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Schriftlichkeit : Die Wiederkehr der Hieroglyphen?

Piktogramme für „Frau“ in altägyptischen Hieroglyphen, minoischem Linear B, klassischem Maya und modernem Chinesisch. Bild: F.A.Z. Grafik Heumann

Das Schreiben in Bildern hat eine große Vergangenheit, aber trotz Emojis & Co. wahrscheinlich keine Zukunft.

          In jeder Sprache lässt sich alles sagen, befand einmal der Münchner Philosoph Albert Keller, nur nicht alles in allen Sprachen gleich leicht. Kehrt man die These um, dann wäre eine Sprache ein Zeichensystem, mit dem man alles sagen kann, was überhaupt sagbar ist. Oder anders: Womit man nicht im Prinzip alles sagen kann (notfalls unter Einführung zusätzlichen Vokabulars), das ist auch keine Sprache.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit Emojis lassen sich auch ohne jede Einbettung in alphanumerischen Text Mitteilungen formulieren – auch und gerade solche über Gefühlsregungen –, und die Zahl der Bildzeichen ist theoretisch unbegrenzt erweiterbar. Das scheint Emoji-Folgen ein ähnliches Potential für die menschliche Kommunikation zu verleihen, wie es Sätzen in auf Lautfolgen basierender Sprache eigen ist. Und wenn heute der Kroate mit der Koreanerin per Emoji-Folge kommunizieren kann, ganz ohne Englischkenntnisse bemühen zu müssen, wäre da nicht ein geeigneter Ausbau des Prinzips Emoji ein Weg zur Völkerverständigung ohne die Zumutung des Fremdsprachenerwerbs?

          Am Anfang war das Piktogramm

          Immerhin hat das Schreiben einst mit dem Zeichnen begonnen. Ist man in der Terminologie hinreichend großzügig, dann ist bereits in manchen Höhlenmalereien der Altsteinzeit eine Art Protoschriftlichkeit zu sehen. Die Zeichnungen von Mammuts oder Wildpferden dürften ja zumindest teilweise nicht nur konkrete Tiere dargestellt haben, etwa solche, mit denen man ein bestimmtes Jagderlebnis hatte, sondern Mammuts und Wildpferde an sich.

          Zeichen, die das bezeichnen, was sie bildlich darstellen, heißen Piktogramme. In den allerersten Schriftsystemen, die sich im späten vierten Jahrtausend vor Christus im mesopotamischen Sumer und vielleicht sogar noch etwas früher in Ägypten herausbildeten, spielten Piktogramme am Anfang eine große Rolle. Bei der ägyptischen Hieroglyphenschrift ist das augenfällig, aber auch die Keilschriftzeichen der Sumerer gehen auf zeichnerische Abbildungen zurück. In anderen antiken Schriftsystemen begegnet man ebenfalls Piktogrammen.

          Texte voller Vögel

          Doch nicht alle gegenständlich anmutenden Schriftzeichen sind echte Piktogramme, andernfalls müsste es in altägyptischen Texten vor allem um Vögel gehen. Von den etwas über 700 Hieroglyphen des klassischen Ägyptisch sind mehr als 50 Bilder von Federvieh, während Zeichen in Form anderer Tiere, darunter der wichtigen Nutztiere, weit seltener sind. Zudem gibt es viele Begriffe, die sich nicht so ohne weiteres bildlich darstellen lassen, man denke an „laufen“, „schön“ oder „Gerechtigkeit“. Für diese gibt es die Möglichkeit, sogenannte Ideogramme einzuführen.

          Im Gegensatz zu den Piktogrammen müssen Ideogramme das Bezeichnete nicht abbilden, sondern nur noch irgendwie symbolisieren: etwa eine Reihe aus drei Strichen die Zahl drei. Ideogramme sind also eine allgemeinere Form von Piktogrammen. Sie lassen sich jedoch nicht notwendig unmittelbar erfassen, sondern müssen zumeist erlernt werden, wie ein Fahrschüler eben lernen muss, was ein rot umrandeter Kreis bedeutet, oder der Chemielaborant, was der Totenkopf mit den gekreuzten Knochen soll. Das sind alles Beispiele für Ideogramme, ebenso wie „%“ oder „$“, mathematische Symbole oder eben Emojis.

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