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Philosophischer Idealismus : Weil wir zur Wahrheit fähig sind

Platon (links) sagt wo es lang geht: Raffaels „Die Schule von Athen“. Bild: Picture-Alliance

Kann man im Zeitalter der Naturwissenschaften überhaupt noch einen Idealismus vertreten? Und ob, sagt der Philosoph Vittorio Hösle. An den Einsichten Platons und seiner geistigen Erben führt für ihn auch heute kein Weg vorbei. Ein Gespräch.

          Herr Hösle, Sie haben ein Buch mit dem Titel „Idealismus heute“ mitherausgegeben, und in Ihrem eigenen einleitenden Beitrag darin brechen Sie eine Lanze für diese philosophische Position. Was hat die mit dem „Idealismus“ im Sinne eines Strebens nach Idealen zu tun?

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das sind in der Tat zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen. Einerseits versteht man unter Idealismus eine Philosophie, die davon ausgeht, dass die Wirklichkeit entweder im Bewusstsein ist oder notwendig auf Bewusstsein hin ausgerichtet ist. Oder aber man meint mit Idealismus die Auffassung, dass es normative Ideale gibt, die unser Handeln leiten sollen. Man kann dann unterschiedlicher Ansicht darüber sein, inwieweit diese Ideale neben einer bloßen Forderung, dass sie gelten sollen, auch die Strukturen der Wirklichkeit bestimmen.

          Aber gibt es zwischen diesen beiden Begriffen einen Zusammenhang?

          Ja, den gibt es. Man kann nämlich der Ansicht sein, dass es letztlich der Sinn der Wirklichkeit ist, erkannt zu werden. Wenn man davon ausgeht, dass wir eine Pflicht haben, uns um Wahrheit zu bemühen, dann liegt es nahe, die Wirklichkeit so zu verstehen, dass sie, insofern sie nämlich durch die Ideale mitbestimmt ist, auf Erkennbarkeit hin angelegt ist.

          Hieße das dann, dass das eigentlich Existierende geistiger Natur ist?

          Nicht unbedingt. Der Idealismus sagt nicht notwendig, dass alles geistiger Natur ist. Vielmehr sagt er, alles ist durch den Geist erkennbar. Tatsächlich gibt es zwei verschiedene Formen des Idealismus: einmal einen eher subjektiven Idealismus, der tatsächlich sagen würde, es gibt nur Bewusstseinsprozesse. Das ist aber nicht meine Position. Ich gehe durchaus davon aus, dass es eine bewusstseinsunabhängige Natur gibt. Aber ich glaube, wie wissen a priori, dass diese Natur so strukturiert ist, dass sie durch Bewusstsein erfasst werden kann. Ich vertrete also einen objektiven Idealismus.

          Was wäre dann die Gegenthese zum Idealismus?

          Die Gegenthese wäre: Es gibt eine Natur, deren Gesetze völlig beliebig sind, das heißt, wir haben keine Möglichkeit, sie a priori einzuschränken. Dass es in ihr einen Geist gibt und dass dieser Geist die Natur erfassen kann, ist Zufall. Wir haben dann keine Garantie - nicht einmal eine vernünftige Hoffnung -, dass diese Natur durch den Geist erkennbar ist. Das wäre die Position eines extremen Realismus, für die das Bewusstsein eben reine Zufälligkeit in der Struktur des Seins ist. Dagegen sagt der Idealismus, wie ich ihn verstehe: Die Natur ist notwendig erkennbar. Dafür muss sie einerseits bestimmte Strukturen haben und andererseits einen Geist hervorbringen, der sie erkennt.

          Eine Spielart des Realismus ist der Materialismus in der Gestalt des Naturalismus. Zum Beispiel würde der Biologe Richard Dawkins Geist und Geistiges - auch so etwas wie Werte - als bloßes Produkt der Evolution auffassen. Gerade viele von der Naturwissenschaft beeindruckte Zeitgenossen sehen das so.

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