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Generation Pisa : Mathe-Rankings bringen nichts

Internationale Bildungsvergleiche, wie zum Beispiel Mathe-Rankings sind bei Politikern sehr beliebt. Bild: dpa

Die Resultate internationaler Bildungsvergleiche wie „Pisa“ darf man nicht lesen wie die Bundesligatabelle. Hier sind ganz andere Maßstäbe gefragt.

          Im Juli 2016 machte der britische Schulminister Nick Gibb mal eben 41 Millionen Pfund für achttausend Grundschulen im Königreich locker. Das Geld war aber nicht etwa für zusätzliche Lehrer bestimmt. Vielmehr sollten die Schulen damit unterstützt werden, Mathematik-Lehrmethoden zu übernehmen, wie sie in Schanghai oder Singapur üblich sind. Auslöser waren Pisa-Ergebnisse von 2012, bei denen die Mathekünste von 15-Jährigen verschiedener Länder und Regionen verglichen worden waren. Die jeweiligen gemittelten Leistungspunkte ließen sich zu einer Rangliste ordnen, und die sieben Spitzenreiter darin waren Schanghai, Singapur, Hongkong, Taiwan, Südkorea, Makao und Japan.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Politiker lieben Ranglisten mindestens so sehr wie andere Bürger. Ob Song Contest oder olympische Medaillenausbeute, je höher die Plazierung der eigenen Landsleute, desto zufriedener die Nation, und je niedriger, desto reformbedürftiger erscheinen die zuständigen Strukturen. Doch kürzlich haben zwei Statistiker aus Boston im Wissenschaftsmagazin „Science“ erklärt, warum man mit den Resultaten internationaler Bildungsvergleiche so besser nicht umgehen sollte. Und sie artikulieren Zweifel an der Annahme, schulpolitische Maßnahmen als solche, welcher finanziellen Ausstattung auch immer, könnten deutsche, italienische oder eben britische Schüler im Pisa-Ranking zu ihren asiatischen Altersgenossen aufschließen lassen.

          Hinkende Leistungsvergleiche

          Da wäre nämlich erstens das Problem, dass die verglichenen Stichproben keineswegs immer repräsentativ für die Altersgruppe der beprobten Region sind. So seien etwa in China bis vor kurzem die Kinder neu vom Land zugezogener Familien nicht zu den großstädtischen Schulen zugelassen gewesen. Als Folge davon sei der Pisa-Rang Schanghais, der Minister Gibb besonders beeindruckte, von einer Schülergruppe erstritten worden, in der 27 Prozent der 15-jährigen Schanghaier fehlten – und darunter gerade solche, die den Schnitt wohl eher gesenkt hätten.

          Das zweite Problem ist, dass Länder mit zentralisierten Bildungssystemen (etwa von Stadtstaaten wie Singapur) nicht sinnvoll mit in dieser Hinsicht dezentral organisierten (wie Deutschland) verglichen werden können. Dazu seien bei Letzteren die Schwankungen auf der unteren Ebene zu groß. So führen die Autoren des Science-Artikels den amerikanischen Bundesstaat Massachusetts an. Als der 2015 separat an einer Pisa-Studie teilnahm, welche die Lesefähigkeit testete, war das Leistungsniveau der jungen Ostküsten-Amerikaner von dem ihrer asiatischen Altersgenossen nicht zu unterscheiden. Deutschlands 16. Platz in Mathematik auf der Pisa-Hitliste von 2015 ist aber nicht nur deswegen keine Zahl, an der sich Bildungspolitiker orientieren sollten, weil da zum Beispiel Bayern und Bremen homogen verrührt wurden, sondern auch, weil die Streuung um den bundesweiten Mittelwert so breit war, dass das sogenannte 95-Prozent-Konfidenzintervall deutlich mit dem von Kanada (Rang 10) und Südkorea (Rang 7) überlappte. Die Mathekenntnisse in den drei Staaten waren in der betrachteten Altersgruppe also statistisch nicht wirklich verschieden.

          Weiter ist aus Leistungsunterschieden, die es tatsächlich gibt, noch nicht abzuleiten, wodurch die bedingt wurden. Das sei den Daten unmöglich zu entnehmen, schreiben die Science-Autoren, da immer mehr Einzelursachen denkbar sind, als Länder und Regionen verglichen werden. Selbst wenn zum Beispiel die Längen der Lehrerausbildung stark mit den Pisa-Mittelwerten korrelieren würden, kann Erstere nicht als Ursache für Letztere isoliert werden, denn der Einfluss anderer Umstände bleibt unbekannt.

          Und schließlich könnten diese Ursachen auch außerhalb dessen liegen, was bildungspolitisch beeinflussbar ist. Im Fall Südkoreas deutet sich das an. Bei dem Pisa-Test 2012 hatte die Hälfte der dortigen Teilnehmer angegeben, private Nachhilfe erhalten zu haben, oft solche, die gezielt auf Prüfungssituationen vorbereitet. Insgesamt investierten die Südkoreaner 2,6 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Nachhilfe für ihre Kinder, die Regierung hingegen auch nur 3,5 Prozent in die Schulbildung. So könne man sagen, dass der südkoreanische Pisa-Rang zu einem erheblichen Teil privat finanziert ist und keine reine Leistung des staatlichen südkoreanischen Bildungssystems.

          Das alles bedeute aber keineswegs, betonen die beiden Statistiker aus Boston, dass Pisa, Timms & Co. überflüssige Übungen seien. So nennen sie das Beispiel einer Analyse, die 2015 aus Daten der Pisa-Erhebung von 2012 herausdestillierte, dass in Australien Kinder asiatischer Einwanderer aus Regionen, die im Pisa-Ranking ganz oben stehen, auch im wesentlich schlechter plazierten Australien Punktzahlen wie in den Ursprungsländern ihrer Eltern erzielten – was nahelege, dass familiäre (und damit auch wieder der Bildungspolitik entzogene) Faktoren beim asiatischen Pisa-Wunder zumindest auch eine Rolle spielen. Solche Untersuchungen, die nicht einfach nur simpel die national aggregierten Daten aufzählen, erschienen jedoch oft erst Jahre nach den medienwirksamen und zu politischem Aktionismus anstiftenden Hitlisten.

          Judith D. Singer, Henry I. Braun: „Testing international education assessments“, Science 360, 38 (6. April 2018).

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