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Kartographie : Die ganze Welt in Menschenhand

Globus-Puzzle anno 1866: Setzt man die Bilder auf den Segmenten richtig zusammen, ergibt sich an der Außenfläche der 17 Zentimeter großen Kugel die richtige Weltkarte. Bild: © British Library, London

Wer die Erdoberfläche unverzerrt darstellen möchte, braucht einen Globus. Doch der ist auch Symbol, Meditationsobjekt und nicht zuletzt repräsentativer Einrichtungsgegenstand.

          Zögernd nähert sich der große Diktator der bunten Kugel. Schließlich hebt er sie mit verzückter Mine aus ihrer Halterung, lässt sie auf dem Finger rotieren und führt dann mit ihr zu den Klängen aus Wagners Lohengrin den vielleicht lustigsten Pas de deux der Filmgeschichte auf. Wie mochte Charlie Chaplin, der in seiner Hitler-Parodie von 1940 nicht nur beide Hauptrollen spielte, sondern auch Regie, Drehbuch, Produktion und Teile der Filmmusik verantwortet, nur auf diese Idee gekommen sein?

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vielleicht hatte er Bilder der Innenausstattung der 1939 bezogenen Neuen Reichskanzlei in Berlin gesehen. Eines davon zeigt den „Reichskabinettsaal“, in dem auch ein riesiger Globus zu sehen ist. Ein zweiter ist in Hitlers 400 Quadratmeter großem Arbeitszimmer zu erkennen. Es handelte sich um „Großgloben für Staats- und Wirtschaftsführer“, die in den 1930er Jahren in kleiner Serie vom damals in Berlin-Lichterfelde ansässigen Columbus Verlag hergestellt wurden. Für die von der nationalsozialistischen Regierung bestellten Exemplare (das des Außenministers von Ribbentrop ist heute im Deutschen Historischen Museum zu sehen) hatte Hitlers 1934 verstorbener Lieblingsarchitekt Paul Ludwig Troost eigens eine hölzerne Halterung in jenem grobschlächtigen Blut-und-Boden-Stil entworfen, dem auch die von Albert Speer gebaute Neue Reichskanzlei ausgiebig frönte.

          Zerbeultes Aluminium ist alles, was von Hitlers Globus übrig blieb. Das Bild entstand 1947 im Garten der ehemaligen Reichskanzlei.
          Zerbeultes Aluminium ist alles, was von Hitlers Globus übrig blieb. Das Bild entstand 1947 im Garten der ehemaligen Reichskanzlei. : Bild: Bundesarchiv, Bild 183-M1204-316 / Donath, Otto

          Doch ging der reale Hitler dort seinen Machtphantasien sehr wahrscheinlich nicht an der Weltkugel nach. Auf den erwähnten Bildern stehen die Columbus-Globen dekorativ in der Ecke. Ob Hitler sie jemals näher beachtet hat, ist fraglich. Sein Interesse an der Welt als empirischem Gegenstand hielt sich in Grenzen, Bilder, die ihn mit Globus zeigen, gibt es keine. Zum Glück, denn sonst wäre vielleicht ein Symbol kompromittiert, das durchaus nicht nur auf morbide Weltmachtgelüste verweist und dem unter anderem das Wikipedia-Logo sowie das der Vereinten Nationen zugrunde liegen.

          Was aber steckt hinter dem Symbol? Auf jeden Fall eine lange Geschichte. Stilisierte Weltkugeln finden sich bereits auf römischen Münzen, und spätestens mit der Krönung Kaiser Heinrichs II. durch Papst Benedikt VIII. im Jahr 1014 wurde der „globus cruciger“, der Reichsapfel, zum Herrschaftszeichen. Denn entgegen einem Mythos, der seit der Neuzeit das angeblich dunkle Mittelalter verunglimpfen will, war die Kugelgestalt der Erde seit der Antike allgemein bekannt, und diese Einsicht ging auch im lateinischen Westen nie verloren. Die alte homerische Vorstellung von der Erde als einer Scheibe war jedenfalls spätestens am Ende des fünften Jahrhunderts vor Christus obsolet.

          Erdenrund und Himmelskugel

          Bereits im frühen vierten Jahrhundert vor Christus lässt Platon im Dialog „Phaidon“ Sokrates die ideale Erde beschreiben, „wie wenn jemand sie von oben anschaut“. Einem solchen Betrachter erschiene sie nämlich „wie die Bälle, die aus zwölf Lederstücken bestehen, farblich verschieden markiert“. Der früheste Hinweis auf einen tatsächlich hergestellten Erdglobus findet sich in römischen Quellen über den griechischen Philosophen Krates von Mallos. Der fertigte demnach um das Jahr 150 vor Christus ein Modell der Erdkugel an, wobei er natürlich nur die „Oikoumene“ (wörtlich „die Bewohnte“) eingezeichnet haben konnte, also die in Europa damals zumindest vom Hörensagen bekannte Welt zwischen der Meerenge von Gibraltar und dem Fernen Osten. Allerdings vermutete Krates bereits die Existenz einer „Anti-Oikoumene“ auf der Südhalbkugel, die er jedoch für unerreichbar hielt, da sie jenseits der als lebensfeindlich heiß angenommenen Äquatorregion liege.

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