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Zeitschrift „Naturwissenschaften“ Ein Flaggschiff nach britischem Vorbild

 ·  Die Zeitschrift „Naturwissenschaften“ war vor hundert Jahren erstmals erschienen. Das Vorbild „Nature“ bleibt unerreicht, doch sie ist ein deutsches Flaggschiff.

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Naturwissenschaften (2013) 100. Diesen Literaturhinweis, gefolgt von einer Seitenzahl, wird man künftig des öfteren in internationalen wissenschaftlichen Publikationen finden. So nüchtern derartige Zitate sind - in diesem Fall handelt es sich um eines, auf das man beim Springer-Verlag in Berlin und Heidelberg stolz ist. Schließlich besagt die Zahl hinter dem Jahr, dass es sich um den hundertsten Band handelt, und da jeder Band die Hefte eines Jahrgangs umfasst, gibt er Auskunft über das Alter der Zeitschrift. Erstmals erschienen sind die „Naturwissenschaften“ im Januar 1913. Die Idee stammte von dem Physiker Arnold Berliner. Ähnlich wie das die seit 1869 bestehende Zeitschrift „Nature“ schon für den angelsächsischen Sprachraum leistete, sollte die neue Publikation „jeden auf dem Gebiete der Naturforschung Tätigen über die Fortschritte auf dem Gesamtgebiete der Naturwissenschaften unterrichten“. Sie sollte in dieser Hinsicht mehr bieten als andere naturwissenschaftliche Zeitschriften in Deutschland.

Beim Verleger Ferdinand Springer stieß Berliner sofort auf Zustimmung, und so konnte die Idee innerhalb von nur sieben Monaten in die Praxis umgesetzt werden. An Anerkennung von wissenschaftlicher Seite mangelte es nicht. Auch Albert Einstein war voll des Lobes. Die Aktivität des einzelnen Forschers, so schrieb er 1932 in den „Naturwissenschaften“ in einem Geburtstagsaufsatz für Berliner, müsse sich wegen der zunehmenden Spezialisierung auf einen immer beschränkteren Sektor des Gesamtwissens zurückziehen. Noch schlimmer sei es, dass das Verständnis für das Ganze der Wissenschaft, ohne das der echte Forschergeist notwendig erlahmen müsse, immer schwieriger mit der Entwicklung Schritt halten könne. „Wir alle haben unter dieser Not gelitten, aber nichts zu ihrer Linderung unternommen: Berliner aber hat für das deutsche Sprachgebiet in vorbildlicher Weise Abhilfe geschaffen.“ Die Nationalsozialisten hinderte das nicht daran, Berliner wegen seiner jüdischen Abstammung als Herausgeber der „Naturwissenschaften“ absetzen zu lassen. Einsteins Artikel wurde als Beispiel für „das Prinzip des Lobes auf Gegenseitigkeit unter jüdischen Gelehrten“ hingestellt. Die bevorstehende Deportation trieb Berliner 1942 in den Suizid.

Trotz Titel dominiert das Englische

Beim Springer-Verlag, der mehr als 2000 Zeitschriften herausbringt, sieht man in den „Naturwissenschaften“ ein „Flaggschiff“. Gemessen etwa an dem früheren Vorbild „Nature“, handelt es sich freilich nicht um einen mächtigen Dampfer, sondern eher um ein bescheidenes Segelschiff. Die Zeitschrift ist alt, aber längst nicht mehr die alte. Der deutsche Titel täuscht darüber hinweg, dass sämtliche Beiträge auf Englisch verfasst sind. Mit der schon in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begonnenen Umstellung trug man der Tatsache Rechnung, dass sich die deutsche Sprache in den Naturwissenschaften der Bedeutungslosigkeit näherte. Heute indessen können Forscher aus aller Welt, die nach eingehender Prüfung, der „Peer Review“, ein „Paper“ in den Naturwissenschaften unterbringen, damit rechnen, dass ihr Beitrag wahrgenommen und zitiert wird. Wer sogar mit dem deutschen Titel nichts mehr anfangen kann, wird durch den Zusatz „The Science of Nature“ aufgeklärt.

Zum Lesen bedarf es natürlich schon seit geraumer Zeit nicht mehr des gedruckten Heftes. Nicht nur, dass alle Ausgaben auch online verfügbar sind - die neuesten Veröffentlichungen können auf diesem Wege schon vorab eingesehen werden. Abonnenten, darunter vor allem Bibliotheken und wissenschaftliche Einrichtungen, steht der volle Inhalt zur Verfügung, andere Interessierte müssen sich meist mit kurzen Zusammenfassungen begnügen.

Mehr an „die großen Fragen“ wagen

Die „Naturwissenschaften“ müssen sich harter Konkurrenz erwehren, denn der Markt der naturwissenschaftlichen Zeitschriften ist umkämpft. Eine anspruchsvolle Aufgabe also für Sven Thatje, der vor drei Jahren wissenschaftlicher Herausgeber wurde. Der in Bremen promovierte deutsche Forscher lehrt Marine Evolutionäre Ökologie an der Universität Southampton. Thatje hat klare Vorstellungen, wie Springers Flaggschiff in schwerer See auf Kurs gehalten werden soll. Das zeigt sich etwa an neuen Formaten für Artikel, zum Beispiel den „Kurzen Mitteilungen“, deren Länge strikt auf 2500 Wörter begrenzt wurde. Für Thatje geht die Fähigkeit einzelner Wissenschaftler, große Fragestellungen der Zeit fächerübergreifend zu erfassen, immer weiter verloren. Daher soll die Lesbarkeit der Beiträge zunehmen, etwa indem fachspezifische Einzelheiten in einen elektronischen Anhang ausgelagert werden. Der Zeitschrift fehlt, anders als großen Titeln wie Nature und Science, ein redaktioneller Teil, der dem Leser neue Forschungsergebnisse aus übergeordneter Sicht darbietet. Das war in der ersten Zeit anders, und Thatje ist überzeugt, dass dies auch wieder kommen wird.

Ändern dürfte sich auch das Erscheinungsbild: „Auch wenn ich persönlich noch gerne ein gedrucktes Heft in Händen halte und das Studieren eines nach Papier riechenden Buches oder Heftes vielleicht leicht sentimentale Züge anklingen lässt, so wird die Zukunft des akademischen Publizierens aus meiner Sicht ganz allein in den elektronischen Medien liegen.“ Es bleibt jedenfalls das große Ziel, die Integration der Wissenschaften zu fördern. „Die rasch fortschreitende Spezialisierung auf allen Gebieten der Naturforschung erschwert es dem Einzelnen, sich auch nur auf seinen Nachbargebieten zu orientieren. Geradezu unmöglich wird ihm aber die Orientierung auf den ferner liegenden Gebieten. Andererseits muß sich jedem das geistige Bedürfnis um so fühlbarer machen, den Zusammenhang mit dem Ganzen nicht zu verlieren, je mehr er gezwungen ist, das Feld der eigenen Arbeit einzuengen - ist er doch meist auf die Hilfe anderer Zweige der Naturwissenschaft angewiesen.“ Nachzulesen in Naturwissenschaften (1913)1.

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07.01.2013, 18:20 Uhr

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