je eigenen Bilder voneinander und von dieser Situation, denn eine auch nur halbwegs objektive Sicht ist unter diesen Umständen natürlich nicht zu gewinnen.

          Damit hängt der Erziehungserfolg von sehr vielen Kausalfaktoren ab, objektiven wie subjektiven, die man allesamt entweder nicht isolieren oder aber, wenn isoliert, in ihrem realen Zusammenwirken mit anderen Faktoren nicht einschätzen kann. Man kann also, Extremfälle ausgenommen, einfach nicht wissen, warum diese eine Schulstunde gut lief, während jene andere misslang, und damit fehlt auch die Möglichkeit rationaler Selbstkritik.

          Vorbildwirkung im Schulbereich nicht erfüllbar

          Dass es imponierende Erfolge einzelner Lehrer oder Schulen gibt, wird natürlich auch von Münch nicht bestritten. Aber solche Erfolge lassen sich nicht auf feste Regeln bringen und darum auch von anderen Lehrern und anderen Schulen nicht reproduzieren. Die Unterrichtsforschung, die sich einmal das Ziel gesetzt hatte, dem Lehrer eine anwendungsreife Technologie an die Hand zu geben, ist damit wieder und wieder gescheitert. Und auch die Pisa-Studie hat ja ergeben, wie schwierig es ist, die Unterschiede im durchschnittlichen Leistungsvermögen der verschiedenen Bildungsnationen auf irgendeine der bekannten schulpolitischen Alternativen zu beziehen: Gute und schlechte Testergebnisse wurden in Ländern mit und in Ländern ohne Gesamtschule erreicht.

          Die Bedingungen für eine Vorbildwirkung des siegreichen Konkurrenten sind also im Bereich der Schulerziehung nicht zu erfüllen. Man kann dann natürlich immer noch einen Teil der finanziellen Unterstützung der Schulen von nachweisbaren Erfolgen ihrer Schüler in einigen wenigen Fächern abhängig machen, so wie Richard Münch es am Beispiel der amerikanischen Schulpolitik und insbesondere an den auch von Obama schon unterstützten Charter-Schulen beschrieb.

          Aber man kann nicht beanspruchen, damit einen Anreiz zu besserer Leistung zu setzen, denn dazu müsste man die Ursachen des Leistungsdefizits kennen und über sie disponieren können. In Ermangelung dieser Möglichkeit kann man allenfalls periodische Sündenbockschlachtfeste veranstalten und damit politisch erfolgreich sein, ohne pädagogisch viel zu erreichen. Für günstige Auswirkungen dieser Schulpolitik gibt es denn auch, wie Münch eindrucksvoll vorführte, keine empirischen Anhaltspunkte.

          Quelle: F.A.S.

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