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Gelehrtendynastien der DDR : Verfolgt, geehrt und umstritten

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Geboren in Kamerun, vertrieben aus Österreich und den Vereinigten Staaten, sah Ingeborg Rapoport zuletzt die DDR untergehen, die sie mitaufgebaut hatte. Bild: Christian Thiel

In der Forschung hat der Name Rapoport einen guten Ruf. Die Familie hat etliche Wissenschaftler hervorgebracht, wegen ihrer politischen Überzeugung in der Vergangenheit aber auch viel einstecken müssen.

          Gelehrten-Dynastien gab es auch in der sozialistischen und sich egalitär gebenden DDR. Man könnte die Kuczynskis, Thiessens, Fuchsens und Coutelles nennen. Oder eben die Rapoports. Bemerkenswert ist, dass viele von ihnen einen jüdischen Hintergrund hatten. Auch die Familie Rapoport. In ihrem Schicksal und ihrem Verhalten spiegeln sich beispielhaft Fragen der deutschen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert, und das nicht allein in politischer und menschlicher Hinsicht, sondern gerade auch im Bereich der Wissenschaften.

          Mitja Samuel Rapoport und sein 1947 geborener Sohn Tom haben nachhaltig die Entwicklung der Biochemie in der DDR geprägt. Als Mitja Samuel 1952 in die DDR kam und die Leitung des Instituts für Biologische und Physiologische Chemie der Humboldt-Universität zu Berlin übernahm, war buchstäblich Aufbauarbeit zu leisten. Sowohl in wissenschaftlicher wie in materieller Hinsicht, denn das Institut war in einem beklagenswerten und quasi verlassenen Zustand. Wie fast alle Einrichtungen der stark zerstörten Universität war es in einer Halbruine untergebracht, in der die Heizung und andere technische Anlagen nur unzureichend funktionierten.

          Dass das Institut binnen kurzem wieder arbeitsfähig wurde und in den folgenden Jahrzehnten die biochemische Forschung und Ausbildung in der DDR prägen sollte, war nicht allein dem Elan, der Durchsetzungsfähigkeit und der Kompetenz des neuen Institutsdirektors geschuldet, sondern auch der Tatsache, dass sich andere aufbauwillige Enthusiasten und junge Studenten von Rapoports Begeisterungsfähigkeit und fachlicher Souveränität angezogen fühlten. Das machte ihn zum Haupt einer einflussreichen Schule.

          Schreibt mehr sozialistische Bücher!

          Mehrere Generationen haben sein 1962 erschienenes Lehrbuch „Medizinische Biochemie“ studiert, das er innerhalb weniger Monate niedergeschrieben hatte. Entstanden war das Buch aus dem täglichen Ärger heraus, dass es in der DDR an gutem Lehrmaterial mangelte und viele Studenten nach Büchern lernen mussten, die oft vor 1945 geschrieben waren und in Westverlagen erschienen. Wie auf anderen Gebieten wollte man auch hier gegenüber dem politischen Gegner an Profil gewinnen und sich von westlichen Importen „störfrei“, das heißt ökonomisch unabhängig machen. Hinzu kam, dass aufgrund der währungspolitischen Spaltung Deutschlands und des permanenten Devisenmangels der DDR die Westbücher für viele Studenten finanziell unerschwinglich waren. Sie gelangten zumeist über inoffizielle Kanäle in die DDR, was zwar hingenommen, aber offiziell nicht gern gesehen wurde und zudem die eigene ökonomische Schwäche offenbarte. Die Hochschullehrer waren so über ihre eigene Motivation hinaus angehalten, „sozialistische“ Lehrbücher zu schreiben.

          Typisch für Rapoport, für den nach eigenem Bekunden stets die Partei und der Sozialismus Priorität hatten und danach erst Wissenschaft und Familie rangierten, war, dass er den vermeintlichen Parteiauftrag als eine schöpferische Herausforderung empfand und ein Lehrbuch konzipierte, das seine amerikanischen Erfahrungen zur Grundlage machte und in der Art der Fragestellungen, der kritischen Beurteilung der gewonnenen Erkenntnisse und der verständlichen Darstellung der biochemischen Phänomene hohe wissenschaftliche Standards vermittelte. Dies war ein vergleichsweise anderer und moderner Geist, der sich von der üblichen autoritären Didaktik deutscher Lehrbücher erfreulich absetzte. Es war deshalb keineswegs zufällig, dass Rapoports Lehrbuch neun Auflagen mit etwa 600.000 Exemplaren erlebte. Nicht nur die Studenten in der DDR nutzten es eifrig, über die Hälfte der Auflage ging in den Westen und wurde dort vielfach dem dortigen Klassiker, Karlsons Lehrbuch der „Biochemie für Mediziner“ vorgezogen. Rapoport brachte der DDR erhebliche Deviseneinnahmen, von denen er aber selbst nicht profitierte. Dennoch beförderten die DDR-Tantiemen den bescheidenen Wohlstand der Familie.

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