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Nachsichtige Bewertungen : Tausche gute Noten gegen Wohlverhalten

  • -Aktualisiert am

Gutes Verhalten, gute Note? Lehrer sind davon abhängig, dass Schüler sie nicht ablehnen. Bild: dpa

Schüler schneiden bei Prüfungen immer besser ab. Dass das an ihren Leistungen liegt, glaubt niemand. Was also steckt dahinter?

          In vielen Berufen der modernen Gesellschaft muss man in der Lage sein, seinem Gegenüber etwas deutlich Unwillkommenes zuzumuten, ohne sich durch den zu erwartenden Aufschrei rühren zu lassen. Das gilt zum Beispiel für Verkehrspolizisten, für die Bediensteten der öffentlichen Verwaltung, für Lehrer an Schulen und Hochschulen. Die Fähigkeit, die notwendigen Grausamkeiten zu begehen, ist freilich sehr ungleich entwickelt, und vor allem die Lehrer scheinen hier stärkere Beißhemmungen zu haben als andere Berufe. Die Zensuren, die sie geben, werden jedenfalls besser und immer besser.

          Für den besonderen Fall der Examensnoten an deutschen Hochschulen haben dies jetzt die Flensburger Bildungsökonomen Volker Müller-Benedict und Gerd Grözinger gezeigt. Aus nicht weniger als 138 000 archivierten Prüfungsakten haben sie die langfristige Entwicklung der universitären Abschlussnoten seit den sechziger Jahren rekonstruiert. Die Wahl dieses weiten Untersuchungszeitraums hat sich als sinnvoll erwiesen, denn während es kurzfristig auch Phasen einer strengeren Bewertung gegeben hat, offenbar vor allem in Anpassung an wahrgenommene Arbeitsmarktengpässe, geht der Langfristtrend eindeutig nach oben, von den bekannten Ausnahmen in Jura und Maschinenbau hier einmal abgesehen. Dass dieser Besserbewertung eine wirkliche Leistungssteigerung entspricht, glaubt niemand.

          Tauschbasis darf nicht überall aufgebaut werden

          Wie kann man dieses Ausweichen der Hochschullehrer vor einer der Hauptschwierigkeiten ihres Berufes erklären? Eines der besten Bücher über soziale Beziehungen hat der österreichisch-amerikanische Soziologe Peter M. Blau geschrieben. Ihm zufolge ist es eine normale und gleichsam natürliche Entwicklung der Dinge, dass Gesprächspartner miteinander tauschen. Man behandelt den anderen respektvoll, lacht über seine Scherze, unterstützt ihn in seinen Meinungen – all dies natürlich in der stillschweigenden Hoffnung, er werde sich dafür durch gleichartiges Verhalten erkenntlich zeigen. Die Hilfe kann ihren Empfänger freilich nur dann zu Dank verpflichten, wenn der Helfende jederzeit bestreiten kann, auf Gegenleistungen zu spekulieren. Der Tauschcharakter solcher Einigungen bleibt daher latent.

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          Dieses Nettsein auf uneingestandener Tauschbasis muss nun aber Blau zufolge in vielen Situationen der modernen Gesellschaft entmutigt werden, und zwar überall dort, wo man Anwesende nach festen Sachkriterien und also ohne Ansehen der Person behandeln soll. Es ist dem Polizisten nicht gestattet, mit dem Verkehrssünder zu tauschen, weil dann die Durchsetzung der Straßenverkehrsordnung davon abhinge, wer wem was bieten kann. Ähnlich darf der Beamte sich nicht um die persönliche Wertschätzung des Antragstellers bewerben, denn die könnte ja an seiner Bereitschaft zum Rechtsbruch hängen. Aus demselben Grund sollte auch der Lehrer sich, was immer Pädagogen dazu sagen mögen, nicht um Zuwendung und Zuneigung einzelner Schüler bemühen.

          Lehrer ist auch abhängig von Schülern

          Man muss sich klarmachen, dass mit dieser Forderung sehr viel verlangt wird. Der tägliche Publikumsverkehr eignet sich nicht mehr für Selbstdarstellung und Achtungsgewinn. Also müssen die Praktiker ihre Wertschätzung aus anderen Quellen beziehen, darunter vor allem von Arbeits- und Fachkollegen. Der Verzicht auf tauschförmige Einigung mit den anwesenden Klienten muss also selber als Tauschgut fungieren, nämlich im Verhältnis zu den abwesenden Kollegen. Blau nennt das indirekten Tausch.

          Aber auch solche Lehrer, die Rückendeckung im Kollegium haben, wenn sie schlechte Leistungen als solche bezeichnen, stoßen auf eine Schwierigkeit, die sich für den Verkehrspolizisten und den Beamten nicht stellt. Diese beiden können ihre Arbeit tun, ohne sich um die freiwillige Kooperationsbereitschaft ihres jeweiligen Publikums zu bemühen. Der Lehrer dagegen ist davon abhängig, dass die Schüler ihn und seine Erziehungsversuche nicht einfach ablehnen. Die Versuchung, aus der Notengebung ein Tauschgut zu machen und sich für Wohlverhalten im Unterricht durch den Verzicht auf Härten bei der Benotung zu revanchieren, ist groß. Ähnlich bieten ja auch Polizisten, sobald sie von der Zusammenarbeit mit dem Verbrecher abhängen, Strafnachlass im Austausch für Indiskretion an.

          Durchschnitt mit angeben

          Damit soll das Problem der nachsichtigen Notengebung aber nicht verharmlost werden. Es besteht vor allem darin, dass die Personalauslese unter all den vermeintlich guten und sehr guten Absolventen sich eines schönen Tages nach den Auswahlgesichtspunkten des Arbeitgebers richten wird, der dann etwa nur ökonomische Vorzüge suchen mag, während man bei strengerer Bewertung an Schulen und Hochschulen immerhin die Chance hätte, auch spezifisch pädagogische Kriterien zur Geltung zu bringen. Den Ratschlag der Bildungsökonomen aus Flensburg, zusammen mit jeder Note immer auch den Durchschnitt des Jahrgangs in dem betreffenden Fach anzugeben, kann man daher nur unterstützen.

          Volker Müller-Benedict, Gerd Grözinger: „Noten an Deutschlands Hochschulen“, Wiesbaden 2017; Peter M. Blau: „Power and Exchange in Social Life“, New York 1964

          Quelle: F.A.S.

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