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Linguistische Forensik : Der spricht doch gar nicht wie ein Syrer!

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„Schön“ ist die arabische Sprache allemal, ebenso wie die Schrift. Auf Hocharabisch heißt dieses Adjektiv „dschamil“. Doch in Ägypten wird der erste (also der am rechten Wortrand stehende) Buchstabe nicht „dsch“ sondern „g“ ausgesprochen, im Sudan eher als „dj“ und im Maghreb als stimmhaftes „sch“. Bild: F.A.Z.

Lässt sich bei Asylbewerbern die Herkunft nicht anders klären, geben Behörden linguistische Analysen in Auftrag. Aber deren theoretische Grundlagen sind komplex und die praktische Durchführung manchmal fragwürdig.

          Nun soll es Asylbewerbern unklarer Herkunft ans Handy gehen. Vergangene Woche machte ein Gesetzentwurf Schlagzeilen, weil dieser dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) erlauben würde, die Daten auf den Mobiltelefonen von Asylbewerbern auszuwerten, die keine Ausweispapiere vorlegen können und an deren Herkunftsangaben Zweifel bestehen. Und die treten nicht gerade selten auf.

          Nach Angaben des Bundesamtes konnten von den seit 2015 nach Deutschland gekommenen Asylbewerbern nur rund vierzig Prozent gültige Ausweispapiere vorlegen. Das Fehlen kann viele Gründe haben: Oppositionelle etwa erhalten von ihren Heimatstaaten oft gar keine Pässe oder würden mit deren Beantragung erst recht Verfolgung riskieren. Auf der anderen Seite kann es aber auch Kalkül sein, ohne Pass oder andere Identitätsbelege zur Asylanhörung zu erscheinen. Vor allem, wenn die tatsächliche Herkunft weniger Aussicht auf Erfolg verspricht als die behauptete. Aber wie sollen die Entscheider des Bundesamtes beurteilen, ob der Mensch ohne Papiere, über dessen Schicksal sie zu befinden haben, tatsächlich aus dem gegenwärtig asylwürdigen Syrien, aus einem der relativ sicheren Nachbarländer oder gar vom anderen Ende der arabischen Welt, aus Marokko stammt?

          Wenn Papiere fehlen oder Zweifel an deren Echtheit bestehen, würden Antragsteller in ihrer Anhörung gezielt zu ihrer Herkunft befragt, erklärt Bamf-Sprecherin Edith Avram. „Während der Antragstellung oder Anhörung weisen unsere Dolmetscher die Entscheider darauf hin, wenn Ungereimtheiten bestehen. Zudem verfügen unsere Entscheider über ein sehr detailliertes Wissen zu geographischen Gegebenheiten, Sitten und Bräuchen vor Ort.“ So könnten sie meist schon recht gut einschätzen, ob jemand aus der angegebenen Region stammen kann. Außerdem könnten Angaben des Antragstellers durch das Auswärtige Amt oder Botschaften vor Ort überprüft werden. Fotos und andere Daten vom Handy könnten hier in Zukunft zusätzliche Hinweise liefern, vorausgesetzt, der entsprechende Gesetzentwurf wird umgesetzt.

          Gespräche über die Alltagsdinge verraten viel

          Wenn sich Zweifel über die Herkunft eines Asylbewerbers weder bestätigen noch ausräumen lassen, kann das Bamf auch Sprachanalysen in Auftrag geben. Language Analysis for the Determination of Origin, abgekürzt Lado, lautet der Fachbegriff für solche linguistischen Gutachten, die seit den neunziger Jahren in einer Reihe europäischer Staaten sowie Kanada, Australien und Neuseeland eingesetzt werden, um die Glaubwürdigkeit der Herkunftsangaben passloser Asylbewerber zu beurteilen.

