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Veröffentlicht: 01.01.2016, 18:10 Uhr

Gefährliche Infektionen Virus-Angst vor den Olympischen Spielen

Fehlgebildete Babys und quälende Fragen: Brasilien, Gastgeber der kommenden Sommerspiele, fürchtet die Folgen einer Infektionswelle mit dem Zika-Virus. Ihr Auslöser könnte die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 gewesen sein.

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© dpa Weltweit in feuchtheißen Gegenden verbreitet: Die Gelbfiebermücke, die unter anderem das Zika-Virus überträgt.

Nun also auch Puerto Rico. Wie schlimm kann es noch kommen? Das Zika-Virus, das sich huckepack als gefährliche Fracht der Gelbfiebermücken vor Jahrzehnten in Afrika ausgebreitet hat, das dann den Weg nach Asien fand, das hin und wieder auch von Tropentouristen und -forschern in die nördlichen Gefilde eingeschleppt worden ist, dieses womöglich lange unterschätzte Virus verbreitet nun in Süd- und Mittelamerika offenbar Angst und Schrecken. Schuld daran ist zweierlei: erstens ein schlimmer Verdacht, der von Infektionsmedizinern  und Gesundheitspolitikern ausgesprochen wurde, und zweitens das Klimaphänomen El Nino. Ausgerechnet jetzt nämlich,  in dem Jahr, in dem sich einer der stärksten El Ninos der Geschichte vor der südamerikanischen Pazifikküste zusammen gebraut hat und damit für die Überträgermücke Aedes aegypti ideale, feuchtheiße Bedingungen schafft, ausgerechnet jetzt also verfestigt sich der Verdacht, dass das Zika-Virus die Hirnentwicklung von Embryonen mit fatalen Folgen beeinträchtigen könnte.

Joachim  Müller-Jung Folgen:

Bis Mitte Dezember waren allein in Brasilien, wo das Virus vor nicht einmal zwei Jahren erstmals nachgewiesen worden war, 1761 Fälle von Mikrozephalie dokumentiert. Bei Mikrozephalie handelt es sich um eine Fehlentwicklung des Gehirns, die durch den viel zu frühen Verschluss der Schädelnähte verursacht wird und zu viel zu kleinen Schädeln (Kopfumfang unter circa 32 Zentimeter bei Geburt) und oft zu einer ausgeprägten kognitiven Behinderung führt. Einige Experten halten zweieinhalbtausend Fälle für die wahrscheinlichere Zahl. Entscheidend ist: Die allermeisten Fälle waren bisher just in den Regionen entdeckt worden, in denen das Virus Monate vorher Fuß gefasst hatte.

Von „ökologischen Belegen“ spricht das „European Centre for Disease Prevention and Control„ (ECDC), die europäische Infektionszentrale, in einem zwölf Seiten langen Bulletin von Ende November. „Ein möglicher ursächlicher Zusammenhang kann mit den verfügbaren Indizien nicht ausgeschlossen werden.“ Auch die entsprechende amerikanische Infektionsbehörde ist alarmiert und hat eine Reisewarnung herausgegeben. Für viele brasilianische Frauenärzte und Kliniken, auch für die offiziellen Stellen im Land, lag die Sache auf der Hand: Sie raten in den vom Zika-Befall betroffenen Gegenden Frauen vor einer Schwangerschaft ab – oder jedenfalls zu drastischen Schutzmaßnahmen im persönlichen Umfeld und zu Reiseeinschränkungen, um nur ja nicht von den möglicherweise infizierten Gelbfiebermücken gestochen zu werden. Die Föten mit den kleinen Köpfen werden, wenn überhaupt, oft erst spät in den Schwangerschaftsuntersuchungen erkannt. Abtreibungen sind in Brasilien aber ohnehin nicht erlaubt, was dazu führt, dass die geschädigten Babys praktisch alle auch zur Welt kommen.

37865746 © AP Vergrößern Im Oktober geboren mit viel zu kleinem Kopf: Luiza, die Tochter von Angelica Pereira und ihrem Mann in ihrem Haus in Santa Cruz im Bundesstaat Pernambuco.

Normalerweise klingen Zika-Virus-Infektionen bei gesunden Menschen bald wieder ab. Obwohl es in die Gruppe der Flaviviren gehört und damit mit dem viel gefährlicheren Dengue-Virus verwandt ist, hat man den Erreger lange Zeit nicht sonderlich ernst genommen. Neben dem Hautausschlag, Kopfschmerzen,  gelegentlich auch Bindehautentzündung und Fieber, das nur selten 39 Grad erreicht, sind es vor allem die geschwollenen und schmerzenden Glieder, die die Infizierten beeinträchtigen. Allerdings klingen auch diese Symptome meist schon nach einer Woche ab. Bis heute ist kaum ein Todesfall durch eine Zika-Infektion zweifelsfrei nachgewiesen worden.

Bei einem starken Zika-Ausbruch in Französisch-Polynesien vor knapp zwei Jahren allerdings waren erstmals Fälle bekannt geworden, in denen die Infektion mit dem Guillain-Barré-Syndrom in Verbindung gebracht wurde – rätselhafte, schwer zu diagnostizierende  Entzündungen der Nervenbahnen, die  zu regelrechten und fortschreitenden Lähmungen führen können. Mehr Anhaltspunkte für die Vermutung, dass die Viren in einer sensiblen Entwicklungsphase im Mutterleib das Nervengewebe schädigen könnten, gibt es praktisch bisher nicht. Trotzdem ist das Zusammentreffen der Zika-Ausbreitung und den Mikrozephalie-Fällen Warnung genug. Bis zum 9. November etwa waren im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco 141 Kinder mit zu kleinen Köpfen gemeldet worden, in den vier Jahren davor gab es nie mehr als zehn solcher Fälle. Am 11. November nahm  die brasilianische Regierung die ungeklärte Häufung deshalb zum Anlass, eine öffentliche Gesundheitsgefährdung festzustellen, und die Vorsorgemaßnahmen zu verstärken.

Auch die Weltgesundheitsorganisation hat, als sie den Tod von 19 der 1761 dokumentierten Fehlbildungen bei brasilianischen Babys bekannt gab, die Dringlichkeit betont, die Zusammenhänge schnell aufzuklären.Das hängt nicht nur mit der enorm schnellen Ausbreitung der Infektionskrankheit zusammen, die in den zwei Jahren nun schon 14 Staaten erfasst hat - zuletzt, am 31. Dezember, meldete das Gesundheitsministerium von Puerto Rico den ersten (nicht eingeschleppten) Fall einer Zika-Virus-Ansteckung im Land. Es liegt auch daran, dass sich das Problem noch beschleunigen könnte. Im Sommer 2016, wenn die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro stattfinden und El Nino den aktuellen Vorhersagen zufolge noch immer nicht abgeklungen ist, werden Besucher aus aller Welt erwartet. Bereits bei der Ausbreitung des Virus über den südamerikanischen Kontinent, spekulieren Infektologen seit längerem, dürfte ein sportliches Großereignis eine Rolle gespielt haben: Möglicherweise, so wird vermutet, hatte die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2014 entscheidend zur Ausbreitung des Erregers beigetragen.   

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