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Kreativität und Dunkelheit : Freier Gedanken nie fliegen

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Auch wenn man es an manch dunklen Wintertagen nicht glauben mag: Die Erde leuchtet heller denn je. Bild: dpa

Die Tage im Dezember sind kurz und dunkel. Doch Trübsal zu blasen wäre falsch: Dämmerlicht macht uns zu kreativeren, offeneren Menschen.

          Siebzehn Milliarden. Das ist die Zahl der Lichter, die Schätzungen zufolge in dieser Adventszeit die deutschen Straßen schmücken. Sie machen der Dunkelheit auch jetzt, an den kürzesten Tagen des Jahres, den Garaus. Die naturgegebenen Grenzen von Tag und Nacht, Sommer und Winter schwinden immer mehr. Heller denn je leuchtet die Erde. Denn die Dunkelheit ist zwar geheimnisvoll und mystisch, für viele aber vor allem unheimlich und einschränkend.

          „Um zu verstehen, warum wir die Dunkelheit so fürchten, muss man in die Geschichte schauen“, sagt die Volkskundlerin Dagmar Hänel vom Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn. Sie beschäftigt sich von Berufs wegen mit der kulturellen Wahrnehmung dieses Phänomens. „Über Jahrhunderte lebten die Menschen in existentieller Abhängigkeit vom Licht. Die Dunkelheit schränkte ihr Leben in Zeiten, in denen Kerzen das einzige Leuchtmittel und extrem teuer waren, sehr ein“, sagt Hänel. Der Winter war für die Menschen oft lebensbedrohlich, verbunden mit Hunger und Kälte. Erst mit dem Frühling kam die Sonne wieder und versprach neue Fruchtbarkeit.

          Dunkelheit mit Tod und Unheil assoziiert

          Da damals naturwissenschaftliche Zusammenhänge, wie etwa die Photosynthese der Pflanzen, noch nicht entschlüsselt waren, wurde vieles in Symbolik übertragen. An Weihnachten feierten Christen beispielsweise auch, dass mit Jesus das Licht in die Welt gekommen ist. Als ein Symbol Gottes war es extrem positiv besetzt und in seiner Dichotomie zur Dunkelheit von universeller Gültigkeit. Längst nicht nur das Christentum verband das Licht mit Sicherheit und Wärme, kurz dem Leben. Die Dunkelheit hingegen wurde mit Tod und Unheil assoziiert.

          „Es ist für den Menschen beängstigend, wenn er eine Situation nicht überblicken kann“, sagt Hänel. Andererseits bringt die Dunkelheit auch ein starkes Gefühl von Freiheit mit sich. „Wir sehen uns dann selbst weniger Beobachtung ausgesetzt“, sagt Anna Steidle. Die Ludwigsburger Psychologin erforscht, wie die Beleuchtung von Innenräumen unser Wohlbefinden beeinflusst. „In jeder neuen Situation führt unser Gehirn eine Art Schnellscan durch. Wir bewerten die vorherrschende Atmosphäre und leiten daraus ab, wie wir uns selbst am besten verhalten sollten“, beschreibt sie den psychologischen Mechanismus, der einsetzt, wenn wir ein mehr oder weniger gut beleuchtetes Zimmer betreten. Erwartet uns dort vielleicht ein formelles Setting, das Anpassung und Selbstkontrolle erfordert? Oder eher ein gemütliches, informelles, das zu Entspannung einlädt? Steidles Forschung zeigt, dass sich Menschen in der Verborgenheit des Dunklen anonymer und freier von sozialen Normen fühlen. Dann überwinden sie leichter mentale Grenzen, sind offener und denken globaler.

          Da kommen einem doch die besten Ideen: Johannes Rosierse (1818-1901), „Bildnis eines jungen Mädchens bei Kerzenlicht“.

          Ganz banal kann das erklären, warum in der Adventszeit alle Jahre wieder kreatives Backen oder Basteln Konjunktur hat. Dunkle Stunden bieten allgemein einen Nährboden für neue Ideen. „Unsere Aufmerksamkeit ist weiter gefächert als sonst, so dass man auch Gedanken, die zunächst nicht in einen Kontext zu passen scheinen oder gar absurd wirken, eher zulässt und weiterverfolgt“, sagt Anna Steidle. Kreativität zeige sich daher nicht nur im Schaffen, sie helfe auch, Alltagsprobleme zu lösen. In einer ihrer Studien bekamen die Teilnehmer eine Schachtel Streichhölzer und Reißzwecken, um eine Kerze an der Wand zu befestigen. Auf die Idee, die Schachtel zu entleeren, um sie mit der Zwecke an die Wand zu pinnen und sie so als Kerzenständer zu nutzen, muss man freilich erst einmal kommen. Kreatives Schaffen war jedoch ebenso gefragt. Steidle und ihre Kollegen schickten die Teilnehmer auf einen Flug durch die Galaxis. Sie sollten sich dabei die Landung auf einem anderen Planeten und die dortigen Bewohner ausmalen. Bei der Beurteilung ging es darum, wie sehr sich das Aussehen der gezeichneten Aliens von typisch menschlichen Charakteristika unterschied. Hatten sie vielleicht Beine am Kopf?

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