          In Deutschland, wo sie seit 1998 als Mittel zur Identitätsaufklärung im Asylgesetz verankert sind, gab das Bamf 2015 insgesamt 431 solcher Analysen in Auftrag, im vergangenen Jahr waren es 1405, ein Anstieg, der in etwa dem der Asylanträge folgt. Basis der Analysen sind in Deutschland Audioaufnahmen von gedolmetschten Gesprächen zwischen einem Mitarbeiter der Behörde und dem Antragsteller, die sich in möglichst lockerer Atmosphäre um Alltagsdinge wie typische Speisen oder Gebräuche in dessen Heimatland drehen. „Diese Aufnahmen gehen dann an die in der Regel anonym gehaltenen Gutachter, die in Deutschland allesamt sprachwissenschaftlich ausgebildete Experten mit entsprechender Qualifikation für die jeweilige Herkunftsregion sind“, sagt Edith Avram.

          Dieses Vorgehen beruht auf der Annahme, dass die Sozialisation eines Menschen dauerhaft Spuren in seiner Sprache und Sprechweise hinterlässt, die sich später nicht einfach unterdrücken lassen. Darauf basieren auch forensische Sprach- und Textanalysen in Strafrechtsprozessen, die sogar recht zuverlässig zeigen können, wenn ein Dialekt oder Migrationshintergrund nur vorgetäuscht wird. Vor Gericht geht es allerdings meist um die Analyse des individuellen Sprachstils eines Verdächtigen, seines Idiolekts. Diese kleinen Idiosynkrasien - in der gesprochenen Sprache beispielsweise Art und Plazierung des „Äh“ - erlauben etwa einen Abgleich mit Aufnahmen anonymer Anrufer oder Erpresserbriefen. Solche Sprachanalysen werden dann als Indizien anerkannt, wenn sie auch nicht die Beweiskraft von Fingerabdrücken oder DNA-Spuren besitzen.

          Dialekt lässt sich unterdrücken. Der Akzent bleibt

          Im Gegensatz hierzu sollen Lados die Zugehörigkeit des Betreffenden zu einer Sprachgemeinschaft und damit indirekt die Glaubwürdigkeit seiner Herkunftsangabe prüfen. Zumindest im Falle Arabisch sprechender Flüchtlinge, die seit 2015 rund die Hälfte aller Asylbewerber in Deutschland ausmachten, können die Gutachter auf einen reichen Schatz linguistischer Forschungen zu den zahlreichen Dialekten dieser Sprache zurückgreifen, die von fast 300 Millionen Menschen als Muttersprache und von weiteren 100 Millionen als Zweitsprache gesprochen wird - von Marokko bis Usbekistan.

          Die arabischen Dialekte sind auch kartographisch diffizil. Die Hauptgruppen sind hier farblich zu unterscheiden, Untereinheiten durch Buchstaben, andere Varianten durch Symbole. Eine senkrechte Schraffur bedeutet, dass nur ein Teil der Bevölkerung arabische Dialekte spricht. Somalia bleibt leer, weil dort Hocharabisch zwar eine der offiziellen Sprachen ist, aber keine Muttersprache. Es gibt kein somalisches dialektales Arabisch. Wenn Somalier in einem arabischen Dialekt reden, dann oft jemenitisch, weil es im Jemen viele Flüchtlinge aus Somalia gibt. Bilderstrecke
          Die arabischen Dialekte sind auch kartographisch diffizil. Die Hauptgruppen sind hier farblich zu unterscheiden, Untereinheiten durch Buchstaben, andere Varianten durch Symbole. Eine senkrechte Schraffur bedeutet, dass nur ein Teil der Bevölkerung arabische Dialekte spricht. Somalia bleibt leer, weil dort Hocharabisch zwar eine der offiziellen Sprachen ist, aber keine Muttersprache. Es gibt kein somalisches dialektales Arabisch. Wenn Somalier in einem arabischen Dialekt reden, dann oft jemenitisch, weil es im Jemen viele Flüchtlinge aus Somalia gibt. :

