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Forschungspolitik : Die Zeit ist überreif - die Forschung braucht mehr Frauen

Frauen haben es in der Forschung noch immer schwer. Nur wenige Naturwissenschaftlerinnen erreichen eine Führungsposition. Das liegt aber nicht an mangelnder Leistungsbereitschaft und geringerer Qualifikation.

          Berühmte Wissenschaftlerinnen hatten es schon immer schwer. Die Mathematikerin Sophie Germain (1776 bis 1831) zum Beispiel korrespondierte einst mit Carl Friedrich Gauß stets unter einem männlichen Pseudonym, weil sie "die Lächerlichkeit fürchtete, die dem Namen einer gelehrten Frau anhaftete". Die Ironie der Geschichte: Die Mathematiker Luis Lagrange und Simeon Poisson hatten von ihren Arbeiten profitiert, ohne daß sie es jemals zugaben. Eine solche Diskriminierung gehört zwar schon lange der Vergangenheit an. Aber noch immer sind Naturwissenschaftlerinnen in Spitzenpositionen hierzulande nur selten anzutreffen, wenn sich auch durchaus die Situation in jüngster Zeit zu bessern scheint. Über die Gründe, die einer Karriere in Wirtschaft und Wissenschaft nach wie vor im Wege stehen, ist viel spekuliert worden. Sie sind vielfältig, auf den ersten Blick bisweilen nicht leicht durchschaubar, letztlich dann aber doch häufig auch wieder banal, wie die Tagung "Women in Science" am Anfang dieser Woche nur allzu deutlich gezeigt hat.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Daß es zu wenige Naturwissenschaftlerinnen in Führungspositionen gibt, liegt nicht an mangelnder Leistungsbereitschaft und geringeren Qualifikationen. Das belegen eindeutig die jüngsten Zahlen. Danach haben Mädchen die besseren Schulnoten und machen häufiger das Abitur. Die Zahl der Studienanfängerinnen hat in diesem Jahr erstmals die 50-Prozent-Marge überschritten. Das wirkt sich nun auch in den Fächern Physik und Chemie aus, die noch immer von Männern dominiert werden. Doch mit fortgeschrittener Karrierestufe wird der Anteil an Naturwissenschaftlerinnen immer geringer. Während sich in der Chemie der Prozentsatz der Frauen, die sich habilitieren, auf etwa zwanzig Prozent erhöht hat, bleibt der Frauenanteil unter den Professoren nach wie vor niedrig. So ist er bei den C4-Stellen gerade mal vier Prozent.

          Deutschland ist hinsichtlich des Frauenanteils im europäischen Vergleich im unteren Drittel der Skala zu finden. Spitzenreiter ist Finnland. Dort sind rund ein Drittel der Lehrstühle in weiblicher Hand. In Frankreich, wo es in den neunziger Jahren sogar eine Frau an die Spitze der nationalen Forschungsorganisation, des "Centre National de la Recherche Scientific", geschafft hatte, sind es mehr als 20 Prozent. Ähnliche Verhältnisse wie an den deutschen Hochschulen herrschen in der forschenden Industrie dieses Landes.

          Die Ursachen und Gründe für das Ungleichgewicht sind schnell ausgemacht. So beendet häufig der Kinderwunsch oder die Gründung einer Familie die naturwissenschaftliche Karriere einer Frau. Fällt der Wiedereinstieg nach einer Babypause während der Promotion oder der Habilitation noch vergleichsweise leicht, ist er zu einem späteren Zeitpunkt deutlich erschwert. Bei einer Stellenbesetzung traut man der jungen Mutter durch die Doppelbelastung - Kind und Beruf - bei gleicher oder besserer Qualifikation nicht die gleiche Leistungsbereitschaft und Flexibilität wie ihren männlichen Kollegen zu. Dadurch wird den Frauen häufig der Mut genommen, die berufliche Laufbahn nach einer Babypause wiederaufzunehmen. Nur allzuoft verschwinden die hochqualifizierten Frauen nach der Geburt ihres Kindes ganz aus dem Wissenschaftsbetrieb. So geht in vielen Fällen dringend benötigter wissenschaftlicher Nachwuchs verloren. Oftmals fehlt es den Betroffenen an Vorbildern. Die notwendige Unterstützung und Förderung könnten sogenannte Mentoringprogramme sein, wie es der "Ada-Lovelace-Verein" (www.ada-mentoring.de) bietet. Auch die von Bund oder Land geförderten Stipendien für junge Frauen sind oft die einzige Chance für den Wiedereinstieg, bedeuten sie doch für das betroffene Institut eine geringere finanzielle Belastung.

          Häufig sind es aber auch strukturelle oder organisatorische Schwierigkeiten wie steuerliche Benachteiligung oder mangelnde Kinderbetreuung, die eine Rolle spielen. Von einem verbesserten Angebot von leicht erreichbaren Kindergärten und von Ganztagsschulen würde gewiß auch so manches Kind profitieren. Deutschland sollte sich hier die Infrastrukturen in Frankreich oder Amerika zum Vorbild nehmen, wo berufstätige Mütter mit einer akademischen Ausbildung selbstverständlich sind.

          Nicht selten ist eine berufstätige Mutter mit einem qualifizierten Hochschulabschluß dem Vorwurf ausgesetzt, eine Rabenmutter zu sein. Ihre Berufstätigkeit wird von der Gesellschaft noch primär als reine Selbstverwirklichung angesehen, die auf Kosten des Kindes geht. Schweden könnte hier ein Vorbild sein. Dort hat man sich in den siebziger Jahren endgültig von der traditionellen Geschlechterideologie verabschiedet. Grundverständnis ist es nun, daß jeder Erwachsene sowohl für den Unterhalt als auch für die Familienarbeit notwendig ist. Der Erziehungsurlaub für Väter ist mittlerweile auf allen Ebenen eine Selbstverständlichkeit. Ein Grund für eine weitere Benachteiligung von Frauen liegt an von Männern dominierten Berufungskommissionen und Gutachtergremien, die Seilschaften und stärkere Protektion der Geschlechtsgenossen begünstigen.

          Deutschland hat in Sachen Chancengleichheit also dringend Nachholbedarf. Dieses Eindrucks kann man sich nach der Tagung "Women in Science" nicht erwehren. Doch es gibt auch viele ermutigende Beispiele von Frauen, die trotz aller Widerstände ihren Weg gegangen sind und es geschafft haben, sich in einer Männerwelt zu behaupten. Sie zeichnen sich häufig durch außergewöhnliche Fähigkeiten aus, die zunehmend auch von Männern geschätzt werden. "Verbinde das Männliche mit dem Weiblichen, und du wirst finden, was du suchst" - das wußte Maria die Jüdin, besser bekannt als Prophetin Miriam, die in der Antike als Alchimistin in Alexandria wirkte.

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