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Rätselhaftes Bewusstsein : Wie kommt der Geist in die Natur?

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Bewusste Elementarteilchen?

Für die radikalere Version eines Zwei-Aspekte-Monismus besteht der intrinsische Aspekt der Realität im Bewusstsein. Diese Position unterscheidet sich klar vom subjektiven Idealismus, dem zufolge die physikalische Welt nur eine Struktur im menschlichen Bewusstsein ist und eine äußere Welt in gewissem Sinne eine Illusion. Für den Zwei-Aspekte-Monismus existiert die externe Welt vollständig unabhängig vom menschlichen Bewusstsein. Freilich würde sie nicht unabhängig von jeder Art von Bewusstsein existieren, weil alle physikalischen Dinge mit gewissen Formen von Bewusstsein ihrer selbst assoziiert sind, als ihre intrinsischen Realisierer, als ihre Hardware.

Gegen den Zwei-Aspekte-Monismus als Lösung des harten Problems des Bewusstseins sprechen einige Einwände. Am häufigsten wird behauptet, dass er auf Panpsychismus hinauslaufe: die Ansicht, dass alle Dinge mit einer Form von Bewusstsein assoziiert sind. Für die Kritiker ist es einfach zu wenig plausibel, dass fundamentale Partikel bewusst sein sollen. Und in der Tat muss man sich an eine solche Theorie erst gewöhnen. Man überdenke freilich, was als Alternative bleibt. Ausgehend von der Wissenschaft, ist ein Dualismus nicht plausibel. Physikalismus hat die Zielrichtung, dass der wissenschaftlich zugängliche Aspekt der Wirklichkeit die einzige Wirklichkeit ist. Daraus folgt geradewegs, dass der subjektive Aspekt des Bewusstseins eine Illusion ist. Dem mag so sein – aber sollten wir nicht eher davon ausgehen, dass wir im vollen subjektiven Sinne bewusst sind, als dass Teilchen es nicht sind?

Die Alternative wäre noch rätselhafter

Ein zweiter Vorwurf ist das sogenannte Kombinationsproblem. Wie und warum entsteht die komplexe Einheit des Bewusstseins in unseren Gehirnen aus der Zusammenstellung von Teilchen mit einfachem Bewusstsein? Diese Frage kommt dem ursprünglich harten Problem verdächtig nahe. Ich und andere Verteidiger des Panpsychismus haben argumentiert, dass das Kombinationsproblem dennoch weniger hart ist als das ursprüngliche harte Problem. Es ist auf eine gewisse Weise einfacher, zu einer bewussten Materie (einem bewussten Gehirn) von einer anderen bewussten Materie (wie einer Menge bewusster Partikel) aus zu gelangen, als bewusste Materie von nicht-bewusster herzuleiten. Viele überzeugt das zwar noch nicht. Doch das mag nur eine Frage der Zeit sein. Am ursprünglichen harten Problem haben die Philosophen in der einen oder anderen Form über Jahrhunderte hinweg gegrübelt. Das Kombinationsproblem hat viel weniger Aufmerksamkeit bekommen. Das gibt mehr berechtigte Hoffnung auf eine bislang unentdeckte Lösung.

Die Möglichkeit, dass Bewusstsein der wirklich konkrete Stoff der Realität ist, also die fundamentale Hardware, die die Software unserer physikalischen Theorien implementiert, ist und bleibt eine radikale Idee. Sie stellt unser gewohntes Bild auf den Kopf, so dass man sie vielleicht schwer fassen kann. Doch es mag sein, dass man so die härtesten Probleme der Naturwissenschaft und der Philosophie auf einen Schlag löst.

Aus dem Englischen von Matthias Rugel

Die norwegische Philosophin Hedda Hassel Mørch arbeitet an der Universität Oslo und zurzeit am Center for Mind, Brain and Consciousness der New York University und ist regelmäßige Gastforscherin am Center for Sleep and Consciousness der University of Wisconsin-Madison. Der Text ist erstmals im April 2017 in der Zeitschrift „Nautilus“ erschienen.

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