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Wenn Regeln fehlen : Der Pädagoge als Erzieher

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Heute disziplinieren Lehrer ihr Schüler nicht mehr mit dem Rohrstock. Regeln und deren Einhaltung sind allerdings noch immer wichtig. Bild: Picture-Alliance

Die Gesellschaft verdrängt die Tatsache, dass Schule nicht nur bilden, sondern auch disziplinieren muss. Denn viele Lehrer spüren, dass in Familien immer weniger Grenzen gesetzt werden.

          Der erste Schultag bedeutet, soziologisch formuliert, den Übergang von der Familie in eine Organisation. Bemisst man eine Organisation nach der Anzahl und Strenge ihrer Regeln, der Dichte ihrer Kontrollen und der Schärfe von Sanktionen bei Verletzung der Regeln, dann hat die heutige Schule natürlich viel von ihrer Organisationshaftigkeit verloren. Schon phänotypisch ist die Angleichung von Kinderzimmern und Klassenzimmern unübersehbar.

          Das mag gerade den Erstklässlern den Eintritt in die Schule erleichtern, es kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schule ohne Regeln nicht funktionieren kann. In der idealen Schule kennen alle Beteiligten diese Regeln, halten sich auch ganz zwanglos daran und können sich so ungestört dem eigentlichen Ziel des Unterrichts widmen, also dem Lernen. In der realen Schule halten sich natürlich nicht alle an die Regeln, und darum nimmt schon in der Lehrerausbildung die Frage, wie man mit Regelverstößen im Unterricht umgehen soll, einen großen Raum ein.

          Dabei geht es nicht um so harmlose Dinge, etwa dass ein Kind ständig etwas sagt, ohne dazu aufgerufen worden zu sein. Nein, es handelt sich beim Klassenzimmer nicht nur um ein störungsanfälliges Interaktionssystem, dessen Störungsanfälligkeit mittels intelligenten „Classroom Managements“ doch in den Griff zu kriegen sein müsste. Es geht um die absichtliche Störung des Unterrichts mit dem Ziel, diesen unmöglich zu machen. Die schlichte Destruktivität also, die Lust an der nicht hinnehmbaren Provokation und Auflehnung, die eher von jugendlichen Schülern ausgeht – wie geht man als Pädagoge damit um?

          Die disziplinierende Funktion des Lehrerberufs anerkennen

          Der Erziehungswissenschaftler Thomas Wenzl hat auf diese Frage jetzt eine leidenschaftliche Antwort gegeben: Indem die „pädagogische Berufskultur“ sie nicht schon in der studentischen Ausbildung zum Tabu erklärt, sondern sie als schulische Realität akzeptiert. Den Titel eines berühmten Vortrags von Theodor W. Adorno aufgreifend („Tabus über den Lehrerberuf“) erhebt Wenzl den Vorwurf, der Begriff „Unterrichtsstörung“ sei eigentlich ein verharmlosender Etikettenschwindel. Es gehe dabei nicht um störende Verhaltensweisen, sondern um das Motiv eines grundsätzlicheren Widerstands von Schülern gegenüber der Schule schlechthin.

          Wenzl macht für diese Verharmlosung ein Unbehagen verantwortlich. Nämlich das Unbehagen darüber, die disziplinierende Funktion dieses Berufes anzuerkennen. In der heutigen Vorstellungswelt der Pädagogik, wonach die Aufgabe von Lehrern vor allem in einer Unterstützung der individuellen Bildungsprozesse ihrer Schüler bestehe, würde diese Funktion geradezu tabuisiert. Wenzl dagegen erinnert daran, dass der Unterricht unvermeidlich mit zivilisatorischen Anstrengungen verbunden sei, die gegen die Widerstände von Schülern und zu deren nachvollziehbarem Missfallen disziplinierend durchgesetzt werden müssten. Wenzl geht so weit, im Lehrer den institutionellen Agenten eines mit Versagungen verbundenen Zivilisationsprozesses zu sehen.

          Versagungen? Nun leben wir nicht gerade in einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern noch irgendwelche Versagungen auferlegen möchte. Lieber, bemerkt Wenzl, wollen gerade junge Lehrer bei ihren Schülern „beliebt“ sein, wohinter sich die Hoffnung verbirgt, damit dem befürchteten jugendlichen Widerstand gegenüber der amtsgegebenen Autorität des Lehrer in der Simulation eines Freundschaftsverhältnisses von Gleichberechtigten zu entgehen.

          Dabei äußert Wenzl durchaus Verständnis für die Ambivalenz der Empfindungen dieser Lehrer. Adorno sprach 1966 in seinem Vortrag von dem Zivilisationsschmerz, den sie noch an sich selbst empfänden, wenn sie ihn ihren Schülern antun müssten. Doch Adorno hat schon damals von einer latenten Lächerlichmachung des Lehrerberufes gesprochen, dessen Ursache in einer gesellschaftlichen Verdrängung liege.

          Familie fällt als Raum der Disziplinierung aus

          Die Gesellschaft verdränge die Notwendigkeit der Disziplinierung der Kinder, sie verschweigt sie lieber, weil sie sich selbst als frei und zwanglos imaginieren möchte. Es passt nicht zum Selbstbild, dass die Notwendigkeit von Erziehung nicht geringer geworden ist, sondern eher zunimmt. Was auch daran liegt, dass die Familie als primärer Raum einer solchen Disziplinierung mehr und mehr ausfällt.

          Stattdessen habe die Gesellschaft den Zwang an die Schule delegiert und empöre sich dann darüber, dass diese mit seiner Durchsetzung überfordert ist. Liegt hierin vielleicht der tiefere Grund des akuten Lehrermangels in Deutschland, dass immer weniger junge Menschen bereit sind, diese Rolle des Prügelknaben der Nation anzunehmen?

          Überall dort aber, wo die disziplinierenden Zumutungen der Schule als Ausdruck eines gesellschaftlich hochgeschätzten und identifikationswürdigen Wertestandpunkts wahrgenommen würden, sollten sich diese unheilvollen Tabus des Lehrerberufes in Luft auflösen, so Wenzl. Dazu müsste die Gesellschaft allerdings anerkennen und auch wieder schätzen lernen, dass der Lehrer im Wesentlichen ein Erzieher ist.

          Thomas Wenzl: „Unterrichtsstörungen oder das Unbehagen an der Jugend“, in: Falltiefen, Heft 3, 2017.

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