Die Prognose von Technikfolgen ist so gefragt wie nie
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Soziale Systeme : Zukunft im Plural

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Alles andere als Hokuspokus: Der Blick in die Glaskugel ist für die Technikfolgenabschätzung entbehrlich. Bild: dpa

Futurologie ist keine empirische Wissenschaft. Als Technikfolgenabschätzung aber ist sie so gefragt wie nie. Dafür braucht es nicht mal eine Glaskugel.

          Auch das vergangene Jahr war für die Astrologie wieder ein schlechtes. Sämtliche Versuche, bedeutende Ereignisse für 2016 vorherzusagen, sind wieder einmal gescheitert. Trafen die Prognosen der Wahrsager einmal zu, lag das an der Schwammigkeit ihrer Aussagen: Ein Erdbeben in Japan vorherzusagen beweist keine besonderen seherischen Gaben, da die Erde dort sehr häufig bebt.

          Konkret zu werden verträgt sich nicht mit Zukunftsforschung. Was dabei an dieser Kunst so obskur erscheint, ist weniger das Erstellen von Prognosen über zukünftige Ereignisse selbst, sondern die dazu bemühten Methoden. Wer in eine Glaskugel starrt, im Kaffeesatz oder aus Handflächen liest, bemüht Hokuspokus, wo durchaus alltagstaugliches soziales Wissen völlig ausreichen würde.

          Die gebräuchlichste Methode, Zukunft vorherzusagen, ist schließlich die simple Fortschreibung des bereits Geschehenen. Dass man annehmen darf, das eigene Leben werde auch weiterhin von dramatischen Veränderungen verschont, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Es hat seinen Grund in einer daseinsvorsorgenden Gesellschaftsform, die das Leben vor allzu heftigen Ausschlägen gerade schützen will. Insofern ist die Planbarkeit des Alltags eine zentrale Errungenschaft der modernen Gesellschaft. Diese muss sich aber gleichzeitig davor schützen, trotz des verständlichen Sicherheitsbedürfnisses ihrer Mitglieder nicht gänzlich auf Dynamik und Offenheit der Zukunft zu verzichten.

          „Soziotechnische Zukünfte“

          Dennoch neigen moderne Gesellschaften dazu, ständig Zukunft zu verbrauchen: Um das Erreichte zu bewahren, werden weitreichende Entscheidungen getroffen, deren Auswirkungen auf Jahrzehnte zu bewältigen sind. Dabei muss es nicht gleich um das hier einschlägige Beispiel der Kernenergie gehen, sondern um eine Vielzahl technischer Projekte wie etwa die Energiewende. Sie alle sind eben nicht nur technische Projekte, sondern mit sozialen Folgen so untrennbar verwoben, dass man sie als „soziotechnische Zukünfte“ bezeichnen könnte. Das für den Blick in diese kommenden Gegenwarte einschlägig zuständige soziologische Orakel ist die Technikfolgenabschätzung (TA).

          Als die TA in den 1960er Jahren entstand, arbeitete sie im Wesentlichen mit der einfachen Unterscheidung von Technikziel und Nebenfolgen. Überwogen dann die erwartbaren negativen Folgen den erwünschten Gewinn durch die geplante Technik, konnte man zwar entscheiden, ob es das wert war. Aber das funktionierte natürlich nur unter der Annahme, dass man tatsächlich alle möglichen sozialen Effekte der neuen Technik vorhersehen konnte. Meist jedoch stellte sich erst im Nachhinein heraus, dass neue Techniken auch völlig neue Kontexte erzeugten, die wiederum ganz andere Folgen verursachten. Natürlich lernte die TA mit und versucht sich heute darum an immer komplexeren Begriffen von Technikfolgen.

          Wissenschaftliche Prognosen contra mediale Visionen

          Soziologen des Karlsruher Instituts für Technologie haben jetzt vorgeschlagen, technische Leitbilder, Simulationen, Szenarien, Visionen und Utopien als ebensolche „soziotechnische Zukünfte“ zu bezeichnen. Im Kern einer damit operierenden TA stünde die Frage, welche Annahmen über die Gesellschaft eigentlich in ein technisch geprägtes Zukunftsszenario eingehen. Man wird dabei insbesondere fragen müssen, wie Ingenieure denken, also welches soziologische Wissen die innovationsleitenden „Ingenieurszukünfte“ von anderen Zukunftsvorstellungen unterscheidet. Allerdings wird Zukunft auch von Nichtingenieuren gemacht - etwa von Science-Fiction-Autoren. Man kann heute eine Konkurrenz von wissenschaftlichen Prognosen und medialen Visionen erkennen, die sich allerdings darin gleichen, dass sie von Technik als entscheidendem Faktor in der Entwicklung dieser Zukünfte ausgehen.

          Die Karlsruher Forscher jedenfalls beobachten eine zunehmende Nachfrage nach soziotechnischen Zukünften und eine damit einhergehende Expansion von immer weiter reichenden Zukunftsdiskursen in unserer technisierten Gesellschaft. Dabei gibt es einen immensen Bedarf an Antworten auf die Frage, was kommen wird. Fast etwas verzagt angesichts dieser Sehnsucht nach Zukunftsgewissheit stellen die Karlsruher Forscher fest, dass sich diese Fragen insbesondere an die TA richten werden.

          Das liegt auch am Verblassen traditioneller Lösungsvorschläge. Das waren einmal die Orientierung an der Vergangenheit als Quelle von Handlungswissen auch noch für die Gegenwart, als auch die davon genährte Überzeugung, dass man am besten gar nicht erst versucht, die Zukunft zu erkennen oder gar zu gestalten. Nichts tun, auf Stabilität und Dauer zu setzen, das sind heute keine Optionen mehr. Dazu ist der Druck der Probleme, die auf der Welt lasten, auch zu groß. Zukunft ist zwar längst kein Raum mehr für berauschende Visionen, aber die einzige verbliebene Ressource für die Erhaltung des bereits erreichten zivilisatorischen Niveaus.

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