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Veröffentlicht: 14.07.2017, 09:43 Uhr

Soziale Systeme Diplom-Gesprächspartner

Dem Soziologie-Studium droht der Legitimitätsverlust, weil ihre Lehre sich allein der Forschung widmet. Soziologen haben deswegen einen Vorschlag entwickelt, was mit Soziologie-Absolventen geschehen könnte, die keine Soziologen werden.

von André Kieserling
© Frank Röth Ein Soziologe und ein Psychologe im Gespräch: Hartmut Rosa (r.) und Martin Dornes

Die Soziologie ist bekanntlich nicht nur eine Wissenschaft, sondern zur Beunruhigung vieler Eltern auch ein mögliches Studienfach. Aber was könnte sie ihre Studenten lehren?

Der offizielle Lehrplan des Faches ist, auch nach den Bologna-Reformen, auf den wissenschaftlichen Nachwuchs geeicht. Er bietet genau diejenigen Methoden- und Theoriekenntnisse, die man braucht, wenn man später einmal eigenverantwortliche Forschungen durchführen will. Aber das wollen ja immer nur einige wenige Studenten eines Jahrganges, und für die anderen müsste man möglicherweise etwas anderes im Angebot haben. Heute hat man es nicht – und zieht sich stattdessen auf die in der Humboldt-Tradition üblichen, also leicht und gedankenlos reproduzierbaren Ausreden zurück: Die Einübung in Forschungsprogramme, die man in uneingestandenem Partikularismus den wenigen künftigen Wissenschaftlern angedeihen lässt, sei zugleich Bildung und Horizonterweiterung für alle anderen.

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Diese Verlegenheitsauskunft mochte genügen, solange es gesellschaftskritische Protestbewegungen gab, deren Anhänger, um die eigene Zukunft ganz unbekümmert, die Lehre von der Gesellschaft als Bildungsfach schätzten. Unterdessen hat man es eher mit Studenten zu tun, die irgendeine Form von Berufsvorbereitung erwarten. Diesem Publikum hat die Soziologie wenig zu bieten, und die Befürchtung, es verlieren zu können, wäre nicht unbegründet.

Das Dreierlei der Soziologie: Gesellschaftstheorie, Organisationsforschung und Gesprächswissenschaft

Gegen Ende der sechziger Jahre, als die Soziologie aufhörte, reines Nebenfach zu sein, war das Problembewusstsein an dieser Stelle noch wacher. Soziologen in Bielefeld hatten damals zum Beispiel die Absicht, für verantwortungsvolle Positionen in Organisationen schlechthin auszubilden, Kurse im Aktenstudium eingeschlossen. Das Modell dafür waren die Karrierechancen der Juristen: Im Umgang mit ihren Streitfällen immer auch darin geschult, wie man selbst in schwierigen Lagen zu praktikablen Problemlösungen kommt, können sie sich nicht nur in der Welt der Gerichte und der öffentlichen Verwaltung, sondern in sehr verschiedenartigen Organisationen behaupten. Diese Idee ist dann freilich nie realisiert worden.

Nun haben zwei Soziologen die Diskussion wieder in Gang gebracht, und schon dafür muss man ihnen dankbar sein, auch wenn der Vorschlag selbst vielleicht nicht sogleich überzeugt. Joachim Fischer aus Dresden und Clemens Albrecht aus Bonn erinnern daran, dass die Soziologe nicht nur Gesellschaftstheorie und nicht nur Organisationsforschung, sondern, spätestens seit Erving Goffman, auch Gesprächswissenschaft ist. Aber könnte sie ihre Studenten dann nicht auch zu überzeugenden Gesprächspartnern ausbilden? Im Vertrauen auf eine positive Antwort legen die beiden Autoren gleich die Skizze eines kompletten Lehrplans vor. Er schließt die Vorbereitung auf formale und informale Kontakte in Organisationen ein, geht aber deutlich darüber hinaus. Auch wie man in Konflikten agiert, seinen Ehepartner entstört oder sich in den sogenannten besseren Kreisen bewegt, wollen sie ihren Studenten beibringen.

Soziale Situation wichtiger als Erziehung für Gesprächsverhalten

Diese pädagogische Zuversicht hat einen Leser zu der Rückfrage veranlasst, ob es denn irgendeinen empirischen Hinweis darauf gebe, dass Soziologen in all diesen Gesprächssituationen überzeugender aufträten als andere Leute. Diese Frage ist mehr als berechtigt. Seitdem es den Wissenschaftler als soziale Rolle gibt, haben Nichtwissenschaftler ihn als einen Fremdling der sozialen Welt beschrieben, der sich vor allem über Wahrheiten auf andere Menschen bezieht und sich dadurch bei ihnen unbeliebt macht. Auch Gesprächssoziologen sind keine besonders gewandten Leute.

Aber auch die Soziologie des Gesprächsverhaltens der Studierenden müsste den pädagogischen Optimismus zügeln. Denn wie einer sich in Gesprächen gibt und verhält, darüber entscheiden habituelle Merkmale seiner Person, die ihm oftmals gar nicht bewusst sind. Er mag auswählen können, was er sagt, nicht aber, wie er spricht. Natürlich wird dieser Habitus in sozialen Situationen ausgebildet und nach deutlichem Situationswechsel dann auch umgebildet, aber dies geschieht eben durch Sozialisation und nicht durch Erziehung. Entscheidend ist also nicht, ob es einen Lehrer gibt und was er zu lehren gedenkt, sondern wie die soziale Situation aussieht, in der dies geschieht.

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Die soziale Situation an den Hochschulen kann aber für gesellige Konversation nicht sozialisieren, weil Seminare und Vorlesungen ganz ungesellig gebaut sind. Sie ermuntern zum Beispiel die offene Kritik, statt sie taktvoll zu unterdrücken. Und sie honorieren nicht etwa die knappe und geistreiche Bemerkung, sondern den längeren und gerne auch geistlosen Vortrag. Nicht ohne Grund lautete denn auch einer der ältesten Ratschläge für Gastgeber, besser keine Gelehrten einzuladen: Für diese Leute falle das Wissen kettenförmig an, und daher könnten sie mit dem Reden nicht aufhören. Den guten Ton in allen Lebenslagen wird die Soziologie ihren Studenten also nur sehr begrenzt beibringen können.

 
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Literatur

Joachim Fischer/Clemens Albrecht, Sozioprudenz,
in: soziologie.de/blog/2014/04/sozioprudenz/

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