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Bildungsniveau : Wer betet, müsste sogar besser in der Schule sein

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Sozialer Status der Herkunftsfamilie, nicht religiöse Zugehörigkeit bestimmt über Noten. Bild: dpa

Wenn islamische Kinder schlechtere Noten haben, liegt das nicht am Islam. Jedenfalls nicht direkt. Schuld ist der soziale Status der Herkunftsfamilie.

          Es gehört zu den tiefsten Gewissheiten von Offenbarungsreligionen, die von ihnen vertretene Wahrheit direkt von Gott empfangen zu haben. Wissenschaftlichem Erkenntnisstreben stehen diese Religionen darum zuweilen skeptisch gegenüber. Wozu Fragen stellen, wenn Gott uns seine Wahrheit – und eine andere kann es nicht geben – doch schon offenbart hat? Die Geschichte des christlich motivierten Widerstands etwa gegen die Darwinsche Evolutionstheorie ist lang und noch immer nicht zu Ende. Das gilt jedoch in noch viel stärkerem Maße für den Islam. Man könnte darum in einem kühnen Schritt fragen, ob sich die offensichtlichen Unterschiede im Bildungserfolg von Kindern an deutschen Schulen mit deren Religion erklären lassen. Das ist im Kern natürlich eine Frage an den Islam: Ist am geringeren Schulerfolg muslimischer Kinder ihr Glaube schuld?

          Die Konstanzer Soziologin Claudia Diehl und der Göttinger Soziologe Matthias Koenig sind dieser Frage jetzt mit einer Panelstudie von rund 5000 Schülerinnen und Schülern der neunten Klasse und deren Eltern und Lehrern nachgegangen. Dabei stellten sie zunächst fest, dass Personen mit Migrationshintergrund in allen konfessionellen Gruppen religiöser sind. 62 Prozent der muslimischen Schüler sei ihr Glaube „sehr wichtig“. Und ja, muslimische Schülerinnen und Schüler hätten insgesamt etwas schlechtere Noten als die meisten anderen Konfessionsgruppen. Ist damit der unterstellte Zusammenhang von starker islamischer Religiosität und negativem Schulerfolg bewiesen?

          Sozial- und Bildungsstatus bestimmen Notenniveau

          Nicht im Geringsten. Die Benachteiligung der Muslime lasse sich vollständig mit dem niedrigeren Sozial- und Bildungsstatus des Elternhauses erklären, sagen die Autoren der Studie. Zu diesen Nachteilen zählt etwa, dass 98 Prozent der muslimischen Schüler angaben, zu Hause die Herkunftssprache zu sprechen – also Türkisch beziehungsweise Arabisch. Bei gleicher Ausstattung der muslimischen Familien mit bildungsrelevanten Ressourcen und bei ähnlichen kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten zeigten sich dagegen keine signifikanten Notenunterschiede mehr.

          Bei keiner anderen Gruppe verringerten sich die Ausgangsnachteile beim Schulbesuch derart stark, wenn man deren Mangel an bildungsrelevanten Ressourcen zu Hause berücksichtige. Das zeige sich auch beim Übergang auf die gymnasiale Oberstufe, wo muslimische Schüler gegenüber anderen Schülern mit Migrationshintergrund sogar im Vorteil seien – wiederum aber nur, wenn man ihre ungünstigere Ausgangsbasis berücksichtige, also hier der vergleichsweise seltenere Besuch des Gymnasiums in der neunten Klasse. Und auch für die Behauptung, muslimische Schüler würden bei der Notenvergabe systematisch diskriminiert, liefere die Untersuchung keine Hinweise.

          Also ist nicht die Religion schuld, sondern „nur“ der soziale Status der Herkunftsfamilie. Berücksichtigt man diesen Nachteil, vergleicht man also den Bildungserfolg der selteneren muslimischen Schüler, die nicht aus bildungsfernen und sozial schwachen Familien stammen, zeigt sich ein ganz anderer und überraschender Effekt der Religiosität: Soweit sich deren Effekte (etwa des Gebets oder des Besuchs religiöser Begegnungsstätten) überhaupt finden lasse, seien diese in ihren Auswirkungen auf den Bildungserfolg durchweg positiver Natur, und zwar auch bei den muslimischen Schülern. Deren Leistungsmotivation sei höher als die anderer religiöser Schüler und teilweise auch höher als die der Einheimischen. Wird also am Ende aus der Religion sogar noch ein individueller Vorteil beim Bildungserwerb?

          Die Autoren sprechen von der „höheren Leistungsmotivation“ der religiöseren Schüler. Die ließe sich mit einem sekundären Effekt hoher Religiosität erklären, den man insbesondere auch bei den schulisch sehr erfolgreichen Kindern aus vietnamesischen Familien beobachten kann: ein eher autoritärer Erziehungsstil, die hohe Erwartung, den Ansprüchen der Eltern gerecht zu werden, ein höherer Gruppendruck durch die enge Bindung an die religiöse Gemeinde und vermutlich auch eine generell stärkere Bereitschaft, den Forderungen von Autoritätspersonen wie den Lehrern zu entsprechen.

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          Doch liegen hier zwei Effekte enger religiöser Bindung miteinander in Konkurrenz: Deren positiven Effekte auf die Leistungsbereitschaft der Kinder werden gebremst durch die gleichzeitig wirkenden Abschottungseffekte muslimischer Religionszugehörigkeit gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Die Autoren der Studie empfehlen darum den Ausbau der frühkindlichen Bildungsangebote und der Ganztagsschulen – also weniger Familie und mehr Schule, weniger Eltern und mehr Gesellschaft – aber damit in der Konsequenz eine Schwächung der Religion, auch wenn diese bezüglich des geringeren schulischen Erfolgs in dieser Studie eigentlich ihre Unschuld bewiesen hat. Doch den hochreligiösen muslimischen Schüler ohne soziale Nachteile und ohne Bildungsferne wird es in dieser Idealkombination der Bildungsforschung wohl nicht geben.

          Claudia Diehl, Matthias Koenig: „Zum Einfluss von Religionszugehörigkeit oder individueller Religiosität auf den Bildungserfolg“. Studie gefördert durch die Stiftung Mercator.

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