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Veröffentlicht: 31.10.2016, 09:37 Uhr

Soziale Systeme Ungleiche Wissenschaft

Forscher kommen häufig aus bessergestellten Familien. Viele stammen aber dennoch aus Nichtakademikerhaushalten. Im Detail gibt es also Überraschungen.

von Boris Holzer
© dpa Erbhöfe des Bürgertums: An Hochschulen wie hier der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen, lehren viele Professoren, die selbst aus gehobenen Schichten stammen. Überraschend aber ist der Blick auf das Management von Wissenschaftsorganisationen.

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen beruflichem Erfolg und sozialer Herkunft wird meist recht pauschal gestellt. Dass Akademikerkinder bessere Aussichten haben, an der Universität zu studieren, ist jedoch ebenso wenig überraschend wie die Tatsache, dass Familienunternehmer häufig aus Unternehmerfamilien stammen. Aufschlussreicher ist die Frage, ob die soziale Herkunft nicht nur die Chancen, sondern auch den tatsächlichen Erfolg in einzelnen Tätigkeitsfeldern beeinflusst. Der Millionärssohn mag die bessere Ausgangsposition haben, aber hat er auch die zündende Geschäftsidee? Warum sollte die Studentin aus einer Arbeiterfamilie nach einer akademischen Ausbildung nicht ebenso erfolgreich sein wie der Spross einer Professorendynastie?

Prestigeeliten und Positionseliten

Ob es in der Wissenschaft einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Karriere gibt, untersucht eine kürzlich erschienene Studie der Münchner Soziologin Angela Graf zur sozialen Zusammensetzung der deutschen „Wissenschaftselite“. Wer die Frage so formuliert, muss zunächst angeben, was unter einer wissenschaftlichen Elite zu verstehen ist. Allgemein zeichnen Eliten sich durch eine herausgehobene Position und den damit verbundenen Einfluss aus. In der Wissenschaft müssen mindestens zwei Formen unterschieden werden: eine „Prestigeelite“, die ihre Prominenz und ihren Einfluss ihrer Forschungstätigkeit verdankt, und eine „Positionselite“, die einflussreiche Funktionen in Wissenschaftsorganisationen wahrnimmt.

Trotz ihrer gemeinsamen Zugehörigkeit zum Wissenschaftssystem sind diese beiden Eliten nicht deckungsgleich. Eine Nobelpreisträgerin mag den Vorsitz einer Forschungsorganisation angetragen bekommen. Zwingend ist dies jedoch nicht, und es wäre nicht unwahrscheinlich, dass sie das freundliche Angebot ablehnt, um weiterhin genug Zeit für die Forschung zu haben. Es ist also durchaus nicht ungewöhnlich, dass die Prestige- und die Positionselite von unterschiedlichen Personen gestellt werden. Für die deutsche Soziologie hat der Berliner Soziologie Jürgen Gerhards bereits vor einigen Jahren gezeigt, dass wissenschaftliche Reputation und die Übernahme von Ämtern kaum einen Zusammenhang aufweisen: Gemessen an ihren Veröffentlichungen in führenden Fachzeitschriften, gehörten zum Beispiel die Vorsitzenden des Deutschen Gesellschaft für Soziologie in den Jahren 1970 bis 2000 nicht zur Prestigeelite ihrer Disziplin.

Zu zwei Dritteln bürgerlich

Die aktuelle Studie von Angela Graf bezieht sich auf die deutsche Wissenschaft als Ganzes und verwendet für die Identifizierung der Eliten recht einfache, dafür leicht zu erhebende Kriterien. Die Prestigeelite besteht demnach aus den Nobel- und Leibnizpreisträgern, die Positionselite aus den Präsidenten der Forschungsgesellschaften wie der Max-Planck-Gesellschaft und der Beratungs- und Selbstverwaltungsorganisationen der deutschen Wissenschaft, etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Das Sozialprofil der auf diese Weise ermittelten rund 400 Personen bestätigt zunächst die üblichen Zusammenhänge und damit die Vermutung, dass die Wissenschaft - auch in ihren Spitzenpositionen - die soziale Selektivität des Bildungssystems widerspiegelt: Etwa zwei Drittel der Wissenschaftselite stammen aus dem gehobenen und dem Großbürgertum, mehr als die Hälfte aus Akademikerfamilien, und immerhin 14 Prozent haben einen Professor zum Vater. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass beispielsweise der Leibnizpreis am offensten für Aufsteiger zu sein scheint: Immerhin 36 Prozent der Preisträger stammen aus der Arbeiterschaft oder der Mittelschicht, hingegen nur ein Viertel der Amtsinhaber und Nobelpreisträger. Im Zeitverlauf hat die Rekrutierung der Elite aus dem Bürgertum jedoch deutlich abgenommen, denn bei den frühen Geburtskohorten lag sie noch bei über 90 Prozent.

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Interessante Unterschiede zeigen sich bei der familiären Nähe zur Wissenschaft: Etwas mehr als 40 Prozent der Prestigeelite, aber beinahe 60 Prozent der Positionselite stammen aus Nichtakademikerhaushalten. Außerdem überwiegt bei den Amtsinhabern in den Forschungsgesellschaften deutlich die Herkunft aus dem Wirtschaftsbürgertum, bei den Preisträgern hingegen die aus dem Bildungsbürgertum. Die Autorin erklärt diesen Befund mit den unterschiedlichen Vorteilen einer familiären Nähe zur Wissenschaft auf der einen und eines hohen sozioökonomischen Status auf der anderen Seite.

Dass Vertrautheit mit der Wissenschaft bei einer wissenschaftlichen Karriere behilflich sein kann, leuchtet ein. Doch warum ausgerechnet eine wirtschaftsnahe Herkunft auf eine Funktionärskarriere vorbereiten soll, bleibt erklärungsbedürftig. Man kann allenfalls vermuten, dass frühe Bekanntschaft mit der Wirtschaft den Appetit auf Führungspositionen mit Entscheidungsmacht steigert. Zudem könnte eine wissenschaftsferne Herkunft es erleichtern, innerhalb der Wissenschaft eine Tätigkeit für attraktiv zu halten, die mit Forschung oft nur noch wenig zu tun hat.

Literatur

Gerhards, Jürgen: Reputation in der deutschen Soziologie - zwei getrennte Welten. In: Soziologie 2/2002, S. 19-33. Graf, Angela (2016): Eliten im wissenschaftlichen Feld Deutschlands - Sozialprofil und Werdegänge. In: Soziale Welt 67 (1), S. 23-42.

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