http://www.faz.net/-gwz-8xt6u

Warnung vor dem Werther-Effekt : Der Tod eines Mädchens

  • -Aktualisiert am

„Tote Mädchen lügen nicht“ ist der Titel einer 13-teiligen Serie auf Netflix. Der Teenager Hannah Baker fühlt sich darin von der Mitwelt in den Untergang getrieben. Bild: Beth Dubber/Netflix

Eine neue Netflix-Serie macht den Suizid eines Mädchens zum Thema. Psychologen warnen vor den Folgen für das Publikum. Und erinnern an frühere Fälle.

          Zunächst ist da nur dieser graue Spind, geschmückt wie ein Altar, vor dem die Schüler mit dem Handy fürs Selfie posieren. Dazu ertönt die Stimme aus dem Off: „Hey, hier ist Hannah, live und in Stereo, nimm dir was zu Knabbern und mach es dir gemütlich. Ich werde dir jetzt die Geschichte meines Lebens erzählen.“ Dass das mit dem live glatt gelogen ist, ahnt man schon beim Anblick der bunten Trauerbotschaften und der bedrückten Gesichter auf dem Gang. Bereits der Titel der Ende März auf Netflix angelaufenen Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ lässt wenig Gutes erwarten. Hannah Baker hat sich umgebracht, das wird schnell klar. Warum sie es tat, wird dem Zuschauer anhand der dreizehn Audio-Kassetten erläutert, die sie hinterlassen hat. Auf jeder einzelnen nimmt sich der Teenager einen ihrer Peiniger vor, die sie angeblich in den Tod getrieben haben. Sie wollen mit dem Thema Diskussionen anregen, sagen die Produzenten der Serie.

          Das ist ihnen zweifellos gelungen. Psychologen und Psychiater gehen auf die Barrikaden. Der Film könne Menschen zum Suizid verführen. In Neuseeland, einem Land mit besonders hohen Selbsttötungsraten, sorgte die Medienaufsichtsbehörde dafür, dass sich Jugendliche die Folgen der Serie nur in Begleitung eines Erwachsenen ansehen dürfen. Aus der Luft gegriffen sind die Vorwürfe nicht. 1981 hatte schon einmal ein deutscher Sender versucht, mit einer Fernsehserie Suizidprävention zu betreiben. In sechs Folgen wurde der „Tod eines Schülers“ aus der Perspektive der Eltern, Freunde und Mitmenschen unter die Lupe genommen. Eingeleitet wird jeder Teil mit dem ikonischen Bild des hübschen Jünglings, der im Schnee auf die Eisenbahngleise gebettet liegt.

          Ganze Nationen können betroffen sein

          Das ZDF gewann damit sogar die Goldene Kamera. Auch Armin Schmidtke, Leiter der Arbeitsgruppe Primärprävention des deutschen Nationalen Suizidpräventionsprogramms, hat damals an den Erfolg des Films geglaubt. Er wollte in einer Studie die positive Wirkung der Sendereihe belegen. Das Gegenteil war der Fall: Während der Ausstrahlung und in den folgenden fünf Wochen verdreifachte sich die Zahl der Jungen ähnlichen Alters, die sich vor einen Zug legten. „Wenn es um das Thema Suizid geht, erreicht man auch mit gut gemeinten Projekten schnell das Gegenteil“, sagt der Psychologe heute. Der Effekt ist seit Goethes Zeiten bekannt. Nach der Veröffentlichung seines Briefromans „Die Leiden des jungen Werthers“ im Jahre 1774 eiferten viele junge Männer dem Titelhelden der Erzählung nach und erschossen sich mit einer Pistole. Sie taten dies auch immer wieder in dessen Kleidung: blauer Frack, gelbe Weste und braune Stulpenstiefel. Seitdem wurde dasselbe erschreckende Phänomen auch in Schulen, Militäreinheiten und auf psychiatrischen Stationen beobachtet. „Suizide können ansteckend wirken, egal ob real oder fiktiv“, sagt Armin Schmidtke, der sich sein ganzes Berufsleben mit dem Thema beschäftigt hat. Selbst die schrecklichsten Selbsttötungspraktiken halten die Menschen nicht davon ab, im Gegenteil. Je bizarrer eine Methode sei, sagt der Psychologe, desto mehr rege sie dazu an, sich mit ihr zu beschäftigen und sie manchmal eben auch auszuführen. Selbst Menschen, die sich öffentlich verbrannten oder ein vollbesetztes Flugzeug zum Absturz brachten, fanden ihre Nachahmer.

          Weitere Themen

          „Eines der schwarzen Kapitel der Kolonialgeschichte“ Video-Seite öffnen

          Serie Benin-Bronzen : „Eines der schwarzen Kapitel der Kolonialgeschichte“

          Heinrich Schweizer hat sich lange mit afrikanischer Kunst bei Sotheby’s beschäftigt, ehe er in New York seine eigene Galerie eröffnete. Er erklärt, warum manche Stücke für Millionen versteigert werden und wie der Markt auf Restitutionsansprüche reagiert.

          Topmeldungen

          Fehlanreize des Sozialstaats : Mehr Arbeit – weniger Geld?

          Familienministerin Giffey kämpft gegen falsche Botschaften des Sozialstaats. Sie will die „harte Abbruchkante“ beim Kinderzuschlag abschaffen – manchen geht das nicht weit genug.

          Reform der EU : Macron visionär, Merkel kompromissbereit

          Die Bundeskanzlerin signalisiert vorsichtige Zustimmung zu den EU-Ideen des französischen Präsidenten. Doch wirklich konkret wird es bei ihrem Treffen in Berlin nur hinter verschlossenen Türen.

          Mediengruppe Sinclair : Fernseh-Propaganda für den Präsidenten

          Eine rechtskonservative Mediengruppe gewinnt in Amerika immer mehr an Macht. Angestellte schlagen Alarm, weil sie falsche Behauptungen vortragen sollen. Ganz im Sinne von Donald Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.