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Fotografie Hochzeit, Hausbau, Heldentod

Wipperfürth ist eine Kleinstadt im Bergischen Land. Von 1869 bis zum Zweiten Weltkrieg nahmen zwei Fotografen ihre Mitbürger auf. Ihr Archiv hat sich auf 40 000 Glasplatten erhalten - eine einzigartige Quelle.

© Emil (Franz) Johann Baptist Hardt Wipperfürther Fotoschatz: Hochzeit, Hausbau, Heldentod

„Photographie“ - das ist der fettgedruckte Blickfang, der fast die Hälfte der Anzeige einnimmt. Darunter steht, in sehr viel kleineren Lettern: „Von heute ab finden jederzeit in meinem neuerbauten Glashause Aufnahmen statt.“ Datiert ist das Zeitungsinserat mit „Wipperfürth, den 15. Mai 1870“, unterschrieben mit „Theodor Meuwsen“. Ein gelernter Buchbinder, geboren 1839 in Wipperfürth im Bergischen Land, verheiratet, ein Sohn, gestorben irgendwann nach 1900 - bis vor kurzem gab es keinen Grund, sich für den gründlich vergessenen Herrn Meuwsen zu interessieren, der in dem Inserat vor bald 150 Jahren seine Dienste als Fotograf angeboten hat.

Tilman Spreckelsen Folgen:

Bis Erich Kahl, der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Wipperfürth, vor zwei Jahren von einem Sensationsfund berichten konnte: Nach langwierigen Verhandlungen sei es gelungen, das Archiv von Meuwsen und seinem Nachfolger Emil Hardt von dessen Erben zu übernehmen - darunter Objektive, Lampen, eine Kamera und weiteres Zubehör, vor allem aber etwa 40 000 Glasplattennegative. All dies hatte jahrzehntelang auf dem Dachboden des ehemaligen Wohn- und Geschäftshauses der Fotografen gelagert, und dass es überhaupt in diesem Umfang auf uns gekommen ist, grenzt an ein Wunder.

Frische Bilder - mehr als hundert Jahre alt

Zumal der Zugriff direkt auf die Negative unbestreitbare Vorteile mit sich bringt. „Wir kennen unendlich viele fahl gewordene Bilder“, sagt Bodo von Dewitz, Kurator im Kölner Museum Ludwig und Experte für Fotografiegeschichte, „Bilder, die eingeklebt worden und durch die Klebstoffe und Pappen ruiniert worden sind.“ Aber auch die beiden Fotografen hätten das Ihre dazu getan, dass die mehr als hundert Jahre alten Bilder heute so frisch wirkten: „Wir haben es hier mit einem hervorragenden Wissen und Können zu tun, sonst wäre da nicht diese Bildqualität erhalten geblieben“, sagt Dewitz.

19882967 © Heimat- und Geschichtsverein Wipperfürth e.V. Vergrößern Der „Wipperfürther Fotoschatz“ besteht aus rund 40.000 Glasplattennegativen der Fotografen Theodor Meuwsen und Emil (Franz) Johann Baptist Hardt und lagerte über viele Jahrzehnte auf dem Dachboden des Geschäfts- und Wohnhauses an der Unteren Straße. Die Mehrzahl bilden Personenaufnahmen, viele Bilder zeigen aber auch Ansichten von Wipperfürth und Umgebung.

Ein Mitglied des Heimat- und Geschichtsvereins ist seither damit beschäftigt, die Glasnegative, die in ihren historischen Pappschachteln nun auf dem Dachboden des Wipperfürther Rathauses lagern, zu säubern, zu scannen, als Positive sichtbar zu machen und in eine Datenbank zu überführen. Bislang ist ein knappes Viertel in dieser Weise aufgearbeitet, und was dabei zum Vorschein gekommen ist, lässt nicht nur die Freunde der Wipperführther Stadtgeschichte aufhorchen: Meuwsen und Hardt haben, so scheint es, nicht nur einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ihrer Stadt im 1870 „neuerbauten Glashause“ gesehen, dem Atelier mit seitlichem Lichteinfall im obersten Stockwerk, sondern sie waren mit ihrer Ausrüstung auch unterwegs, wo immer in Wipperfürth und Umgebung irgend etwas geschah, was dokumentiert werden sollte.

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Wie viel Gelegenheit es dafür gab, überrascht dann doch. Wipperfürth, in einer Urkunde des Jahres 1134 erstmals erwähnt, rühmt sich zwar, die älteste Stadt im Bergischen Land zu sein, war aber im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert allenfalls für die nähere Umgebung von Bedeutung - noch heute ist nicht jedem geläufig, wo das schmucke 25 000-Einwohner-Städtchen mit dem schönen Marktplatz eigentlich liegt.

Umso interessanter ist der dokumentarische Blick, den Meuwsen und Hardt auf ihre Nachbarn richten, auf Straßenzüge, Feiern, Theateraufführungen oder Baumaßnahmen, wenn etwa die Pfarrkirche restauriert oder ein Staudamm errichtet wird. Die Fotos, die jetzt ans Licht gekommen sind, zeigen Stuckateure vor dem 1911 neu erbauten (und in den 1980er Jahren glücklicherweise vor dem Abriss geretteten) Lehrerseminar, einen Knaben, Bauern auf dem Feld, Vereine beim Umzug oder zwei Schlachter in einem Hinterhof vor einem toten Schwein. Natürlich sind auch spektakuläre Momente festgehalten wie die rauchenden Trümmer am Morgen nach dem Stadtbrand oder der Besuch des Kaisers am 16. Oktober 1913 - der Monarch zeigte sich damals ein paar Minuten lang auf dem Rücksitz eines hinten offenen Autos, dann fuhr er weiter.

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