          Einen Eindruck von der Vielfalt der Dialektvarianten vermittelt der 2010 erschienene „Wortatlas der arabischen Dialekte“ der deutschen Orientalisten Peter Behnstedt und Manfred Woidich, aus dem mehrere der hier gezeigten Karten stammen. Das Mammutwerk fasst das gesammelte Wissen über die regionale Verwendung verschiedener Begriffe aus der Alltagssprache zusammen; ähnliche Kartensammlungen gibt es zu lokalen Eigenheiten der Aussprache. Sie belegen einerseits die große Variationsbreite in den Dialekten des Arabischen, die sich teils in etwa so stark unterscheiden wie das Deutsche vom Niederländischen. Gleichzeitig wird deutlich, wie schwierig die Aufgabe der Gutachter ist, sobald es nicht nur um grobe Unterscheidungen geht, wie im Fall eines Tunesiers, der sich als syrischer Bürgerkriegsflüchtling ausgibt, sondern beispielsweise um die Zuordnung zu unmittelbar benachbarten Ländern. Und weil auch die arabischen Dialekte im Wandel sind, lassen sich alte Daten nicht unbedingt auf junge Asylbewerber übertragen. Andererseits zeigt das Beispiel süddeutscher Politiker, die selbst nach vielen Dienstjahren in Berlin alles Mögliche können, außer Hochdeutsch, wie sehr sich die Herkunft eines Sprechers im Zungenschlag widerspiegeln kann. Die Herkunft verrät sich dabei auf verschiedenen linguistischen Ebenen, die in einer Lado allesamt wichtige Hinweise geben könnten. Als Faustregel gilt: Dialekt lässt sich unterdrücken, der Akzent aber bleibt.

          Einen Exilbayern erkennt man noch nach Jahrzehnten

          Auf lexikalischer Ebene gelingt die Anpassung meist recht gut. Nachdem er in einer Spandauer Bäckerei mehrmals verständnislos angesehen wurde, dürfte auch ein eingefleischter Bayer dazu übergehen, nicht mehr „Semmeln“, sondern „Brötchen“, wenn nicht gar „Schrippen“ zu verlangen. Einer Entbajuwarisierung weit schwerer zugänglich ist dagegen die Phonologie: Am gerollten „R“ erkennt man die Herkunft eines Exilbayern oft noch nach Jahrzehnten. Und unter Umständen kann gerade das Bemühen um korrektes Hochdeutsch verräterisch sein.

          Das Bairische veranschaulicht aber auch die Grenzen linguistischer Herkunftsanalysen: Wer als echter Münchner zum Beispiel viel Zeit mit dem Nachwuchs von „Zugroaßten“ verbringt, kennt die Sprachwelt des Münchner Grantlers oft mehr vom Hören als vom Sagen. Andersherum können Kinder einen bayrischen Dialekt auch in Berlin erlernen, wenn er in der Familie intensiv gepflegt wird. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Einstellung zur Sprache und zum Dialekt: Mit einer Portion bayrischen Selbstbewusstseins kann der dialektale Einschlag gerade in der preußischen Diaspora als identitätsstiftend empfunden werden. Wer sich dagegen für seinen Dialekt geniert, wird versuchen, ihn abzulegen, oder erst gar nicht annehmen. Die Zugehörigkeit zu einer Sprachgemeinschaft ist also in erster Linie eine Frage linguistischer Sozialisation. Die geographische Herkunft und erst recht die Staatsangehörigkeit haben darauf nur indirekten Einfluss, auch wenn sich beides in stabilen, traditionellen Gesellschaften oft deckt.

