http://www.faz.net/-gwz-8k44g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 20.08.2016, 18:45 Uhr

Soziale Systeme Die mörderische Sucht nach Ruhm

Nach Amokläufen wollen Medien Namen und Gesichter der Täter zurückhalten. Die Frage ist, ob das reicht.

von Boris Holzer
© AFP Eric Harris, Amokläufer an der Columbine High School

Die Medien tun sich schwer im Umgang mit spektakulären Verbrechen: Es wird erwartet, dass sie informieren. Doch gleichzeitig sollen sie den Tätern keine Bühne bieten. Die französische Tageszeitung „Le Monde“ hat sich nun entschlossen, keine Bilder von Terroristen mehr zu drucken. Nach dem Amoklauf in München druckte die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ auf ihrer Titelseite ein weißes Quadrat mit der Schlagzeile: „Dein Foto kommt nicht auf unseren Titel!“ Prompt erntete sie Kritik dafür, das Ereignis zur Auflagensteigerung missbraucht zu haben.

Taugen derartige selbst auferlegte Grenzen der Berichterstattung zur Prävention? Dagegen spricht, dass Amokläufer und Terroristen bei ihren Taten meist selbst das Leben lassen und offenbar nicht damit rechnen, ihre Berühmtheit auskosten zu können. Trotzdem lassen Täter sich von Presseberichten inspirieren. Dieser Spur folgt in einer aktuellen Veröffentlichung der Kriminologe Adam Lankford von der University of Alabama. Er fragt, ob bei „rampage shooters“ das Motiv, Berühmtheit zu erlangen, eine Rolle spielt und im Zeitraum 1965 bis 2015 an Bedeutung gewonnen hat.

Streben nach Ruhm und Bekanntheit

Anhaltspunkte hierfür finden sich reichlich in den Berichten und Selbstzeugnissen der Täter. Bereits der erste untersuchte „rampage shooter“, der 1966 sechs Frauen in einem kleinen College in Arizona erschoss, erklärte nach seiner Festnahme, dass er bekannt werden und sich „einen Namen“ machen wollte. Bekannt geworden sind auch die beiden Amokschützen an der „Columbine High School“ (1999), die darüber diskutierten, ob Steven Spielberg oder Quentin Tarantino ihre Tat verfilmen sollte.

Mehr zum Thema

Das Streben nach Ruhm und Bekanntheit, so Lankford, teilen die Amokschützen mit vielen ihrer Landsleute. Erfolg, der sich am Ruhm ablesen lässt, stehe insbesondere bei Jugendlichen hoch im Kurs. Er zitiert einige nachdenklich stimmende Befunde. So benannten in einer Befragung im Jahr 2014 51 Prozent der amerikanischen Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren „berühmt zu werden“ als wichtigstes Ziel im Leben. Andere Umfragen besagen, dass 81 Prozent der „High School“-Schüler erwarten, mit 25 Jahren einen „großartig bezahlten Job“ zu haben und 26 Prozent davon ausgehen, bald berühmt zu sein.

Solche Erwartungen werden sich allenfalls für einen kleinen Teil realisieren lassen. Für den Rest bleibt Enttäuschung - oder der Versuch, dem Ziel nicht auf den vorgesehenen Karrierewegen, sondern mit alternativen Mitteln näher zu kommen. Natürlich ist das Töten einer großen Zahl von Menschen weder die einzige noch die erste Wahl. Doch für einen mittlerweile vielfach beschriebenen Personenkreis, der durch psychische Probleme und soziale Ausgrenzung belastet ist, bietet es eine - und vielleicht die einzige - Möglichkeit, ihr Verlangen nach Bekanntheit in die Tat umzusetzen.

Hohe Zahl der Toten und Verletzten

Bei der Prüfung von mehr als 200 Amokläufen in den Vereinigten Staaten im Zeitraum von 50 Jahren identifiziert Lankford 18 Fälle, in denen aufgrund dokumentierter Äußerungen oder hinterlassener Manifeste eindeutig von „fame seeking“ als zentralem Motiv auszugehen sei. Aufschlussreich ist weniger die absolute Zahl als die zeitliche Entwicklung: 13 dieser 18 Fälle ereigneten sich seit dem Jahr 1999.

Die Besonderheiten dieser Gruppe zeigen sich im Vergleich zu Tätern, bei denen kein „fame seeking“-Motiv feststellbar war. So waren die Bekanntheit suchenden Täter deutlich jünger: im Durchschnitt waren sie etwa 20 Jahre alt, andere Täter 35 Jahre. Und sie töteten und verletzten mehr Menschen: Bei ihren Taten starben im Durchschnitt über sieben, bei den anderen Tätern hingegen drei Menschen. Dies korrespondiert mit Äußerungen der Bekanntheit suchenden Täter, in denen sie auf die Taten anderer Bezug nehmen und ankündigen, diese noch zu übertreffen. Das Wissen, dass mehr Tote mehr Berichterstattung bedeuten, spielt ganz offensichtlich eine Rolle.

Neben dem niedrigen Alter sowie der hohen Zahl der Toten und Verletzten zeichnet sich diese Tätergruppe durch ein weiteres Merkmal aus: durch Innovation. Es wurden nicht nur größere Opferzahlen produziert, sondern die Opfer auch so ausgewählt, dass die Aufmerksamkeit für die Tat gesteigert wurde: Mal traf es prominente Personen wie eine Kongressabgeordnete, mal einen prominenten Ort wie ein Premierenkino. Von einem Täter ist sogar dokumentiert, dass er regelrechte Ranglisten vergangener Taten erstellte - um schließlich selbst eine Grundschule zu überfallen, offenbar in der Überzeugung, dass man die Ermordung Unschuldiger nur noch dadurch übertreffen könne, dass man unschuldige Kinder zum Ziel macht.

Die zu Beginn erwähnten Gegenstrategien sind also sinnvoll, wenn es Täter gibt, denen vor allem an Aufmerksamkeit gelegen ist. Um weitere „Innovation“ zu unterbinden, müsste aber noch weit mehr verschwiegen werden, um erst gar keine Anhaltspunkte für Steigerungsversuche zu bieten. Für eine derart reduzierte Berichterstattung gibt es jedoch bisher kein Beispiel - und schon gar keinen Konsens.

Lankford, Adam (2016): Fame-seeking rampage shooters: initial findings and empirical predictions. In: Aggression and Violent Behavior 27, S. 122-129.

Glosse

Forschung im Abwärtsstrudel

Von Joachim Müller-Jung

Noch ist die Forschungsmacht Nummer eins nicht am Boden. Aber Trumps Budgetpläne zeigen: Der Präsident pfeift auf die Zukunft, wie er auf Wahrheit pfeift. Amerika entmachtet sich. Ein Kommentar. Mehr 11 39

Zur Homepage