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Veröffentlicht: 17.05.2017, 10:56 Uhr

Warnung vor dem Werther-Effekt Der Tod eines Mädchens

Eine neue Netflix-Serie macht den Suizid eines Mädchens zum Thema. Psychologen warnen vor den Folgen für das Publikum. Und erinnern an frühere Fälle.

von Michael Brendler
© Beth Dubber/Netflix „Tote Mädchen lügen nicht“ ist der Titel einer 13-teiligen Serie auf Netflix. Der Teenager Hannah Baker fühlt sich darin von der Mitwelt in den Untergang getrieben.

Zunächst ist da nur dieser graue Spind, geschmückt wie ein Altar, vor dem die Schüler mit dem Handy fürs Selfie posieren. Dazu ertönt die Stimme aus dem Off: „Hey, hier ist Hannah, live und in Stereo, nimm dir was zu Knabbern und mach es dir gemütlich. Ich werde dir jetzt die Geschichte meines Lebens erzählen.“ Dass das mit dem live glatt gelogen ist, ahnt man schon beim Anblick der bunten Trauerbotschaften und der bedrückten Gesichter auf dem Gang. Bereits der Titel der Ende März auf Netflix angelaufenen Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ lässt wenig Gutes erwarten. Hannah Baker hat sich umgebracht, das wird schnell klar. Warum sie es tat, wird dem Zuschauer anhand der dreizehn Audio-Kassetten erläutert, die sie hinterlassen hat. Auf jeder einzelnen nimmt sich der Teenager einen ihrer Peiniger vor, die sie angeblich in den Tod getrieben haben. Sie wollen mit dem Thema Diskussionen anregen, sagen die Produzenten der Serie.

Das ist ihnen zweifellos gelungen. Psychologen und Psychiater gehen auf die Barrikaden. Der Film könne Menschen zum Suizid verführen. In Neuseeland, einem Land mit besonders hohen Selbsttötungsraten, sorgte die Medienaufsichtsbehörde dafür, dass sich Jugendliche die Folgen der Serie nur in Begleitung eines Erwachsenen ansehen dürfen. Aus der Luft gegriffen sind die Vorwürfe nicht. 1981 hatte schon einmal ein deutscher Sender versucht, mit einer Fernsehserie Suizidprävention zu betreiben. In sechs Folgen wurde der „Tod eines Schülers“ aus der Perspektive der Eltern, Freunde und Mitmenschen unter die Lupe genommen. Eingeleitet wird jeder Teil mit dem ikonischen Bild des hübschen Jünglings, der im Schnee auf die Eisenbahngleise gebettet liegt.

Ganze Nationen können betroffen sein

Das ZDF gewann damit sogar die Goldene Kamera. Auch Armin Schmidtke, Leiter der Arbeitsgruppe Primärprävention des deutschen Nationalen Suizidpräventionsprogramms, hat damals an den Erfolg des Films geglaubt. Er wollte in einer Studie die positive Wirkung der Sendereihe belegen. Das Gegenteil war der Fall: Während der Ausstrahlung und in den folgenden fünf Wochen verdreifachte sich die Zahl der Jungen ähnlichen Alters, die sich vor einen Zug legten. „Wenn es um das Thema Suizid geht, erreicht man auch mit gut gemeinten Projekten schnell das Gegenteil“, sagt der Psychologe heute. Der Effekt ist seit Goethes Zeiten bekannt. Nach der Veröffentlichung seines Briefromans „Die Leiden des jungen Werthers“ im Jahre 1774 eiferten viele junge Männer dem Titelhelden der Erzählung nach und erschossen sich mit einer Pistole. Sie taten dies auch immer wieder in dessen Kleidung: blauer Frack, gelbe Weste und braune Stulpenstiefel. Seitdem wurde dasselbe erschreckende Phänomen auch in Schulen, Militäreinheiten und auf psychiatrischen Stationen beobachtet. „Suizide können ansteckend wirken, egal ob real oder fiktiv“, sagt Armin Schmidtke, der sich sein ganzes Berufsleben mit dem Thema beschäftigt hat. Selbst die schrecklichsten Selbsttötungspraktiken halten die Menschen nicht davon ab, im Gegenteil. Je bizarrer eine Methode sei, sagt der Psychologe, desto mehr rege sie dazu an, sich mit ihr zu beschäftigen und sie manchmal eben auch auszuführen. Selbst Menschen, die sich öffentlich verbrannten oder ein vollbesetztes Flugzeug zum Absturz brachten, fanden ihre Nachahmer.

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