          Schwieriger wird es, wenn jemand mit mehreren Sprachen und Dialekten aufgewachsen ist

          Stabilität ist jedoch genau das, was in der Lebensgeschichte vieler nach Europa kommender Flüchtlinge fehlt. Und ebendies stelle die Grundannahme einer Lado in Frage, meint die Linguistin Monika Schmid von der Universität im südenglischen Essex. „Nehmen Sie einen Syrer, der eine jahrelange Fluchtgeschichte hinter sich hat, mit Etappen in Flüchtlingslagern in Nachbarländern oder bei Verwandten in Kairo. In dieser Zeit kommt er mit Menschen zusammen, die ganz anders sprechen als er, und sein angestammter Dialekt vermischt sich nach und nach mit diesen anderen Varianten des Arabischen. Je länger das geht und je jünger der Betreffende ist, desto schwerer wird es, aus seiner Sprechweise später zuverlässige Hinweise auf seine Herkunft herauszulesen“, sagt Schmid. Erst recht kompliziert werde die Situation, wenn jemand von Anfang an mit mehreren Sprachen und Dialekten aufwachse.

          Schmids Forschungsgebiet ist die Sprachattrition, die Erosion von Muttersprache und Dialekt in einer linguistisch fremden Umgebung. „Die Annahme, dass ein einmal erlernter Dialekt ein Leben lang erhalten bleibt, ist einfach nicht richtig“, sagt Schmid, die auch aus eigener Erfahrung spricht: Als gebürtige Schwäbin zog sie im Alter von zwölf Jahren nach Krefeld und spricht heute reinstes Hochdeutsch. Doch selbst darin hätten die mittlerweile 16 Jahre, in denen sie berufsbedingt zunächst in den Niederlanden und dann in England lebte, ihre Spuren hinterlassen. „Menschen, die wie ich längere Zeit im Ausland leben und eine Zweitsprache sprechen, erleben fast unvermeidlich Probleme mit ihrer Muttersprache“, sagt Schmid. Zum Beispiel Wortfindungsschwierigkeiten, ein verlangsamter Sprachduktus oder wörtlich aus der Zweitsprache übersetzte Redewendungen, bis hin zu einem leichten, für die Zweitsprache typischen Akzent und der Empfindung, sich in der Muttersprache nicht mehr ganz zu Hause zu fühlen.

          Die Mehrheit der forensischen Linguisten war von Anfang an skeptisch

          Solche Verfälschungen gilt es in einer Lado-Analyse ebenso zu berücksichtigen wie die künstliche Gesprächssituation des Interviews. Wenn der Betroffene beispielsweise seinen eigenen Dialekt im Gegensatz zu dem des Interviewers als minderwertig wahrnimmt, unterdrückt er ihn oft unbewusst. Ähnlich kann es einem Schwaben ergehen, der in Hamburg zum Vorstellungsgespräch eingeladen ist. Dass er es mit einem Süddeutschen zu tun hat, dürfte ein muttersprachlich deutscher Arbeitgeber dann wohl noch heraushören, der Unterschied zwischen einem Ulmer und einem Augsburger Einschlag dürfte ihm aber vermutlich entgehen.

          Linguistische Eigenheiten sind also nicht unveränderlich und lassen sich nicht immer zuverlässig einer bestimmten Herkunftsregion, geschweige denn einem bestimmten Staat zuordnen. Welchen Wert haben sie dann für die Aufklärung der Identität von Flüchtlingen ohne Pass? „Als Lados in den Neunzigern eingeführt werden sollten, war die Mehrheit der forensischen Linguisten skeptisch. Eingeführt wurden sie trotzdem“, sagt Schmid. Richtig gemacht und zurückhaltend bewertet, könnten die Analysen aber natürlich schon Anhaltspunkte liefern.

