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Sitzenbleiber : Die ungeliebte Ehrenrunde

  • -Aktualisiert am

Auch Mädchen bleiben kleben. Nur etwas weniger häufig als Jungen Bild: Imago

Wieder sind in Deutschland viele tausend Schüler sitzengeblieben. Der Streit, ob so etwas sein muss, geht weiter.

          Repetenten bitte aufstehen!“, hieß es am ersten Tag nach den großen Ferien, als Heinz-Peter Meidinger in die siebte Klasse kam – und das schon zum zweiten Mal, denn der gebürtige Regensburger war einer jener Sitzenbleiber, deren Gesicht sich der Lehrer einprägen wollte. „Damals war es an bayrischen Schulen ganz normal, dass bis zu einem Drittel der Schüler eine Jahrgangsstufe wiederholten. Und das meist ohne große Vorwarnung oder Krisengespräche mit Lehrer und Eltern“, erzählt Meidinger, der es trotz seiner Ehrenrunde zu etwas gebracht hat. Der 62-Jährige ist Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf und neuer Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

          Wegen mangelhafter Leistungen in Kernfächern das ganze Jahr wiederholen zu müssen ist doof. Das finden nicht nur die Betroffenen. „Sitzenbleiben bedeutet eine große Kränkung des Selbstwertgefühls und demotiviert. Und weil sie ja in der Regel nicht in allen Fächern Nachholbedarf haben, langweilen sich die Betroffenen und stören den Unterricht“, sagt Klaus Seifried. Der Berliner Schulpsychologe hält nichts von Abschreckung. „Der große Motivator in der Schulen ist Erfolg, nicht das Androhen von Strafe.“

          Es trifft nicht mehr so viele wie früher

          Im Prinzip sind sich Bildungsforscher und Pädagogen darüber einig, dass schon einiges schieflaufen muss, bevor es zur Nichtversetzung kommt, und dass rechtzeitiges Gegensteuern immer besser ist. Tatsächlich hat sich seit Meidingers Schulzeit einiges getan. In Deutschland wiederholten im Schuljahr 2015/16 nur rund 146000 von 8,3 Millionen Schülern an allgemeinbildenden Schulen eine Klasse, das sind 1,8 Prozent. Am höchsten lag diese Rate mit 4,2 Prozent in Bayern. Etwas mehr als die Hälfte dieser Sitzenbleiber waren Jungs, aber auch Mädchen sind durchaus nicht gegen Fünfer und Sechser in Kernfächern immun.

          Mit 1,8 Prozent hat sich die Sitzenbleiberrate damit allein seit dem Jahr 2000 fast halbiert. Doch über die Jahre kumulieren sich auch kleine Zahlen deutlich. In der letzten Pisa-Studie von 2015 gaben gut 18 Prozent aller 15-Jährigen an, bisher wenigstens ein Jahr wiederholt zu haben. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld: In Belgien oder Polen war fast ein Drittel der Jugendlichen schon mal sitzengeblieben, in Großbritannien dagegen nur 2,8 Prozent. Großbritannien gehört allerdings zu jener Hälfte der europäischen Länder, deren Schulsystem kein automatisiertes Sitzenbleiben beim Verfehlen gewisser Zensuren kennt. Eine Jahrgangswiederholung ist dort die große Ausnahme, die von der Schule auf Antrag genehmigt, nicht aber verordnet wird.

          Stigma oder neue Chance?

          Aus solchen Zahlen lassen sich allerdings nur bedingt Rückschlüsse auf die große Frage ziehen, welche Auswirkungen die Ehrenrunde für die betroffenen Schüler hat. Ist sie der Schuss vor den Bug, den pubertierende Jugendliche mit null Bock auf Schule brauchen und der ihnen die Möglichkeit bietet, den Rückstand in Ruhe aufzuholen? Oder brandmarkt das Sitzenbleiben die Betroffenen und nimmt ihnen erst recht jede Motivation?

          Das hängt ganz von den individuellen Umständen ab. Meidinger teilt die versetzungsgefährdeten Wackelkandidaten in drei etwa gleich große Gruppen auf. Da seien zunächst Schüler mit einer vorübergehenden Leistungsschwäche – sei es, weil der Lehrer nicht passt, die Freundin Schluss gemacht hat oder eine Familienkrise die Schule zwischenzeitlich in den Hintergrund rücken ließ. „In diesen Fällen ist das Sitzenbleiben unnötig. Wenn die akuten Probleme gelöst sind und sie die nötige Hilfestellung erhalten, können solche Schüler den verpassten Stoff auch wieder aufholen“, sagt Meidinger. Ein weiteres Drittel sei aber gerade am Gymnasium schlicht dauerhaft überfordert, hier sei ein Wechsel der Schulform oft das Beste für Zensuren und Motivation. Für die dritte Gruppe, die Meidinger als „entwicklungsverzögert“ bezeichnet, könne das Wiederholen eines Jahres dagegen ein wahrer Segen sein. Dazu zählten unter anderem Schüler, die besonders jung eingeschult wurden und diesen Rückstand nie aufholen konnten. Gerade in der Pubertät drifte aber auch der Entwicklungsstand Gleichaltriger stark auseinander. Für diese Gruppe könne das Sitzenbleiben eine dauernde Überforderung beenden, glaubt Meidinger.

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