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Naturwissenschaft und Religion : Wissen zum Niederknien

Licht der Welt: „Der Alchemist entdeckt den Phosphor“ ist ein 1771 entstandenes Werk des englischen Malers Joseph Wright of Derby. Bild: www.bridgemanimages.com

Naturerkenntnis kann berühren und sogar Gegenstand von Poesie sein. Kann sie dann auch Religion ersetzen? Der Dichter Raoul Schrott und der Jesuit Stefan Bauberger im Gespräch.

          Unter dem Titel „Erste Erde Epos“ haben Sie, Herr Schrott, unlängst eine große Dichtung vorgelegt, deren Thema die Erdgeschichte ist, genauer unser naturwissenschaftliches Wissen darüber. Das ist kein sehr übliches Sujet. Anders als religiöse Inhalte, von denen auch die Literaturgeschichte voll ist, scheint es zwischen Kunst und Naturwissenschaft noch immer eine gewisse Kluft zu geben.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Raoul Schrott: Die Kluft ist zweifellos da. Und sie ist größer geworden. Schiller und Goethe konnten sich noch in der Naturforschenden Gesellschaft zu Jena kennenlernen und sich über Pflanzen unterhalten. Das heißt, damals gab es noch einen Austausch zwischen Kultur, Naturphilosophie und den beginnenden Wissenschaften.

          Haben also auch viele Ihrer Schriftstellerkollegen ihre Schwierigkeiten mit der Naturwissenschaft?

          Schrott: Nun, einerseits ist es ja Mode geworden, Quantenphysikalisches anzuführen. Aber Schriftsteller, die sich fundiert mit Naturwissenschaft befassen, kenne ich gerade mal ein halbes Dutzend. Die Literatur ist eben auch ein konservatives Feld, wo man das Eigene behaupten will, und das steht in einer gewissen Naturauffassung, die romantisch geprägt ist - man denke an Novalis. Diese Tradition setzt sich fort, erstaunlicherweise. Auf der anderen Seite setzt man dann Naturwissenschaft mit der Technik und einem positivistischen Zeitgeist gleich, vor dem man sich keinesfalls verneigen will. Beide Positionen finde ich unangemessen. Aber dann kommt natürlich noch hinzu, dass der Umfang des naturwissenschaftlichen Wissens im Laufe des vergangenen Jahrhunderts exponentiell angewachsen ist und es nicht einfach ist, da Zugang zu erlangen.

          Vor dem Problem stehen nicht nur die Dichter, sondern auch andere Intellektuelle, die sich mit den Naturwissenschaften konfrontiert sehen. Pater Bauberger, Sie sind katholischer Geistlicher und lehren Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München. Wie steht es um die Schwierigkeiten mit der Naturwissenschaft bei Philosophen und Theologen?

          Stefan Bauberger: Hier trifft tatsächlich das Wort von den „zwei Kulturen“. Es wird jeweils wirklich ganz anders gedacht. Ich selbst habe nach dem Theologieexamen Physik studiert, und dort konnte zum Beispiel mein Doktorvater nicht begreifen, warum die Philosophen sich heute immer noch mit Texten von Platon abgeben - ob es denn da überhaupt Erkenntnisfortschritte gebe? Für die Theologie gilt das Gleiche, vielleicht noch extremer. Bevor ich mit dem Physikstudium anfing, hat sich einer meiner Theologieprofessoren allen Ernstes Sorgen gemacht, dadurch würde mein Glaube gefährdet. Aber nicht etwa wegen der Inhalte, sondern weil er gesehen hat, dass es da in der Physik einen völlig anderen Typ Mensch gibt, mit dem ich es nun zu tun bekommen würde.

          Buchstäblich Berührungsangst ...

          Bauberger: Wobei es beide Reaktionen gibt. Viele unserer Philosophiestudenten sind sehr aufgeschlossen, auch wenn manche stöhnen, dass sie sich nun wieder mit Physik und Genetik befassen müssen. Aber ohne das geht es nicht. Was die Naturwissenschaft über die Welt sagt, ist ein zentraler Bestandteil unseres modernen Weltbildes. Ohne sich damit zu befassen, kann man heute keine Philosophie treiben.

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