          Schon die Frage, was einen guten Experten ausmacht, ist nicht einfach zu beantworten

          Weil die Gutachten zunächst mehr oder minder nach Gutdünken der jeweiligen Behörde durchgeführt wurden, organisierten sich Linguisten aus aller Welt, um die Möglichkeiten und Grenzen von Lados zu definieren. Im Jahr 2004 verabschiedete die inzwischen an der Universität Essex angesiedelte „Language & Asylum Research Group“ Richtlinien für eine aussagekräftige Durchführung und Bewertung von Sprachanalysen, die heute von den meisten Behörden anerkannt sind. Im Zentrum steht dabei die Forderung nach linguistisch ausgebildeten Gutachtern mit belegten Kenntnissen der fraglichen Sprachen und ihrer Dialekte, nach Beachtung der vielen möglichen Fehlerquellen und nach zurückhaltenden Schlussfolgerungen, die lediglich grobe Wahrscheinlichkeitskategorien angeben sollen, anstatt eine Präzision wie in den Naturwissenschaften zu suggerieren, die es in der forensischen Linguistik so nicht gibt.

          Aber schon der erste Punkt, was genau nämlich einen guten Experten ausmacht, ist nicht unumstritten: Während das Bamf oder die Fachstelle für Herkunftsabklärungen des schweizerischen Bundesamtes für Migration auf studierte Linguisten setzt, glaubt man im Bureau Land en Taal der niederländischen Asylbehörde mit Muttersprachlern besser zu fahren. Für beides gibt es gute Argumente: Tatsächlich haben Muttersprachler meist das bessere Ohr für dialektale Feinheiten, tun sich dafür aber schwerer, diese zu beschreiben und einzuordnen, als linguistische Experten. Am Ende können selbst die besten Experten keine Aussagen über die Staatsangehörigkeit eines Sprechers machen, sondern lediglich eine Wahrscheinlichkeit dafür angeben, welcher Sprachgruppe er angehört.

          Wegen ihrer Anonymität lässt sich die Kompetenz der Gutachter kaum unabhängig überprüfen

          In der arabischen Welt seien viele Landesgrenzen mit dem Lineal gezogen worden, erklärt die jordanische Linguistin Enam Al-Wer, die an der Universität Essex den Wandel arabischer Dialekte untersucht. „Wenn jemand zum Beispiel den ländlichen Dialekt der dichtbesiedelten Hauran-Region in Syrien und Jordanien spricht, lässt sich nur sehr schwer feststellen, ob er nun nördlich oder südlich der Grenze aufgewachsen ist.“

          Noch mehr als an den theoretischen Grundlagen zweifeln Kritiker an der Qualität von Sprachanalysen in der praktischen Durchführung. „Die Praxis ist teilweise dilettantisch, was aber gern in Kauf genommen wird, solange man nur ein Ergebnis präsentieren kann“, meint etwa Bernd Mesovic, der rechtspolitische Sprecher der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. Rechtsstaatlich extrem bedenklich sei vor allem die von den europäischen Asylbehörden gewahrte Anonymität der Gutachter, die es fast unmöglich mache, die Qualifikation der beauftragten Experten unabhängig zu überprüfen. Das Bamf sieht dies anders: Die Anonymisierung von Gutachtern und Antragstellern garantiere Neutralität und schütze Gutachter vor Drohungen oder Korruption.

          Wirtschaftliche Lösung mit fatalen Folgen

          Was in der Praxis schiefgehen kann, wenn die Kompetenz eines Gutachters nicht nachvollziehbar ist und wenn das ganze Analyseverfahren noch dazu aus Kostengründen outgesourct wird, zeigt der Fall der schwedischen Spezialfirma Sprakab, die von 2000 bis 2014 sämtliche Sprachanalysen für das britische Innenministerium durchführte. Bereits 2010 kam der kanadische Linguist Derek Nurse in einer Stellungnahme für das britische Berufungsgericht für Asylfragen zu einem vernichtenden Urteil über die Qualität der Sprakab-Analysen im Fall von Flüchtlingen, die laut eigener Aussage zur Minderheit der Bajuni gehören, die auf kleinen, der Küste vorgelagerten Inseln im Süden Somalias leben. Die rund hundert Analysen, die er gesehen habe, liefen praktisch jeder der 2004 erstellten Richtlinien zuwider und seien offensichtlich von Gutachtern mit fragwürdiger bis nicht vorhandener Qualifikation erstellt worden, erklärte Nurse. „Analysen und Schlussfolgerungen in diesen Fällen sind kurz, nachlässig, werden nicht von Evidenz gestützt und sind nicht überzeugend“, so die Schlussfolgerung des Experten für ostafrikanische Sprachen. Es sei unklug, auf Basis derart unglaubwürdiger Analysen Entscheidungen zu fällen.

          Als Recherchen des schwedischen Fernsehens 2014 nahelegten, dass ein mit zahlreichen Fällen von Bajuni-Somaliern betrauter Sprakab-Mitarbeiter sowohl über seine schwedische Staatsbürgerschaft als auch über seine akademische Ausbildung gelogen hatte und noch dazu eine Vorstrafe wegen Drogenhandels habe, zog das seinerzeit von Theresa May geführte Innenministerium Konsequenzen. Man wechselte allerdings lediglich den Anbieter. Die ebenfalls schwedische Firma Verified leistet Monika Schmid zufolge zwar tatsächlich bessere Arbeit. Der Verdacht, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit solcher Firmen zu Gefälligkeitsgutachten und am Ende gar zur Abschiebung wirklich aus Somalia stammender und damit vermutlich asylberechtigter Bajunis nach Kenia geführt haben könnte, ist damit aber nicht ausgeräumt.

          Die britische Praxis gilt unter Fachleuten als Beispiel für das unterste Ende der Qualitätsskala. Einen vergleichsweise vorbildlichen Ruf hat dagegen die Fachstelle für Herkunftsabklärungen des Schweizer Staatssekretariats für Migration, und auch die Vorgehensweise des Bamf in Deutschland wird von den meisten Linguisten relativ gut bewertet.

          Sprachanalysen sind keine Fingerabdrücke

          Unterm Strich ist von Forschern auf dem Gebiet aber wenig Begeisterung über die regionale Detailschärfe von Sprachanalysen zu spüren. Die tatsächliche Nationalität eines Flüchtlings aufzuklären, der keine Papiere hat und an dessen eigenen Angaben Zweifel bestehen, ist eine schwierige Aufgabe, für die eine linguistische Analyse lediglich Anhaltspunkte für die ungefähre Herkunftsregion liefern kann. Die Gefahr ist allerdings, dass solchen Analysen aufgrund der vermuteten wissenschaftlichen Autorität mehr Gewicht beigemessen wird, als ihnen gebührt. Anders als Fingerabdrücke oder DNA-Spuren können sie allerdings keine harten Beweise liefern, sondern lediglich Wahrscheinlichkeiten über die mögliche Herkunft eines Sprechers. In vielen Fällen reichen die aus - ein Asylbewerber mit maghrebinischem Dialekt dürfte höchstwahrscheinlich nicht aus Syrien kommen -, aber eben nicht in allen. Auf welcher Seite der syrisch-jordanischen Grenze jemand aufwuchs, lässt sich aus seiner Sprechweise kaum ablesen.

          Der Orientalist Manfred Woidich, der als Professor an der Universität Amsterdam in den neunziger Jahren selbst an Gutachten für die niederländischen Behörden beteiligt war, hält daher in den meisten Fällen das simple Abfragen von Lokalwissen für eine gut geeignete Methode. Obwohl diese Art der Evidenz keine wissenschaftliche Aura besitzt: „Wenn jemand behauptet, aus Aleppo zu kommen, aber nicht weiß, wo dort der Suk ist oder wo das berühmte Baron Hotel steht, dann kann man jedenfalls schon mal getrost ein Fragezeichen hinter seine Herkunftsangabe machen. Das ist so, als wüsste ein Münchner nicht, wo der Viktualienmarkt ist oder wie die Frauenkirche aussieht.“

          Quelle: F.A.S.

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